Citydiakonin verabschiedet sich

Der letzte große Akt: die Vesperkirche Stuttgart 2020. Und eigentlich wären noch einige Osterveranstaltungen angestanden, die aber wegen Corona ausgefallen sind. So endete die Dienstzeit von Citydiakonin Cornelia Götz recht leise Ende April. Doch an Ruhestand ist noch nicht so ganz zu denken...

6 Fragen an Citydiakonin Cornelia Götz...

Citydiakonin Cornelia Götz verabschiedet sich nun nach einer Verlängerung ihrer Dienstzeit durch die Coronakrise in den Ruhestand.

Eigentlich war bzw. ist Citydiakonin Cornelia Götz immer auf dem Sprung zwischen Stiftskirche und ihrem Büro im Hospitalhof und dabei gut in der Stadt unterwegs, wenn es galt zu vernetzen, zu netzwerken und neue Ideen für die Cityarbeit der drei Innenstadtkirchen - Hospital, Leonhards und Stifts - zu spinnen.
Ende April hätte eigentlich ganz regulär schon der wohlverdiente Ruhestand angestanden, aber dann kam die Coronakrise und die/der NachfolgerIN stand noch nicht fest. Also überbrückt sie nun als Ruheständlerin die Zeit, bis ihre Nachfolge geregelt ist. So haben wir noch schnell die Gelegenheit zu einem Interview mit ihr genutzt, um noch das eine oder andere über sie und die so wichtige Citykirchenarbeit in Erfahrung zu bringen. 

RED: Liebe Frau Götz, das Pendant zum weltlichen Citymanager in Stuttgart sind bzw. waren Sie: Diakonin für die Cityarbeit. Jetzt steht so halb der Ruhestand an. Wie fühlt sich das so an, nachdem Sie gefühlt  gerade erst die 7 Wochen Vesperkirche als Hauptamtliche dort im täglichen Einsatz waren? Oder fühlt sich das noch gar nicht irgendwie an?

CG: Die augenblickliche Situation und Stilllegung des öffentlichen Lebens gestaltet sich für mich als Trainingsfeld für den Ruhestand – oder besser gesagt: für die Zeit nach der Regelarbeitszeit. Auf eine gewisse Ruhe und eine etwas langsamere Gangart freue ich mich. Das fühlt sich gut an. Sehr gut fühlt es sich für mich auch an, dass die kommende Lebensphase auf ihre eigene Weise neue Möglichkeiten eröffnet.

RED: Was umfasst alles die Cityarbeit und warum ist sie sinnvoll?

CG: Die Arbeit der Citykirchen in Stuttgart umfasst ein großes und breites Spektrum an Angeboten, Begegnungen und Aktionen für Menschen allen Alters und unterschiedlichster Milieus. Meine Aufgabenbereiche sind und waren Puzzleteile des großen Ganzen. Aber was macht eine Citydiakonin konkret? Diese Frage wurde mir immer wieder gestellt – verständlich, denn was soll man sich auch unter diesem Titel vorstellen? Der Stadt dienen – so die Wortbedeutung. Genauer: Im Auftrag Jesu in der Stadt dienen!
Im Bereich der Spiritualität bedeutet dies in meinem Fall die Organisation und teilweise Gestaltung der Kurzgottesdienste und des wöchentlich stattfindenden Friedensgebets sowie die konzeptionelle Entwicklung und Vorbereitung vieler Veranstaltungen und Angebote, die das Kirchenjahr unterstreichen, Seelsorge, ökumenische Kooperationen und die Netzwerkarbeit mit allen Citykirchen in Württemberg und darüber hinaus mit unsrer Partnerstadt Straßburg, thematische Stadtspaziergänge im Rahmen Citykirchen-Sommerakademie, Kirchenführungen für Konfirmanden-Gruppen und die „Konfi-Arbeit“  der drei Citykirchen organisatorisch und als Kontaktperson zu betreuen.
Meine Mitarbeit in der Vesperkirche ist geprägt von der guten Erfahrung, mit vielen Diakoninnen und Diakonen im Team für die Menschen da zu sein, dort „ganz Ohr“ zu sein und so auf meine Weise dafür Sorge zu tragen, dass die Menschen erleben und spüren: Hier darf ich sein und hier werde ich ernst genommen.
Ohne die vielen ehrenamtlichen MitarbeiterINNEN wäre es nicht möglich, die Stiftskirche offen zu halten, deshalb liegt mir die Begleitung und Betreuung, die Mitarbeitertage und Besprechungsgruppen unserer MitarbeiterINNEN sehr am Herzen. 

RED: Schauen wir uns doch mal Ihr Wirken als Citydiakonin genauer an. Was konnten Sie an dieser Stelle alles bewirken?

