1 Jahr Corona

1 Jahr Corona, für manche 1 Jahr Home Office, Monate mit Home Schooling und ohne Einkaufsbummel, Cafés und Restaurants, Theater, Kino usw. Seit einem Jahr hat sich unsere Welt verändert, so schreibt es Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler in seinem Gemeindebrief...

Pfarrer Matthias Vosseler von der Stuttgarter Stiftskirche lässt mal das eine Jahr der Corona-Pandemie Revue passieren.

Am Anfang war das Weinen… 
Am Anfang der Corona-Zeit stand das Weinen, zumindest bei mir. Als im März 2020 schnell und dramatisch klar wurde: Wir müssen vor Ort in der Stiftskirche auf all das verzichten, was mir lieb und wert und Lebensinhalt ist, nämlich unsere Gottesdienste und Andachten. Da kamen mir beim letzten Mittagsgebet vor dem Lockdown die Tränen. Es fühlte sich an wie bei einer Beerdigung und tat richtig weh!
Dann standen die Fragen im Blick: „Wie können wir in dieser Zeit mit allen Einschränkungen Gemeinde leben, Gemeinde bauen? Wie können wir zusammen sein, so gut es irgend möglich ist?“
Wie oft standen Menschen in der Kirchengeschichte der letzten 2000 Jahre vor ganz ähnlichen Fragen! Für mich ist die Corona-Epidemie eine Katastrophe, mit Sicherheit die größte seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Sie ist keine Plage Gottes, aber sie stellt vieles Selbstverständliche in Frage.
Im Programm des Gemeindebriefs vor genau einem Jahr (März bis Mai) konnten wir noch die ersten beiden Wochen so machen, wie vorgesehen, dann war erst einmal Schluss. Die anderen 80%, die angedacht, geplant und zum Teil auch schon vorbereitet waren, mussten abgesagt werden.
Im Rückblick werden wir einmal sagen, dass die Maßnahmen im Großen und Ganzen richtig und wichtig waren, dass sie mit viel Aufwand umgesetzt werden konnten. So konnten wir unseren Teil zur Eindämmung der Pandemie beitragen.
Die Konfirmation mit einer großen Gruppe mussten wir zwei Mal verschieben, vom Mai in den Juli und schließlich in den September. Aber Konfirmation gefeiert haben wir dann doch, und wie!
Es war in vielen Dingen auch ein Innehalten und Zeit, den manchmal rastlosen Betrieb zu hinterfragen und zu schauen, was wirklich wichtig ist.
Seit genau einem Jahr schreibe ich wieder ausführlich Tagebuch. Nur in Zeiten, die gefühlt Zeiten jenseits des gewöhnlichen Alltags sind, habe ich das bisher gemacht: Als junger Mensch im Herbst `89 habe ich fleißig geschrieben oder 2008/2009, als ich neu hierher kam oder jetzt in der Corona-Zeit.

Wo tat und tut diese Zeit besonders weh?
Die fehlenden persönlichen Kontakte schmerzen mich besonders, die kaum möglichen Besuche in Alten- und Pflegeheime, die Trauerfeiern fast ohne Menschen. Christliche Gemeinde lebt von Begegnung, Begegnungen von Angesicht zu Angesicht.
Dieses Jahr war sehr anstrengend, gefühlt bin zumindest ich in diesem Jahr um vier oder fünf Jahre gealtert.
Diese Zeit hat Folgen für die Innenstadt, in der wir leben und arbeiten: Viele sprechen schon von einer kommenden "Verödung der Innenstadt". Manche Läden, Restaurants, ja vor allem inhabergeführte Geschäfte wird es danach nicht mehr geben oder zumindest nicht mehr so wie bisher. Das ist auch eine Frage an unsere Gesellschaft, an das Mietniveau in der Innenstadt und an unser Einkaufsverhalten. Welchen Beitrag werden wir als Kirchen in der Innenstadt dazu leisten?
Kirchliche Arbeit wird nach Corona eine andere sein. Es sind nicht nur 10-15% weniger Finanzmittel.
Die Ampeln werden nicht einfach im Sommer oder Herbst wieder auf Grün schalten und dann ist alles wieder wie vorher. Dafür ist zu viel anders geworden.
Wir werden noch genauer zu entscheiden haben, was wir auch in Zukunft tun werden, auf was wir als Gemeinde Jesu Christi auch verzichten können und was wir aber auch ganz neu angehen, um Menschen zu erreichen. Keine leichte Entscheidung, aber eine gemeinsame. Die Zusagen Jesu bleiben. Deshalb bin ich da im Blick auf die Zukunft zuversichtlich. Gemeinde Jesu hat immer einen Weg gefunden, den Glauben gemeinsam zu leben und zu teilen.
Wir haben Briefe geschrieben, Telefonaktionen durchgeführt; viele digitale Angebote kamen ganz neu dazu.

