Blick über den Kesselrand 1

In unserer neuen Serie "Blick über den Kesselrand" wollen wir Menschen aus unseren internationalen Partnergemeinden zu Wort kommen lassen. Wie erleben sie die Pandemie? Was prägt ihren Alltag? Den Anfang macht Dr. Olga Temirbulatova, Pröpstin für Samara Gebiet und Präsidentin der Synode der ELK ER.

Liebe Brüder und Schwestern,   

in diesem Jahr ist unser Leben von der Corona-Pandemie geprägt und wir lernen anders zu leben als zuvor.  Das versuchen wir in Samara auch, trotzdem, dass wir nicht so hohe Zahlen wie in Moskau oder Petersburg haben. Im Mai waren es 100 bis 140 Neuerkrankte pro Tag, in der Sommerhitze hatten die Fälle abgenommen und zu diesen Zahlen sind wir Ende September wieder gekommen. Und sie steigen auch weiter bis 220 am Tag. In der Medizin ist es sehr kritisch. Im Gesundheitswesen ist eine sehr schwierige Situation. Die Krankenhäuser sind überfüllt. In den Ambulanzen muss man, um zum Arzt zu kommen, stundenlang in der Schlange stehen. Auf den Notarzt wartet man zwischen 8 bis 24 Stunden. Die Tomographie ist ganz ausgebucht. Gegen eine Bezahlung kann man sie erst in 10 Tagen bekommen. Es sollte jedoch beachtet werden, dass wenn der Kranke mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wird, eine ausführliche Untersuchung stattfindet und auch Medikamente verschrieben werden. Aber dabei muss man beharrlich die Ankunft des Notarztes ersuchen. Es kommen aber nur die ins Krankenhaus, die mehr als 50 % beschädigte Lungen haben. Die, die weniger geschädigt sind, werden nach Hause, in die ambulante Behandlung geschickt. Die Krankenwagen reichen nicht aus. Der Gouverneur hat alle Autos aller Verwaltungen (Städte- und Gebietsadministrationen) den Ärzten zur Verfügung gestellt. Die Situation ist sehr ernst und beängstigend.

Dabei ist es in der Gemeinde in dieser Hinsicht relativ ruhig. Es waren und sind welche krank, aber bis jetzt sind sie nur in der ambulanten Behandlung. Die Pastorin in Togliatti, Tatjana Zhivoderova, wurde auch vom Virus betroffen, aber seit ein paar Tagen ist sie wieder gesundgeschrieben. 

In unserem Gebiet waren die Gottesdienste nicht verboten. Es hing damit zusammen, dass die Orthodoxe Kirche ziemlich lange die Pandemie und den Virus leugnete. Inzwischen sind mehrere orthodoxe Priester an Corona gestorben. So durfte man Gottesdienste weiter feiern, nur den Gläubigen war es verboten in den Gottesdienst zu gehen. Dabei gab es aber keine Vorschrift während der Gottesdienste die Kirchentüren abzuschließen. Deswegen durften die Menschen, die in die Kirche zum Gottesdienst kamen, auch bleiben. 25 bis 35 Personen können wir gut im Gottesdienstraum mit sozialer Distanz verteilen.

Selbstverständlich hatte die Isolation eine starke Auswirkung auf unser Gemeindeleben. Ich konnte und kann immer noch nicht die Gemeinden im Gebiet besuchen. Kreise und Gruppen mussten wir absagen.

Dank des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) konnten im Sommer inklusive Freizeiten für Kinder und Jugendliche durchgeführt werden.

Aber als im Juli die Erholungsheime und Sanatorien wieder arbeiten durften, haben wir dank der Unterstützung vom Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) inklusive Freizeiten für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Neben dem Baden, Ausflügen, Bibelstunden und Basteln wurde ein kurzer Film  „Artist“ gedreht. Der Film entstand aus einem Theaterstück, welches unsere Jugendlichen mit Behinderung zu einem Festival vorbereitet hatten. Sie konnten es aber wegen der Quarantäne nicht aufführen. Diesen Film haben wir in YouTube erstellt. Seit August sahen den Film ca. 40.000 Menschen. Ihm war eine Sendung beim regionalen Fernsehen gewidmet und bei allen möglichen Rundfunksender unseres Gebietes haben wir Interviews über diesen Film gegeben. So wurde die Öffentlichkeit auf unsere Kirche und Gemeinde aufmerksam gemacht.

Der deutsche Botschafter, Geza Andreas von Geyr, hat Erzbischof Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland (ELKR), das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Seit September haben wir das Mittagsgebet um 12 Uhr mit Glockenläuten eingeführt. Alle, die im Gemeindehaus sind, stellen sich um den Altar auf und beten für die Kranken, für die Ärzte, für die Verantwortlichen in der Stadt und im Gebiet, für unsere Jugendlichen und für unsere Partner.

