10 Jahre beim Hymnus

Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben gibt es seit über 100 Jahren. Seit 10 Jahren leitet Kirchenmusikdirektor Rainer Johannes Homburg den Knabenchor und hat im Laufe der Zeit schon einiges mit "seinen Jungs" erlebt. Ob Konzertourneen oder CD-Aufnahmen, beim Hymnus liegt immer Musik in der Luft...

KDM Rainer Johannes Homburg feiert sein 10-jähriges Dienstjubiläum bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben

Bei den Auftritten des Knabenchors sind - verständlicherweise - immer alle Blicke der ZuhörerINNEN auf die Jungen gerichtet. Wir wollten nun anlässlich des 10-jährigen Dienstjubiläums von KMD Rainer Johannes Homburg mal einen genaueren Blick auf den Chorleiter werfen und ihm damit zu seiner hervorragenden Jugendarbeit gratulieren.

RED: Lieber Herr Homburg, bei Ihnen steht das 10-jährige Jubiläum als künstlerischer Leiter der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben an. Was hat Sie damals bewogen, diese Stelle anzutreten?

RJH: Der erste Grund ist meine ausgeprägte Liebe zur Chormusik und zur Chorarbeit. Mich darauf vollständig konzentrieren zu können, gab den Ausschlag zur Bewerbung. Das Haus ist voller wunderbarer junger Sänger und engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier habe ich die Möglichkeit, meine Vision von Kirchenmusik als musikalisch gegründeter Vermittlung von theologischen Inhalten zu verwirklichen. Dazu kommt das einerseits herausfordernde, andererseits aber überaus chancenreiche Umfeld der Großstadt Stuttgart.

RED: Gehen wir noch einen Schritt zurück und werfen einen Blick auf Ihre Vita. Wodurch war Ihre musikalische Laufbahn vor dem Hymnus geprägt?

RJH: Ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen. Die Kirche direkt nebenan, eine bessere Möglichkeit, sich die Orgel zu erobern gibt es nicht! Über das Instrument kam ich zum Studium der Kirchenmusik nach Köln, über das Studium in den Genuss einer umfassenden Ausbildung als Chordirigent. Hier hat mich sofort die Chance begeistert, mit Menschen zu arbeiten. Eine Choraufführung ist immer ein Gemeinschaftswerk. Da kann der eine nicht auf Kosten des anderen Recht haben. Nur wenn alle an einem Strang ziehen gelingt es, die HörerINNEN zu überzeugen. Darum habe ich dann einen weiteren Studiengang zum Dirigenten für Chor und Orchester angeschlossen.
Meine erste hauptamtliche Stelle als Kirchenmusiker war die eines Landeskantors der Lippischen Landeskirche, verbunden mit der Leitung der Kirchenmusik an St. Marien in Lemgo. Hier hatte ich eine durch Rundfunk- und Schallplatteneinspielungen bekannte Kantorei zur Verfügung, die ich weiter ausbauen konnte. Die Gründung von Handel´s Company war hier ein wichtiger Schritt. Ursprünglich nur als Orchester für Alte Musik gedacht, ist es inzwischen durch einen Chor ergänzt. Mit diesen Ensembles konnte ich 2008 einen ECHO-Klassik gewinnen. Eine große Ehre und Auszeichnung.

RED: Wow, beeindruckend - genauso wie das, was Sie in 10 Jahren bei den Chorknaben geschafft haben. Was wäre an dieser Stelle zu nennen?

