Das Wort zu Himmelfahrt

Christi Himmelfahrt klingt in der Bibel nach einer Landpartie: Jesus begegnet über vierzig Tage hinweg wiederholt seinen Jüngern und steigt dann in den Himmel auf. Deshalb sind Open-Air-Gottesdienste an Himmelfahrt beliebt. In Coronazeiten nicht ganz einfach - so auch heute ein Online-Angebot...

Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020 Johannes 17, 20-26

Die Zuffenhäuser Dekanin Elke Dangelmaier-Vinçon predigt an Himmelfahrt

„Der Ton wird rauer. Die Gräben werden größer" schreibt die Zeitung angesichts der Corona-Proteste.
Im Internet und auf der Straße.
Während die einen auf Aufklärung und Rücksicht setzen, erzählen die anderen von Verschwörungen und fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt.
Sie erstreiten sich vor Gerichten das Recht, auf Pappschildern vor sich hertragen zu dürfen, sie müssten in einer Diktatur leben.
Menschen mit Einschränkungen sorgen sich, sie könnten für überflüssig erklärt werden.
In Laboren und Kliniken wird derweil um Erkenntnisse gerungen.
Und die Verantwortlichen versuchen, die verschiedensten Interessen auszubalancieren.
Nur eines ist sicher: was immer sie entscheiden, es wird reichlich Menschen geben, die diese Entscheidung für grundfalsch halten – und das dann auch hinausposaunen.
Die Gräben werden auch in der Gesellschaft tiefer.
Während die einen sich in dieser Quarantänezeit entspannen, weil sie nicht mehr von Termin zu Termin hetzen müssen, wissen die anderen kaum, wie sie über die Runden kommen sollen.
Die einen Kinder haben Zugang zu Laptops und Arbeitsmaterialien, dazu gut ausgebildete Eltern, die erklären und fördern können. Die anderen können nicht wirklich mit elterlicher Unterstützung rechnen und ihre Begabungen verkümmern. Dazu haben sie oft wenig Platz für sich. Und manche erleiden Gewalt in ihrer Familie.
Die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen.
Auch weltweit.
Der Refrain bliebe derselbe: „Der Ton wird rauer. Die Gräben werden größer".

Mitten hinein in diese Situation spricht der Predigttext für den heutigen Himmelfahrtstag aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums:

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.
Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Noch vor seinem Tod bittet Jesus Gott für die Menschen, die mit ihm verbunden sind.
Bittet um Einheit.
Bittet, dass sie geborgen sind in Gott.
Umhüllt von seiner Liebe.
Das tut gut – gerade in diesen Zeiten.
Keine Brüche, keine Zweifel, kein Streit.
In dieses Gebet sind wir schon ausdrücklich hineingenommen.
Wir, die späteren Generationen.
Die Menschen, die erst später von Jesus dem Christus erfahren werden.
Sie alle, wir alle, gehören dazu.
Rund um den Erdball.
Wenn wir mit Jesus verbunden bleiben, dann sind wir schon in Gott.
Sind eins mit ihm und dem Vater.
Sind erfüllt von ihrer Liebe.

Ach ja.
Es könnte so schön sein.
So einfach.

Aber auch unter Christenmenschen ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.
Die Konfessionen tun sich schwer miteinander.
Ökumene ist ein mühsamer Prozess, der nur schleppend vorankommt.
Die großen Hoffnungen und Träume sind längst zerstoben.
Es werden kleinere Brötchen gebacken. Sehr kleine.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Brüche innerhalb der Konfessionen fast ebenso groß sind.
Konservative hier, Liberale da. Geistbewegte dort.
Gestritten wird heftig und um vieles.
Wer glaubt richtig?
Soll Glaube politisch sein oder nicht?
Müssen sich Christinnen und Christen aus der Welt zurückziehen, oder sich im Gegenteil einmischen?
Welche Form von Spiritualität ist angemessen?
Wie ist das mit den Frauen, mit Schwulen und Lesben?
Wer soll heiraten dürfen?
Wie gehen wir mit der Schöpfung um und wie mit den Armen?
Nicht selten verstehen sich die jeweiligen Lager über Konfessionsgrenzen hinweg besser miteinander, als mit den eigenen Leuten.
Und auch hier gilt nicht selten: „Der Ton wird rauer. Die Gräben werden größer.“
Schließlich geht es um das, was mich im Innersten anrührt.

Was heißt das nun?
Jesus bittet um Einheit, um Liebe und Geborgenheit. Und die Christenheit streitet heftig.
Sind wir nun alle Heuchler?
Eine Bestätigung für all die, die meinen, schon immer gewusst zu haben, dass das mit dem Glauben bestenfalls Mumpitz ist?
Nein.
Auseinandersetzungen sind kein geistlicher „Betriebsunfall“.
Schon immer haben Christinnen und Christen darum gerungen, was der richtige Weg ist.
Schon Paulus und Petrus haben sich gestritten.
Die ersten Christen ebenfalls.
Es hat dem Christentum nicht geschadet.
Vieles hat sich dadurch geklärt und ist deutlicher geworden.
Eben weil man diskutieren musste, wofür man stand.

Damit ist das Gebet Jesu um Einheit nicht hinfällig.
Es ist und es bleibt wichtig.
Weil es die Richtung und das Ziel vorgibt.
Weil es zeigt, dass nicht das Trennende im Mittelpunkt steht, sondern die Liebe.
Die Liebe, die uns allen bereits von Gott geschenkt ist.
Die Liebe, die uns Jesus Christus vorgelebt hat.
Sie trägt uns alle.
Sie verbindet uns über die Gräben hinweg.

Deshalb hoffe ich, dass das Gebet Jesu auch in unsere Zeit hineinklingt.
Dass es den Ton vorgibt – in allen Diskussionen und Auseinandersetzungen.
Damit wir in allem Eifer nicht vergessen, dass wir alle in und aus Gottes Liebe leben.
Dass wir auf seine Liebe zugehen.

Und was hat das alles mit Himmelfahrt zu tun?
Himmelfahrt sagt uns, dass Jesus zwar unseren Blicken entzogen ist, dass wir aber weiterhin in ihm leben.
Er selbst ist in uns, nicht irgendwo in einem fernen Himmel.
Wir erfahren ihn in den Momenten der Einheit.
Wenn seine Herrlichkeit unter uns aufstrahlt.
Wenn alles zusammenklingt im Lob Gottes – und neue Brücken baut.
Erinnern wir uns immer wieder daran.

Amen