Bestattungskultur im Wandel

Kommenden Sonntag ist Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt. Er ist dem Andenken an Verstorbene gewidmet. In den Gottesdiensten wird dabei den Toten gedacht, aber auch zu einem bewussteren Umgang mit der Lebenszeit ermutigt.

Dieser Gedenktag geht auf die Reformation zurück und mit ihm endet auch das Kirchenjahr. Pfarrer Thomas Mann von der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Stammheim hat sich anlässlich des Ewigkeitssonntags mal Gedanken zum Thema Sterben gemacht und diese im Artikel "Der Tod wird zur anonymen Privatsache - Bestattungskultur im Wandel" zusammengefasst.

„Gehst du zur Beerdigung von Moshe?“ – „Wieso sollte ich, kommt er etwa zu meiner?“ - Im Judentum gibt es eine große Humortradition im Umgang mit Leid, Sterben und Tod. Aber dieser kurze jüdische Witz hat, wie ich finde, auch eine sehr ernste Seite, wirft er für mich doch ein äußerst kritisches Licht auf unseren eigenen Umgang mit diesem Thema. Während meiner nunmehr über 25-jährigen Tätigkeit als Gemeindepfarrer stelle ich fest: Unsere Bestattungskultur ist im Wandel, der Tod wird zunehmend zur anonymen Privatsache! 

Vor allem im städtischen Bereich, aber durchaus auch auf dem Land, nehmen Feuerbestattungen und Gottesdienste mit anschließender Urnenbeisetzung immer mehr zu, während traditionelle Erdbestattungen teilweise dramatisch zurückgehen. Das hat zum einen finanzielle Gründe, zum anderen erlebe ich aber auch immer wieder das Bestreben, den Tod dadurch planbarer zu machen. Entfällt nämlich der Zeitdruck, dass die Beerdigung laut Gesetz binnen fünf Tagen erfolgen muss und will man sich die teure Kühlung sparen, braucht der Urlaub nicht abgebrochen, können wichtige berufliche Termine wahrgenommen werden. So verständlich und nachvollziehbar dies im Einzelfall auch sein mag – der Tod, die vielleicht größte Zumutung des Lebens überhaupt, kennt keinen Terminkalender und unterbricht, meist auf sehr schmerzliche Weise, unseren Alltag. Ich kenne keinen Arbeitgeber, der dafür nicht Verständnis hätte! Auf diese Unterbrechung sollten wir uns möglichst bewusst einlassen und die vermeintlich so wichtigen Termine absagen, damit unsere Seele nachkommt mit der schweren Arbeit des Loslassens eines mehr oder weniger geliebten Menschen und des Nachdenkens über die eigene Endlichkeit. 

Eine weitere Fehlentwicklung, die für mich als Seelsorger freilich noch schwerer wiegt: Der Tod wird immer anonymer bei uns. Nicht nur, dass heutzutage weniger zuhause gestorben wird als früher und die Zahl der „anonymen Bestattungen“ stetig wächst, auch immer mehr Trauergottesdienste finden quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit – „in aller Stille“ – statt. Ich verstehe sehr gut, dass man den heutzutage oft weit entfernt lebenden Angehörigen eine aufwändige Grabpflege ersparen möchte – aber soll allein deshalb niemand so genau wissen, wo man liegt? „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich möchte mal anonym beerdigt werden. Meine Tochter soll keine Umstände mehr mit mir haben.“ – „Haben Sie schon einmal mit ihr darüber gesprochen, weiß sie von Ihren Plänen?“ – „Nein, eigentlich nicht … “ Einmal ganz abgesehen davon, dass ein solcher Schritt nicht selten eine Art später Rache an den Nachkommen darstellt, weil diese sich zu deren Lebzeiten nicht oder nicht genug um die Eltern gekümmert haben, wissen nicht nur wir Theologen, sondern auch die Psychologen schon lange, dass Trauer einen festen Ort braucht. Nicht von ungefähr ist es den Hinterbliebenen der Opfer von Schiffsunglücken oder Flugzeugabstürzen über dem offenen Meer eminent wichtig, an genau der Stelle Kränze ins Wasser zu werfen, wo ihre Lieben vermutet werden. Viele Witwen berichten mir: „Sie werden das jetzt vielleicht seltsam finden, aber nach so vielen Jahren gehe ich noch immer fast jeden Tag an das Grab meines Mannes und rede mit ihm. Ich erzähle ihm, was ich so erlebt habe und frage ihn nach seiner Meinung dazu.“ Nein, das finde ich gar nicht seltsam, sondern sehr tröstlich, ermöglicht es diesen Frauen doch, mit dem erlittenen Verlust zu leben und am Grab des Partners Kraft für den oft so beschwerlichen Alltag zu tanken.

Erst als sie 60 Jahre später vom Roten Kreuz die Nachricht erhielt, auf welchem Soldatenfriedhof ihr erster, im Zweiten Weltkrieg in Russland vermisster und deshalb später für tot erklärter, Ehemann liegt, konnte eine inzwischen längst erneut verwitwete fast 90-jährige Frau dieses Kapitel endgültig für sich abschließen und darüber eine tiefe innere Ruhe empfinden.