CG: Oh, diese Frage finde ich schwierig. Da müssten Sie die Menschen fragen, die mir in den 7 Jahren meiner Amtszeit begegnet sind und die intensiv mit mir zu tun hatten.  Aber dieses möchte ich sagen: gemäß dem Gleichnis von der selbst wachsenden Saat (Markus 4, 26-29) sah ich meine Aufgabe darin, das Wort Gottes, Verständnis, Zuwendung, Liebe, Vertrauen auszusäen. Was Gott durch seine Güte daraus wachsen ließ und lässt, überlasse ich fröhlich ihm!
Dennoch sehe ich an den Reaktionen vieler Menschen wie zum Bsp. das Angebot des Adventsweges, mit seinen Stationen im Chorraum der Stiftskirche, zur Oase und Quelle wurde. Die vielen Menschen, die während der offenen Einkaufsnächte die meditativen Angebote in der Stiftskirche angenommen haben, sprechen für sich.  Viele Kinder, die an den Kindertagen in der Stiftskirche einen freudigen Aktivismus an den Tag legten und das Mitarbeiterteam als  Gesegnete zurück ließen, sind ein deutliches Echo. Begegnungen auf ökumenischer Ebene förderten ein Zusammenwachsen und zielorientierte Teamgemeinschaften  – so durch die Gestaltung des Tages der Schöpfung, durch die Aktion „adventsbewegt“ bei der wir spannende Begegnungen und Kontakte zu Flüchtlingen, Sozialen Einrichtungen und vielen ausländischen Kirchengemeinden hatten und natürlich bei den Treffen und Planungen der „Nacht der Lichter“.
Ich sehe es als Geschenk, wenn ich durch diese und andere Aktionen, meinen Teil dazu beitragen konnte, Augen und Ohren füreinander zu öffnen, Brücken zu schlagen und einem „Wir-Gefühl“ etwas frischen Nährboden beizumengen.

RED: Ein weites Feld, das hier beackert werden kann und muss. Worin sehen Sie die Herausforderungen in den nächsten Jahren?

CG: Ich antworte auf Ihre Frage mit weiteren Fragen: Wie kann und sollte Kirche Heimat und Ausstrahlungsort zugleich bleiben und neu werden!? Wie kann und muss in der Stadt der wachsenden äußeren und inneren Einsamkeit und Vereinsamung entgegengewirkt werden? Wo und wie ist Cityarbeit herausgefordert neue Formen des „Glauben- und Leben-teilens“ zu ermöglichen – auch und gerade für Menschen im mittleren Alter? Diese Herausforderungen können nur im Miteinander wachsen und gedeihen. Angesichts der Stellenstreichungen beim Pfarrplan und der sich altersgedingt reduzierender Zahlen der Ehrenamtlichen braucht es viel Kreativität und Mut zu neuen Konzepten und Ideen und über allem Tun und Lassen Gottes Geist, der Neues schafft!

RED: Und dann ist da noch die große Taizénacht in Stuttgart, die Sie immer mitorganisiert haben. Was ist hier für 2020 neu bzw. wegen der Coronakrise umgeplant?

CG: Diesen besonderen Gottesdienst - die Taizé - Nacht der Lichter, feiern wir immer im November nach der Liturgie und in der Form der Gemeinschaft der Brüder von Taizé. Dieses Jahr soll er am Sonntag, 8. November 2020 um 19 Uhr im Dom St. Eberhard in Stuttgart stattfinden. Ich denke, dass dieser Gottesdienst angesichts der Pandemieauswirkungen und der weltweiten Krisen ein besonderer Gedenk- Bitt- und Dankgottesdienst werden wird. Die rund 1000 entzündeten Kerzen, die Taizé-Lieder und die Zeit der persönlichen Stille vor Gott sind dabei berührende Momente. 

RED: Citykirchenarbeit, Vesperkirchenzeit, Taizé-Gottesdienst usw. Sie haben ja einiges gewuppt in diesen Jahren. Was haben Sie sich für Ihren Ruhe- oder Unruhestand so vorgenommen oder wird es das Carpe diem-Prinzip sein?

CG: Diese wunderbare Formulierung „den Tag zu pflücken“ [Anmerkung RED: dt. Übersetzung des lat. "Carpe diem"], gewinnt gerade in der augenblicklichen Ausnahmezeit Bedeutung für mich. Die letzten größeren Veranstaltungen meiner Amtszeit, auf die ich mich gefreut habe (Kindertag; Kreuzweg; Osternacht) mussten abgesagt werden.
Loslassen, ist angesagt – auch wenn es schmerzt. Das fröhliche Miteinander, das gemeinsame Feiern ist untersagt. Was gilt es jetzt zu pflücken? Ein Wachwerden und Hören für Neues will ich lernen und einüben und daraus heraus dann auch sehen, welche Aufgaben in die neue Lebensphase und zu mir passen. Alles zu seiner Zeit!
Zunächst gilt erst mal: Atemholen, Raum für Entspannung genießen und neu hören. Der Psalmbeter (Ps. 143,8) hat es längst treffend formuliert: „Lass mich am Morgen (auch am Morgen des jetzt folgenden Lebensabschnittes) hören deine Gnade; denn ich hoffe auf dich. Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir."

RED: Vielen lieben Dank, Frau Götz, für die Einblicke in Ihre Arbeit und das wunderbare Schlusswort. Ihnen alles Gute beim "Pflücken der Tage"!