RJH: Wir befinden uns inzwischen schon in der zweiten Strukturreform! Direkt am Anfang lag mir daran, die Chorgruppen zu verkleinern, um so intensiver mit den einzelnen Sängern arbeiten zu können. Dazu habe ich die räumliche Situation im Haus verändert, damit sich die Mitarbeitenden stärker als Team erleben und vernetzen.
Seit 2014 befindet sich die nun aktuelle zweite Reform in Vorbereitung. Der Chor soll angesichts von G8 und gesetzlich verankerter Ganztagsschule zukunftsfähig gemacht werden. Die Idee besteht darin, das Chorheim zu einem wirklichen Heim zu machen, das man nach der Schule direkt ansteuert, auch wenn man keine Probe hat. Man trifft Freunde, kann Hausaufgaben machen, seine Instrumente üben, Fußball spielen oder dergleichen mehr.
Hier konnten wir nun Anfang des aktuellen Schuljahres einen pädagogischen Betreuer einstellen.
Dazu startete unsere vertiefte Ausbildung. Zwölf Jungs, zum Teil Schüler des Musikgymnasiums Baden-Württemberg am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, durchaus aber auch Schüler anderer Schulen, erhalten erweiterten Gesangsunterricht. Dazu kommen zwei wöchentliche Einheiten in Chorsingen, Dirigieren, musikalischer Analyse und Auftrittstraining, die ich selber durchführe. Mit Alexander Sonderegger konnte ein hervorragender Klavierlehrer für das Haus gewonnen werden. Hier liegt vielleicht die Quelle der Zukunft einer „schwarmintelligenten“ Chorarbeit. Das alles schafft Voraussetzungen für künstlerische Höchstleistungen.
Fünf CD-Produktionen sind seit 2010 entstanden. Von den vielen Konzertreisen sind die nach England und in die USA in bester Erinnerung. Durch unsere Erfahrungen mit der Form des Evensongs in England wurde die Reihe unserer Vespern in der Matthäuskirche inspiriert.
Unser großes szenisches Programm „Luthers Tat“ zum Reformationsjubiläum hat den Hymnus in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Bisher durfte ich den Chor bei rund 500 Auftritten leiten. Eine ebenso große Freude wie die vielen Freundschaften, die seit meinem Start in Stuttgart entstanden sind!

RED: Welche neuen musikalischen Ziele haben Sie sich im Hinblick auf die nächsten 10 Jahre für den Knabenchor gesteckt?

RJH: Da ist zunächst die Vollendung unseres Aufnahmezyklusses mit Bachs Großwerken. Anfang 2020 haben wir in sieben Tagen sein Weihnachtsoratorium aufgenommen. Als CD erscheint es im Herbst dieses Jahres [Anmerkung RED: Ein schönes Weihnachtsgeschenk!].
Die Johannes-Passion liegt bereits vor. Fehlen also noch die Matthäus-Passion und die h-moll-Messe.
Verschiedene Großprojekte sind in Vorbereitung und werden sicher in Zukunft dafür sorgen, dass uns nicht langweilig wird.
Die stetige Weiterentwicklung des Chores, auch durch die Fortsetzung der Reform, ist bei einem so schnellen Unternehmen wie einem Knabenchor unerlässlich.

RED: Apropos, Knabenchor – die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben gibt es ja schon seit 1900. Was macht so einen Chor aus und warum ist er heute, über 100 Jahre später, noch genauso gefragt wie um 1900?

RJH: Durch das Besondere eines Knabenchores an sich! Unser Chor besteht ja aus Knabenstimmen in Sopran und Alt und aus Männerstimmen in Tenor und Bass. Die Jüngeren können also viel höher singen als die Älteren. In allen anderen Bereichen sind in der Jugend die Älteren überlegen, sei es bei Sport, in den intellektuellen Disziplinen oder auf den Instrumenten. Nicht so hier! Das schafft eine ganz eigene und besondere Wertschätzung für die Jüngeren. Gleichzeitig sind die Männer natürlich große Vorbilder für die Knaben. Sich in diese ganz einzigartige Mischung aus musischem Umfeld und besonderer Wertschätzung zu begeben, macht den besonderen Reiz aus.

RED: Auch wenn die Jungs und Sie gerade mit Konzertauftritten pausieren müssen, kann man die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben dennoch hören. Erzählen Sie mal von der letzten CD-Produktion und wo man die CD bekommt?

RJH: In der Tat - die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben pausieren, weil sich öffentliche Auftritte im Moment verbieten. Aber intern proben wir weiter. Hierzu haben wir das Projekt „OnlineHymnus" aus der Taufe gehoben. Die Sänger bekommen Videotutorials und Feedback. So hoffen wir, etwas gegen die Tristesse im Alltag der jungen Leute zu tun und gleichzeitig den Chor fit zu halten für die Zeit „danach“.
Will man den Chor hören, so gibt es z. B. unseren YouTube-Kanal, der auch über die landeskirchliche Seite "Gemeindeleben online" verlinkt ist. Dort findet sich auch ein Video-Clip über unsere CD-Produktion von Bachs „Weihnachtsoratorium“. Das Erscheinen ist für den Herbst 2020 vorgesehen. Die bereits erhältlichen Aufnahmen sind über die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben zu bekommen.
Für den Moment kann ich allen Leserinnen und Lesern nur wünschen: Bleiben Sie gesund und zuversichtlich!

RED: Vielen lieben Dank, Herr Homburg, und nochmals Gratualation zum 10-Jährigen! Und dann freuen wir uns auf die Auftritte der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben in der Zeit nach Corona.