Mitglieder von Trauergruppen klagen später häufig darüber, dass sie einer anonymen Bestattung etwa der Partnerin zugestimmt haben, und bereuen diesen Schritt dann sehr – eben weil sie keinen konkreten Ort haben, an den sie gehen können, wenn ihnen danach ist. Ich denke, wir sind es unseren Angehörigen schuldig, diese bereits zu unseren Lebzeiten zumindest darüber zu informieren, wie wir möchten, dass nach unserem Tod mit uns verfahren wird, damit diese sich dazu äußern können. Und überhaupt: Über den Tod zu reden, lässt ihn – entgegen einer landläufigen diffusen Angst – nicht etwa früher eintreten, sondern dient im Gegenteil dem Leben, indem es Klarheit und Entlastung für alle Beteiligten schafft. 

„Gehst du zur Beerdigung von Moshe?“ - „Wieso sollte ich, ich wusste gar nicht, dass er gestorben ist!“ Vielleicht habe ich mit Moshe ja die Schulbank gedrückt, einige Jahre in derselben Firma gearbeitet oder wir kannten uns vom Sportverein. Dadurch, dass ich erst im Nachhinein von seinem Ableben erfahren habe, wurde mir die Möglichkeit genommen, Abschied von einem mir lieben und teuren Menschen und Freund zu nehmen. Das ist dann die Kehrseite der In-aller-Stille-Abschiednehmen-Medaille: Kein Hahn kräht mehr nach dem Verstorbenen und – was eigentlich viel schwerer wiegt! – eben auch nicht nach den Angehörigen, die sich so selbst des Zuspruchs und Trostes einer größeren Solidargemeinschaft berauben. Wenn Moshe das selbst so gewollt und auch festgehalten hat, müssen wir seinen letzten Willen natürlich respektieren. Aber häufig sind es viel eher die Partnerin oder die Kinder, die sich nur „im engsten Familienkreis“ mit der Pfarrerin und dem Organisten zum Trauergottesdienst treffen wollen – ohne vorherige Traueranzeige und Moshes Tod darf auch nicht im Sonntagsgottesdienst der Gemeinde abgekündigt werden. Für mich als Theologe ist eine solche Beerdigung dann oft noch trauriger als sie ohnehin schon wäre! Die Gründe für diese zunehmende Geheimhaltungstendenz sind vielfältig: Da ist die nicht zu unterschätzende Scham der Hinterbliebenen vor dem, was über das Leben des Verstorbenen bei diesem Anlass zu Tage treten könnte. Da man das freilich nicht so ohne weiteres zugeben möchte, wird immer wieder gerne unterstellt, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie bei Beerdigungen. Dabei können wir Pfarrerinnen und Pfarrer in unseren Trauerpredigten immer nur das sagen, was uns die Angehörigen zu erzählen bereit sind – es sei denn, wir kannten Moshe persönlich. Oder die Nachbarn, Bekannten, früheren Arbeitskolleginnen und Gemeindeglieder würden doch sowieso nur kommen, um ihre Neugier zu befriedigen. Da ist schließlich auch die Angst, den psychischen Belastungen dieser schwierigen Ausnahmesituation nicht gewachsen zu sein und vielleicht darunter zusammenzubrechen, was dann natürlich möglichst wenig Menschen mitbekommen sollen. Doch Trauergäste sind nach meiner Erfahrung keine Gaffer, die den Stau auf der Gegenfahrbahn verursachen, weil sie einen Unfall beobachten wollen! Zum Trauergottesdienst anlässlich des Todes meines Vaters haben wir durch eine Vorabanzeige eingeladen – und als Familie von der anwesenden kleinen Gemeinde dabei nichts als ehrliche Anteilnahme erfahren, die uns getröstet und getragen hat … 

Beerdigungen – wie auch Taufen und Trauungen – bezeichnet man in der Religionsphänomenologie als „Passage-Riten“, das heißt, die Kirche begleitet Menschen an entscheidenden Wegmarken ihres Lebens mit einem besonderen Ritual, das ihnen den Übergang von einer Lebensphase in die andere erleichtern soll. Wäre Moshe also vor hundert Jahren gestorben, wäre ganz selbstverständlich das ganze Dorf auf den Beinen gewesen, um Abschied von ihm zu nehmen – aus Solidarität mit der trauernden Familie, da es einen jeder Zeit als nächstes treffen könnte. Einer für alle – alle für einen, die Gemeinschaft muss schließlich zusammenhalten! Was wir im Zuge unserer zunehmenden Vereinzelung heutzutage damit verloren haben, merken wir immer dann, wenn wir uns inzwischen fast schon reflexartig darüber empören, wie es denn sein kann, dass Menschen oft monatelang tot in ihrer Wohnung liegen, ohne dass es irgendjemandem auffällt, weil sie schlicht und einfach niemand vermisst. 

„Die Pinguine“, schreibt der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen in seinem Buch [Anmerkung RED: Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?] über die Liebe, „stehen in Gruppen und schützen sich gegenseitig vor Kälte. Und das brauchen wir Menschen auch. Vater, Mutter, Kind im Reihenendhaus – das war nie der große Plan. Wir brauchen größere Netze. Wir brauchen Mehrgenerationenhäuser mit Tanten, Omas, Opas und vielen anderen Kindern. In Afrika sagt man: „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Das haben wir ein bisschen vergessen. Liebe ist die Summe aller unserer Beziehungen. Und ich glaube auch, wenn man die Liebe nicht auf einen Menschen reduziert, dann hat sie eine Chance, zu leben und zu wachsen. Man kann jeden Tag mit sich, dem anderen und vielen Menschen liebevoll umgehen. Wenn der Strom ausfällt und dein Akku leer ist, nutzen dir fünfhundert Freunde bei Facebook einen Dreck. Es lohnt sich immer noch, seinen Nachbarn zu kennen, und das nicht nur aus dem Gerichtssaal." (S. 369f)