Evangelische Kirche in Stuttgart

Blick über den Kesselrand 3

Seit einigen Jahren unterstützt die KesselKirche Stuttgart ein ökumenisches Hilfsprojekt im Nordosten Marokkos mit Spenden. Es investiert in die Ausbildung von jungen Migranten aus der Subsahara und gibt den vielfach Traumatisieren Hoffnung, denn jedes Leben zählt.

Die evangelische Gemeinde in Oujda nutzt für Gottesdienste die katholische Kirche Saint Louis.

In Zeiten des Corona-Lockdowns wurden bis zu 150 Jugendliche im Monat im Kirchengebäude versorgt und aus dem Flur wurde ein Matratzenlager.

Wird über das Elend von Menschen auf der Flucht berichtet, geht der Blick nach Griechenland oder in die Türkei, dessen 2016 geschlossenes EU-Abkommen zahlenmäßig zu einem deutlichen Rückgang der Ankommenden geführt hat. Was aus europäischer Sicht als Entspannung gewertet wird, verschlimmert die Lage der Geflüchteten massiv. Das abgebrannte Lager Moria ist zum beschämenden Sinnbild dieser Abschottung geworden.

Auch in der Stuttgarter KesselKirche – vormals Jesus-Treff – wird häufig über die Not geflüchteter Menschen gesprochen. Dabei richtet sich der Fokus jedoch auf jugendliche Migranten aus Ländern südlich der Sahara, die in Marokko festsitzen. So nah europäischer Boden hier auch sein mag, für die allermeisten bleibt er unerreichbar.

Diese etwas andere Perspektive auf die durch Kriege, Terror, Arbeitslosigkeit und die Folgen des Klimawandels ausgelösten Migrationsbewegungen hat ihren Grund: Sie wurzelt in der langjährigen Beziehung der Landeskirche, speziell des Stuttgarter Kirchenkreises, zur Eglise Evangélique au Maroc. „Mit einer kleinen Delegation sind im Frühling 2017 drei Mitglieder der KesselKirche nach Marokko gereist“, berichtet Daniel Peipp, der damals selbst mit von der Partie war. Seine Kirchengemeinde unterstützt seither ein ökumenisches Projekt in Oujda, das unbegleitete Minderjährige in Ausbildung bringt. „Vivre l‘Espoir“, was so viel bedeutet wie „gelebte Hoffnung“, heißt das Hilfsangebot an der Grenze zu Algerien. Die spanische Exklave Melilla mit ihren meterhohen Grenzzäunen ist nah.

"Die evangelische Gemeinde in Oujda nutzt für Gottesdienste die katholische Kirche Saint Louis", erzählt Daniel Peipp. Er erinnert sich noch gut an seine erste Begegnung mit den Menschen, die er dort getroffen hat. Die Gäste aus der Kesselstadt hätten damals ganz selbstverständlich mit dem jungen Projektleiter und Menschen, die dort Zuflucht gefunden hatten, am Tisch gesessen. „Diese gelebte Gastfreundschaft, auch gegenüber westafrikanischen Migranten, hat uns sehr beeindruckt.“ Ebenso der Einsatz der Initiatoren Azarias Lumbela und Père Antoine Exelmans. „Da haben sich zwei gefunden“, sagt Daniel Peipp über deren Arbeit, die von Ehrenamtlichen unterstützt wird.

Azarias Lumbela hat Internationales Recht studiert. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen begann er 2005, Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und wurde dafür 2015 mit dem Aachener Friedenspreis geehrt. Eine Würdigung, die 2020 auch der katholische Priester Père Antoine Exelmans erhielt - für das Projekt „Vivre l‘Espoir“.

Das begann 2017 mit der Instandsetzung eines Gebäudes auf dem Kirchengelände. „Dort wurden Unterkünfte für 15 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 18 Jahren geschaffen, die für sich keine Perspektive in Europa mehr sehen“, sagt Daniel Peipp. Einer der Gründe hierfür ist, dass sie durch die Flucht traumatisiert seien. Unter dem Dach der Kirche haben die zumeist muslimischen Jugendlichen Zeit, zur Ruhe zu kommen. „Es ist der erste sichere Ort nach ihrem Aufbruch von daheim.

Nun können die Gestrandeten eine Ausbildung zum Mechaniker, Elektriker oder Konditor machen. „Entscheiden sie sich für eine Rückkehr in ihre Heimat, kommen sie nicht mit leeren Händen zurück“, erklärt Daniel Peipp, der die Partnerschaft betreut. „Auf diese Weise werden Fluchtursachen bekämpft.“ Nicht auf der internationalen, politischen Ebene, aber doch für viele Einzelfälle: Jedes Leben zählt.  Der KesselKirche ist es ernst damit. 2018 und 2019 reisten Gemeindemitglieder erneut in den Nordosten Marokkos. Dann kam Corona. In Folge der Lockdowns, von denen in Marokko nur Kirchen und Moscheen ausgenommen waren, wurde die Ausbildung ausgesetzt, berichtet Daniel Peipp. „Zugleich kamen immer mehr Hilfesuchende an, bis zu 150 im Monat, die versorgt werden mussten.“ Die wenigen Betten für die Notaufnahme reichten nicht aus. Zeitweise sei der Flur ein einziges Matratzenlager gewesen.

Die KesselKirche hilft dem ökumenischen Projekt in Oujda vor allem durch Spendengelder. „Vor Corona kamen aus den Kollekten im Gottesdienst jährlich 4000 bis 5000 Euro zusammen“, sagt Daniel Peipp. Auch digitale Spendenaufrufe halfen: „2020 konnten wir die Summe auf 10.000 Euro verdoppeln.“ Der Finanzbedarf des Hilfsangebots mit Modellcharakter ist jedoch nicht gedeckt. Weitere Spenden sind nötig, soll das Projekt überleben. Noch besser wäre eine dauerhafte Finanzierung. Daniel Peipp wirbt dafür: „Ich sehe mich als Botschafter des Gedankens, dass wir als Stuttgarter Kirchengemeinde Teil einer weltweiten Kirche sind.“ Und die steht eben auch in Marokko vor einer riesigen Herausforderung.

Bei Fragen zum Projekt "Vivre L’Espoir" einfach eine Mail an die KesselKirche senden. Und wer spenden möchte, kann dies gerne tun:

Förderverein KesselKirche e.V.

Spendenzweck: Marokko

IBAN: DE57 5206 0410 0003 6942 91

BIC: GENODEF1EK1

"Vivre l´Espoir", also "gelebte Hoffnung", heißt das ökumenische Projekt in Oujda, in dem unbegleitete Minderjährige, die auf der Flucht waren und nun im Nordosten Marokkos gestrandet sind, eine Ausbildung machen können.

Azarias Lumbela (li) begann mit zwei Kommilitonen 2005, Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen. Daniel Peipp (re) von der KesselKirche unterstützt seit 2017 mit seiner Gemeinde das Projekt "Vivre l´Espoir".

Text: Julia Lutzeyer / Evangelisches Gemeindeblatt in Württemberg