20 Jahre Stadtteilhaus Mitte

Das Stadtteilhaus Mitte bereitet sich auf ein Jubiläum vor: 20 Jahre müssen gefeiert werden! Wie alles begann, welche Arbeit das Stadtteilhaus heute im Quartier leistet und was es für die Zukunft braucht, erzählen Angela Hantke-vom Lehn und Jürgen Kull.

3 x 2 Fragen an Angela Hantke-vom Lehn und Jürgen Kull

Als Dipl. Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin ist Angela Hantke-vom Lehn im Stadtteilhaus Mitte unterwegs

"Mitte is Schitte" - das gilt oder galt nur für die Hauptstadt Berlin. In Stuttgart sieht es damit ganz anders aus, denn in Mitte steht schon immer das Stadtteilhaus, das zur Evangelischen Leonhardsgemeinde gehört und hier gilt: "Mitte is ne Schnitte!" Denn von der guten Quartiersarbeit kann sich so manch andere Einrichtung "ne ordentliche Scheibe" abschneiden. Jetzt steht das 20-jährige Jubliäum an und so haben uns im Interview die beiden Hauptamtlichen, Angela Hantke-vom Lehn und Jürgen Kull, Ein- und Ausblick in ihre Stadtteilhausarbeit gewährt.

RED: Liebe Frau Hantke-vom Lehn, das Stadtteilhaus Mitte feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Doch für all diejenigen, die das Stadtteilhaus Mitte noch nicht so gut kennen, erzählen Sie mal, was Sie hier so alles für wen anbieten?

AHL: Ziel ist es, mit der Angebotspalette im Stadtteilhaus die Bedarfe und Wünsche des Stadtteils und seiner BewohnerINNEN abzubilden. Da wäre als Herzstück des Hauses, das Café – Begegnungsraum für alle StadtteilbewohnerINNEN und nicht selten Ausgangspunkt neuer sozialer Netzwerke. Es ist ebenso Ort des Austausches darüber „Was gute Nachbarschaft ausmacht“ bzw. „Wie sich Nachbarschaft trotz Unterschieden gut leben lässt“.
Indoor-/Krabbelspielplätze an zwei Nachmittagen und einem Vormittag die Woche ergänzen diesen Begegnungsraum. Sie fördern einen leichten Kontakt (junger) Familien untereinander, Bewegungs- und Lernförderung, sowie Beratung und Unterstützung im Familien- und Erziehungsalltag von Beginn an. Vor allem Kurse für werdende/junge Eltern, eine große Palette musisch-kreativ-sportlicher Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis Seniorinnen und Senioren erfreuen sich großer Beliebtheit.
Unsere Arbeit ist stark davon geprägt, die Menschen, die in Stuttgart Mitte wohnen, zu motivieren und dabei zu begleiten, eigene Ideen für ein gutes Leben und Miteinander im Quartier einzubringen und umzusetzen. Manchmal stellen wir einfach Räume und Ressourcen zur Verfügung, wie bei der Tangogruppe, dem A-Capella-Ensemble oder dem Lach-Yoga-Treff. Andere unterstützen wir bei der Ideenentwicklung und beim Start in die Umsetzung, wie ganz aktuell eine Initiative älterer QuartiersbewohnerINNEN „Gemeinsam statt einsam – älter werden im Quartier“, „Kids in Motion“ einem Bewegungsangebot für 8-11jährige Jungen oder einer Nachhaltigkeitsidee „Upcycling-Kunst“ mit vorangestellter Stadtteilputzete.
Wichtig ist uns bei allem immer sicher zu stellen, dass alle StadtteilbwohnerINNEN möglichst gleichwertige Chancen haben, teilhaben und teilnehmen zu können. Die meisten Angebote sind kostenlos oder sehr niedrigpreisig. Und wir beteiligen die Stadtteilbevölkerung an der Angebotsentwicklung, in Foren, durch Stadtteilrundgänge oder durch Interessenvertretung in diversen Gremien.

RED: Herr Kull, Sie sind ja schon seit den Anfängen des Stadtteilhauses Mitte dabei. Was war damals der Anlass zur Gründung?

