Blick über den Kesselrand 2

Pfarrerin Katrin Haas ist Klinikseelsorgerin in Stuttgart. Ihr französischer Kollege, Pasteur Pascal Hubscher, Verantwortlicher für die medizinische und psychosoziale Seelsorge der Evangelischen Kirchen in Elsass-Lothringen beobachtet aufmerksam die Corona-Lage dort und berichtet ihr.

Pasteur Pascal Hubscher (r) mit seinem Kollegen Christian Baltzinger (l)

Seit dem 10. November gibt es auch im Robert-Bosch-Krankenhaus wieder ein Corona-Besuchsverbot. Für Pfarrerin Katrin Haas bedeutet das, dass sie viel auf den Stationen unterwegs ist und von Zimmer zu Zimmer geht, um mit Patientinnen und Patienten zu sprechen, zu beten und ihnen zuzuhören. Ähnliches erlebt ihr französischer Kollege Pasteur Pascal Hubscher. Ihn kennt die Klinikseelsorgerin seit dem Frühsommer 2015 aus Montbéliard. Hubscher begleitete dort die zweite Hälfte ihres dreiwöchigen Praktikums in verschiedenen protestantischen Kirchengemeinden und kirchlich-diakonischen Einrichtungen im Pays Montbéliard. Dann wechselte der Pasteur vom Gemeindepfarramt in die Krankenhausseelsorger in den Kliniken von Montbéliard-Belfort und wurde 2016 bei der UEPAL in Straßburg Verantwortlicher für die dortige Seelsorge. In seinem Bericht schildert Hubscher nun seine Erfahrungen und Eindrücke in den Krankenhäusern und Einrichtungen mit psychosozialer und medizinischer Betreuung in der Region Elsass-Lothringen.

Ein Lockdown kann einen anderen verbergen

Wie Bahnübergänge für Züge bildet der zweite Lockdown wie der erste auch eine Schranke, da er den Dienst der Seelsorger oder Besucher in den medizinischen und psychosozialen Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenpflegeheime und Behinderteneinrichtungen verändert.

Dennoch : Wenn der erste Zug den Blick auf die Gleise auf der anderen Seite durch ein quasi Totalverbot der Arbeit der Seelsorger total verstellte, so haben die Seelsorger den zweiten Lockdown ganz und gar nicht so erlebt. Dieses Mal dürfen sie mit den angemessenen Schutzmaßnahmen in den Einrichtungen arbeiten, manchmal sogar auf den Covid- oder Intensivstationen.

Was ist der Grund für diese Veränderung in Frankreich ? Sie ist drei zusammen auftretenden Faktoren geschuldet, die zu offeneren Vorschriften führten :

  • Die Lehren der ersten Welle, wo die Abwesenheit der Seelsorger von den Kranken, den Heimbewohnern, den Pflegekräften und den Familien wie ein Mangel erlebt wurde,  auch auch angesichts der Todesfälle in den Institutionen, in denen selbst die Seelsorger nicht die Sterbenden begleiten durften.
  • Die Tatsache, dass unsere staatlichen Autoritäten im Ganzen während dieser Kontaktsperre den Menschen erlaubt haben, ihrer Arbeit nachzugehen, also auch den Seelsorgern (daher gleichwohl oft das Verschwinden der Ehrenamtlichen)
  • Das Engagement der Religionsgemeinschaften, darunter die Fédération Protestante de France von evangelischer Seite, die während der ersten Lockerung eine Sensibilisierung bei den Leitungen der Einrichtungen, der Pflege und des nationalen Gesundheitswesens (durch Schreiben, Vorstöße, Begegnungen) … bewirkte, was eine Debatte in Gang gebracht hat, dass im Fall einer neuen Welle die Begünstigten - Patienten und Heimbewohner - nicht mehr wie vorher auf die Arbeit der Seelsorger verzichten müssen.

Insgesamt haben diese drei Faktoren Früchte getragen, auch wenn die Situationen in den Einrichtungen vor Ort sowohl im medizinischen als auch im psychosozialen Bereich sehr unterschiedlich sind. Aber die Situation ist nicht mehr in allen Fällen diesselbe und einige Seelsorger stellten fest, nachdem sie sich beschwert hatten, während des ersten Lockdowns als absolut entbehrlich wahrgenommen worden zu sein, dass es ihnen nun die neue Situation erlaubt hat, ihre Arbeit in den Augen der Einrichtungen, in denen sie sie ausüben, aufzuwerten.

Als nicht systemrelevante Aktivität, wie sie zu Beginn der Pandemie bezeichnet wurde, werden sie nun wenigstens als « nützlich » wahrgenommen. Dadurch hoffen wir, dass sie davon in Zukunft profitieren können, damit die Seelsorge im medizinischen oder psychosozialen Bereich ein bisschen weniger « unsichtbar »  im Zentrum der französischen Laizität ist und in den Einrichtungen mehr nachgefragt wird. 

Wenn die Züge vorbeigefahren sein werden, so dass die Schranken aufgehen und die Bahnübergänge von Neuem frei sind, könnten wir Nutzen und Lehren aus dieser schwierigen Zeit ziehen, um mit den Pflegekräften und den Leitungen vor Ort den Platz der Seelsorge in den medizinischen und psychosozialen Einrichtungen neu zu bestimmen.

Pfarrer Pascal Hubscher
Verantwortlicher für die medizinische und psychosoziale Seelsorge der Evangelischen Kirchen in Elsass-Lothringen
Referent für die Fédération Protestante de France und Regionalbeauftragter für Krankenhausseelsorge (Grand-Est, Bourgogne, Franche-Comté)