Ein großes Ereignis war im September in Moskau. Am 2. September 2020 wurde in unserer Kathedrale in Moskau das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms aufgeführt. Das wurde zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges veranstaltet. Dieses Konzert sollte am 8. Mai 2020 stattfinden, aber wegen der Pandemie ist es auf September verschoben worden. Zu diesem Ereignis schickten Russlands Präsident Vladimir Putin und Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel Grußworte, die vor dem Konzert vorgelesen wurden. Botschafter aus Deutschland und England sowie hochrangige Gäste aus Deutschland und Russland wohnten diesem Konzert bei.

Es gab eine Ausstellung über Theologen und gläubige Menschen, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten, und in der Dietrich Bonhoeffer und sein in die russische Sprache übersetztes Buch „Widerstand und Ergebung“ einen ganz besonderen Platz einnahmen. Am Abend des 1. September 2020, während des Empfangs in der Botschaft, hat der deutsche Botschafter Geza Andreas von Geyr unserem Erzbischof Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland (ELKR), das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Erstes Erntedankfest in der warmen Kirche dank autonomer Gasheizung.

Was uns ziemlich beschäftigt, sind die gesunkenen Spenden. Wegen der geringen Zahl von Gottesdienstbesuchern haben wir eine ganz bescheidene Kollekte. Das ist wahrscheinlich bei Ihnen nicht viel anders. Unsere Mieter haben weniger Kunden und dementsprechend weniger Einnahmen. Wir mussten ihnen entgegenkommen und die Miete um ca. 30 % reduzieren. Anderseits wächst das Bedürfnis auf Unterstützung von Seiten der älteren Gemeindemitglieder und Eltern der jungen Menschen mit Behinderung, weil die Preise auf die Lebensmittel, Strom, Heizung und Wasser spürbar gestiegen sind, aber die Renten nicht. Die Inflation hängt in unserem Land ziemlich eng mit den Erdölpreisen und mit dem Devisenkurs zusammen. Im März kostete 1 Euro ca. 78-80 Rubel. Heute liegt der Preis bei 93 Rubel.

Aber was uns unheimlich freut, ist die autonome Gasheizung. Als es im Herbst kalt wurde und die Fernheizung von der Stadt noch nicht eingeschaltet war, hatten wir schon warme Räume. Zum ersten Mal konnten wir das Erntedankfest in der warmen Kirche feiern! 

Ich kann noch nicht genau sagen, wieviel wir sparen werden. Laut der Einschätzung sollte die autonome Gasheizung um die Hälfte billiger werden als die städtische Fernheizung. 

Wegen der Pandemie konnten wir dieses Jahr unser Kirchendach nicht renovieren. Das Geld reichte nur für die Projektarbeiten und um alle notwendigen Genehmigungen zu bekommen, so dass wir nächstes Jahr sofort mit den Arbeiten anfangen können, wenn es Geld geben wird. Hoffentlich hält das Dach noch diesen Winter durch. Dank der Unterstützung des Gustav-Adolf-Werks Württemberg haben wir in unserem Freizeitheim in Krasny Jar eine neue Senkgrube, einen Wasserbrunnen und einen neuen Wasseranschluss im Haus. Mit dem Zuschuss vom Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) haben wir den Fußboden im 1. Stock in diesem Heim repariert und in der Nasszelle Verbesserungen gemacht.

Bei der Obdachlosenspeisung wird warmes Essen in Dosen ausgegeben.

Zum Erntedankfest war ein sehr schöner Text über die Speisung der 4.000 Menschen in der Wüste (Markus 8, 1-9) dran. Gott lässt seine Geschöpfe nicht verhungern, sondern versorgt sie, gibt ihnen nicht nur das Notwendige, sondern auch viel mehr. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir den Obdachlosen auch in diesem Winter in den Corona-Zeiten mit dem warmen Essen versorgen können. 

Mit den ersten kalten Novembertagen fingen wir mit der Speisung der Obdachlosen an. Leider wegen der Pandemie können wir sie nicht im warmen Keller aufnehmen. Aber wir haben uns entschieden, das warme Essen in Dosen zu verteilen, so dass sie es außerhalb des Kellers essen können. Vielleicht nicht die beste Lösung in der Kälte unserer Winter, aber immer besser als nichts. Ich hoffe, dass wir es den ganzen Winter machen dürfen.

Alle unsere Aktivitäten, vieles was gemacht wurde und was wir vorhaben, ist nur dank Ihrer Unterstützung möglich. In der tiefsten Dankbarkeit für alle Ihre Unterstützung und in der Hoffnung, dass Gott uns nicht in Stich lässt und alles zum Guten verwandelt, grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen Gesundheit, eine gesegnete Adventszeit und fröhliche Weihnachten.

PS: Der Regisseur Sergei Andreev, der den Film „Artist“ mit unseren Jugendlichen aufgenommen hat, probt mit den Kindern und Jugendlichen das Krippenspiel. Ich bin gespannt, wie es dieses Jahr sein wird. Wir planen auch die musikalischen besinnlichen Adventsabende, die mit den Studenten aus der Kunstakademie gestaltet werden.