JK: Schon seit längerem hatte man in der damaligen Stadtteilrunde, in der alle Kinder- und Jugendeinrichtungen, Beratungszentren und Bildungseinrichtungen des Stadtteils versammelt waren, bemängelt, dass es im Quartier zwischen Marien- und Charlottenplatz keine niederschwellige Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und Familien gab. Gewünscht wurde ein Zentrum, das sowohl Angebote für Kinder im Sport-, Kultur- und Bildungsbereich bereithielt, wie auch Beratungsangebote für die Eltern.
Ganz besonders fehlte auch ein Raum, der es Familien ermöglichte, sich zu treffen und untereinander austauschen zu können. Um diesen Raum zu schaffen, ein Willkommenscafé für die Bewohner des Stadtteils, nahm die Evangelische Leonhardsgemeinde sogar einen größeren Umbau im Eingangsbereich ihres Gemeindehauses vor. Das Café wurde zu einer echten Anlaufstelle für das Quartier.
Darüber hinaus suchte man ein Haus mit großem Saal, in dem auch größere Veranstaltungen stattfinden können. Da kleinere Einrichtungen nicht in der Lage waren beispielsweise eine Kindertheaterveranstaltung durchzuführen, sollte ein solches Angebot für alle an einem zentralen Ort eingerichtet werden.

RED: Spannend, denn auch heute zieht da Café noch die StadtteilbewohnerINNEN an. Frau Hantke-vom Lehn, wenn sich etwas 20 Jahre hält, dann hat es wohl eine gute Substanz. Was ist das Fundament Ihrer Arbeit?

AHL: Wie weiter oben ja bereits angedeutet, verstehen wir uns nicht als Anbieter von Kursen etc. Viel mehr versuchen wir immer in engem Austausch mit dem Stadtteil und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern zu stehen und zu bleiben und die gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Blick zu haben. (Gemeinwesenarbeit). Das funktioniert angesichts der Personalressourcen nicht immer so intensiv, wie wir das eigentlich gerne hätten. Dennoch gelang es dadurch bisher sehr gut, die Bedarfe und Wünsche vieler im Stadtteil lebender Menschen aufzuspüren und in eine Angebotsstruktur zu bringen. Wesentlich für die Akzeptanz, die Qualität und die Nachhaltigkeit dieser Angebote und Strukturen sind aber auch noch weitere Punkte. Wir sind im Stadtteil und darüber hinaus sehr gut vernetzt und können auf sehr gute und für alle gewinnbringende Kooperationen aufbauen.
Das Hauptstück unserer guten „Substanz“, ist allerdings ganz entschieden das starke ehrenamtliche Engagement der vielen Menschen im Stadtteilhaus und im Quartier.
Das Stadtteilhaus und seine Arbeit im Quartier wären so ohne die vielen Ehrenamtlichen überhaupt nicht denkbar.

Jürgen Kull arbeitet als Gymnasiallehrer und Sozialarbeiter im Stadtteilhaus Mitte

RED: Wie hat sich das Stadtteilhaus Mitte in all den Jahren verändert, Herr Kull?

JK: Zu Beginn des Stadtteilhauses im Jahr 2000 lag der Schwerpunkt der Angebote auf der Kinder- und Jugendarbeit. Das lag daran, dass mit Angeboten wie der Hausaufgaben- und Sozialen Schülerbetreuung, Kinder- und Jugendaktionswochen und einigen kreativen Angeboten für Kinder bereits ein ideales Fundament in der Evangelischen Leonhardsgemeinde bestand, auf das gut aufgebaut werden konnte. Mit der Einrichtung des Stadtteilhauses Mitte als Kinder- und Familienzentrum im Gemeindehaus der Kirchengemeinde wollte man aber gerade das bestehende Angebot überschreiten und auch andere Zielgruppen ansprechen. Zuvorderst wurde dabei an die Eltern gedacht: Zusammen mit anderen Trägern wurde ein Hilfenetzwerk aufgebaut, das niederschwellige Beratungsangebote bereithielt und eine Erstberatung ohne Ämterbesuch ermöglichte. Im Laufe der Zeit wurden insbesondere die Angebote für Kinder im Vorschulalter aufgrund einer großen Nachfrage seitens der Eltern ausgebaut: Kinderballett, Kinderturnen und Musikalische Früherziehung sowie Pekip- und Eltern-Kind-Kurse führten dazu, dass immer mehr Eltern das Stadtteilhaus auch als Treffpunkt nutzten. Als dann von Eltern die Idee eingebracht wurde, im Saal in den Wintermonaten einen Indoorspielplatz einzurichten, erlebte das Haus an diesen Tagen einen regelrechten Besucheransturm. Inzwischen wird dieses Angebot ganzjährig gut angenommen.