Was mir sehr am Herzen liegt: dass wir den Blick nach außen nicht verlieren! 
In der Landessynode bin ich (mit Begeisterung!) im Ausschuss für "Mission, Ökumene und Entwicklung" (MOE). Dort geht es um unseren Blick über den Tellerrand. Wie geht es unseren christlichen Geschwistern in aller Welt? Wie ist es mit denen, die jetzt den Winter in Flüchtlingscamps verbringen mussten, oft unter fast unmenschlichen Bedingungen? Dabei genügt es nicht, die Sachen nur "im Blick" zu haben, sondern, so gut es geht zu handeln.
Das prägt meine Arbeit in der Synode: Den Blick nach außen nicht verlieren.
Wir haben neue Kontakte geknüpft: Kurz vor dem ersten Lockdown, beim letzten Kirchenkaffee, hatten wir Besuch aus London, von der ältesten Kirche Londons, der anglikanischen Allerheiligenkirche beim Tower (All Hallows by the Tower). Wir haben überlegt, wie ein gegenseitiger Austausch aussehen könnte, die Verbindung zweier alter Kirchen im Zentrum einer Großstadt.
Wir bleiben dran, gerade nach dem Brexit sind solche Verbindungen, die vielleicht zu einer Partnergemeinde werden könnten, wichtig.

Die digitalen Möglichkeiten
Die letzten zwölf Monate haben uns auch digital verändert. Dankbar bin ich auch für das, was durch digitalen Fortschritt nun möglich ist. Ich freue mich auch über alle, die sich da reinarbeiten und oft im Alter noch einmal ganz neu Lernen.
Ich habe z. B. Gottesdienste meiner Heimatgemeinde angeschaut, meinen Bruder an der Orgel gesehen. Vieles findet im Netz statt und da ist noch viel Luft nach oben, im ganzen kirchlichen Bereich, auch bei uns. Manches war nicht sehr professionell, was manchmal von Profis beanstandet oder belächelt wurde; aber wenn es Gemeinde gebaut hat und für die Menschen da war, war und ist es richtig.
Wir haben gemerkt: Gebetsabende gehen auch per Zoom-Treffen.
Ohne digitale Angebote werden wir die junge Generation einfach nicht mehr erreichen. Gottesdienste online, Kirche bei instagram und tiktok…. Die Möglichkeiten sind sehr groß.
Wir haben Andachten aus der Stiftskirche aufgenommen und auf youtube gestellt und seit dem Krippenspiel unserer Kinderkirche haben wir einen eigenen Youtube-Kanal. 
Mein persönlicher Tipp: die täglichen Morgen- und Abendgebete von evangelisch.de auf Instagram. Mir sind sie sehr wertvoll geworden. 

Dankbarkeit in diesen Tagen
In den vergangenen Monaten habe ich "Dankbarkeit" noch einmal neu entdeckt. Dankbar zu sein für so viele Dinge im Leben. Im letzten Jahr habe ich sehr viele Bilder und Videos gemacht. Wenn ich sie anschaue, spüre ich ganz viel Grund zur Dankbarkeit.
Ich bin dankbar, wieviel in diesem Jahr möglich war. Ich bin dankbar für alle Kreativität, die uns geschenkt wurde und für alle neuen Wege, die sich eröffnet haben.
Ich bin dankbar für das gute Miteinander der Hauptamtlichen und für all das, was Gemeinde und Stiftsmusik gemeinsam auf die Beine gestellt haben.
Ich bin dankbar für den großen Einsatz des Kirchengemeinderats und der Ehrenamtlichen, mit deren Hilfe wir die Kirche öffnen können und in Gottesdiensten und anderen Dingen für die Einhaltung der Hygiene-Regeln sorgen können.
Ich bin dankbar, dass wir die Kirche täglich offen halten durften und dass wir trotz vieler Einschränkungen, auch vor Ort Gemeinschaft gelebt und zum Glauben eingeladen haben.
Ich bin dankbar für die große Spendenbereitschaft. Dadurch konnten wir einige große Projekte in der Kirche nun durchführen, die unser Kircheninneres verbessern: Eine neue Mikrofonanlage wurde bereits eingebaut, und nun findet die große Orgelausreinigung statt, außerdem die Glassegelreinigung.
Ich bin dankbar für die Chancen einer Vesperkirche und für alles diakonische Handeln in der Innenstadt. Es ist Ausdruck unseres Glaubens in der Welt.
Ich bin dankbar für alle Beziehungen, die tragen und auf die Verlass ist.
Ich bin dankbar, in was für einer schönen Gegend wir leben dürfen und die uns immer wieder gut tut.
Ja, der Psalmbeter hat recht, wenn er uns zuruft: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2)

Was ist im Blick? Wir sollen unsere Träume nicht verlieren… 
In meinem Kopf ist nun schon fast ein Jahr ein Bild und ein Moment, auf den wir zugehen: Es ist der Moment, in dem wir wieder Gottesdienst feiern: gemeinsam, ohne Masken, ohne Abstand, mit viel Gesang. Dann singen wir: „Großer Gott, wir loben Dich“, natürlich alle zwölf Strophen. Darauf gehen wir zu, auch wenn das noch eine Weile dauern wird. Es wird in Etappen gehen aber so war es einst schon bei der Arche Noah. Und nach dem Gottesdienst wird es wieder Kirchenkaffee geben, nicht nur mit Kaffee und Keksen, sondern auch mit dem Wein, der von den ausgefallenen Abendmahlsfeiern noch in Hülle und Fülle da ist. Mindestens!
Bis dahin leuchten mir immer wieder die Worte der Bibel, die uns begleiten: Ich denke oft an das Trostwort Jesu: „Jetzt habt ihr Traurigkeit“ (Johannes 16,22).
Ja, manchmal bin ich in dieser Zeit traurig und das darf auch sein. Aber der Bibelvers bleibt dabei nicht stehen. Jesus sagt weiter: „Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ 
Gottes Möglichkeiten sind nicht zu Ende. Sie reichen bis an die Enden der Erde.

Text: Stiftspfarrer Matthias Vosseler /Gemeindebrief