RED: Und nun wird das 20-jährige Bestehen gefeiert - herzlichen Glückwunsch! Was haben Sie hier für tolle Aktionen geplant und wer ist eingeladen, daran teilzunehmen, Frau Hantke-vom Lehn?

AHL: Es ist ja schon deutlich geworden, dass ein einziges Fest den vielen Facetten der Stadtteilhausarbeit und des Engagements, das damit verbunden war bzw. ist, überhaupt nicht gerecht werden könnte.
Deshalb feiern wir sozusagen das ganze Jahr. Am Sonntag, 5. Juli 2020 steigt dann hoffentlich die große Sommerparty von 12:30 bis 17:30 Uhr. Das Sommerfest der Evangelischen Leonhardsgemeinde steht unter dem Motto „20 Jahre Stadtteilhaus und Quartiersarbeit der Leonhardsgemeinde“.  Auch hier ist das Fest gerahmt in ein sehr abwechslungsreiches Programm für Jung und Alt. Geladen sind alle, die Lust haben die „20“ mit uns zu feiern. Als besondere Gäste erwarten wir den Bezirksbeirat und Stadtdekan Søren Schwesig.
Der Freitag, 13. November 2020 steht dann mit einem Fachtag von 9:30 bis 16:30 Uhr unter dem Motto „Die Rolle von Quartiersarbeit und Nachbarschaftstreffs in puncto - Gleichwertige Lebens- und Entwicklungschancen - für alle im Stadtteil/Quartier“.
Impulsreferate von Fachexpertinnen und -experten sollen einen Einstieg geben in die zukünftigen Entwicklungen und Anforderungen an Quartiere und die Rolle von Institutionen, wie das Stadtteilhaus bzw. Wohlfahrtseinrichtungen, wie die evangelische Kirche dabei. Ein anschließender Austausch und Arbeitsgruppen zielen auf die gemeinsame Entwicklung zukünftiger Handlungsstränge vor Ort. Mit dieser Veranstaltung sprechen wir besonders Politik, soziale Institutionen und weitere Akteure des Stadtteils an. Gemeinsam auf die Aufgaben und Umsetzungsebenen bzw. -möglichkeiten für die nächsten Jahre Stadtteil- bzw. Stadtteilhausarbeit und damit Quartiersentwicklung für die Zukunft zu schauen ist hier unser Apell.

RED: Herr Kull, Sie kennen die Vergangenheit des Stadtteilhauses Mitte. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Stadtteilhauses?

JK: Inzwischen platzt das Haus mit seinen vielen Angeboten aus allen Nähten. Es ist nicht nur im Quartier sondern auch darüber hinaus zu einer anerkannten Institution geworden. Da in jüngster Zeit - auch angestoßen durch verschiedene geförderte Projekte – die Zielgruppe der jungen Alten mit neuen Angeboten verstärkt in den Blick genommen wurde, fehlt es gegenwärtig vor allem an ausreichender Raumkapazität. Das verhindert den weiteren Ausbau. Gerne würden wir aber auch Menschen mit Handicap ansprechen, doch bedarf es hierfür beispielsweise eines ebenerdigen Zugangs zu allen Räumlichkeiten. Zurzeit ist der Zugang zum Erdgeschoss z. B. für Rollstuhlfahrer nur über den Hof möglich.
Um zukünftig einen Mittagstisch anbieten zu können, bedarf es einer großzügigeren Küche als der vorhandenen einzeiligen Saalküche, die nur eingeschränkt für größere Teilnehmerzahlen geeignet ist. Die ehrenamtlichen MitarbeiterINNEN leisten bei unseren Kinderaktionswochen Bewundernswertes, wenn sie auf engstem Raum für 50 TeilnehmerINNEN kochen müssen. Beides aber, sowohl der ebenerdige Zugang, wie auch eine funktionale Küche etwa zur Einrichtung eines Mittagstisches sind Voraussetzungen für eine weitergehende Förderung durch das Jugendamt der Stadt Stuttgart.

RED: Liebe Frau Hantke-vom Lehn, lieber Herr Kull, erst mal vielen Dank für die ausführlichen Informationen zum 20-jährigen Bestehen des Stadtteilhauses Mitte, das jetzt während der Corona-Krise auch geschlossen ist. Dennoch anbei das aktuelle Programm und das Festprogramm zum Nachlesen und zum Freuen, auf das, was kommt.