Das Wort zum Pfingstmontag

Von der Selbstisolation der Jünger hin zur aktuellen Coronakrise - Degerlochs Dekanin Kerstin Vogel-Hinrichs spannt einen weiten Bogen. Am Pfingstmontag wirkt der Geist Gottes und zeigt sich in der Fülle der Begabungen in der Gemeinde: ein Geist – viele Gaben, ein Leib – viele Glieder.

Pfingstmontag, 1. Juni 2020 Johannes 20,19-23

Die Degerlocher Dekanin Kerstin Vogel-Hinrichs predigt am Pfingstmontag

Sie hatten solche Angst, sie trauten sich nicht vor die Tür, sie hatten Angst, anderen Menschen zu begegnen. So beschreibt es Johannes zu Beginn unseres Predigttextes in Kapitel 20,19-23:
19 Am Abend dieses ersten Tages nach dem Sabbat, als die Jüngerinnen und Jünger hinter geschlossenen Türen saßen aus Angst vor der jüdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: »Friede sei mit euch!« 20 Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus den Lebendigen sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: »Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.« 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: »Nehmt die heilige Geistkraft auf. 23 Allen, denen ihr Unrecht vergebt, ist es vergeben. Allen, denen ihr dies verweigert, bleibt es.«

Liebe Gemeinde,

es war eine trostlose Situation, trist, grau, hoffnungslos. Die Welt da draußen war gefährlich. Sie gingen in Selbstisolation und blieben lieber unter sich. Draußen lauerte damals in Jerusalem kein Virus, sondern Häme, Verfolgung, Anklage, schlimmstenfalls der Tod.
Für sie war alles zu Ende, alles, was so hoffnungsvoll angefangen hatte. Ihre Pläne, ihre Träume, alles war für sie zusammengebrochen. Was sollte denn nun bloß werden? Jetzt waren sie als Freunde von Jesus, der als Verbrecher und Gotteslästerer hingerichtet worden war, selbst in Gefahr. Ganz offensichtlich hatte sie keinerlei Nachricht von der Auferstehung Jesu erreicht.

Doch dann geschieht: ein Wunder.
Jesus durchbricht alle inneren und äußeren Mauern und steht plötzlich vor ihnen. Keine verschlossene Tür hindert ihn, keine Angst, kein Nein. Es ist völlig egal, wie das geschehen konnte, wichtig ist nur, dass es geschehen ist, dass diese verängstigten Menschen ohne jede Perspektive plötzlich begreifen: Wir sind gar nicht allein, es ist nicht alles zu Ende, sondern: Jesus ist da – er lebt. Gott hatte ihn – wie auch immer – zu neuem Leben erweckt.
Und er bringt ihnen Frieden für ihre aufgescheuchten Seelen. „Friede sei mit euch“, spricht er sie an, wie er es so oft getan hat. „Friede sei mit euch!“ Ruhe für den Geist, kein Kreisen der Gedanken mehr, Geborgenheit statt Angst, Zuversicht und Trost. So viel ist in diesem Frieden enthalten, den er ihnen zuspricht. Alles, was sie so dringend brauchen. Und er ließ sie sehen, dass er es ist, kein Gespenst, kein Geist, sondern dass er derselbe ist, der er vorher war: der Jesus, der mit ihnen durchs Land zog, Menschen heilte, von Gott sprach, und der, der gekreuzigt wurde. Jesus hat bleibend die Zeichen des Hasses und seines Martyriums an seinem Körper. Er ist nicht unbeschadet aus dem allen herausgekommen. Er hat das Leid, den Tod erlitten und durchlebt bis zum Ende und darüber hinaus.
Und wie sie das sehen, begreifen sie – jetzt fügt sich alles zusammen. Unbändige Freude bricht sich Bahn, sie jubeln und fallen sich in die Arme, denn sie erkennen Jesus wieder: den gekreuzigten Jesus als den Lebendigen, der vor ihnen steht.

Hier wird die Ostergeschichte zur Pfingstgeschichte.
Dass sie glauben können, dass Jesus unter ihnen ist, das macht Gottes Geist. Und dieser Geist gehört nun zu ihnen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: »Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.« Noch einmal spricht Jesus ihnen Gottes Frieden zu und sendet sie. Er sendet sie unter die Menschen, genau dahin, wovor sie am meisten Angst hatten.

Angst ist also keine Option. Rückzug auch nicht. Hoffnungslosigkeit schon gar nicht. Sie sollen sich nicht weiter vergraben und ihren Kummer pflegen, sondern sie sollen hinausgehen, auf die Plätze dieser Welt und davon erzählen, was sie begeistert und zu wem sie gehören. Sie sollen hinausgehen und Hoffnung ausbreiten, Bilder malen von einer Welt, in der alle leben können und tun, was dafür nötig ist.

So war das auch in den letzten Wochen. Da hat sich in der Kirche etwas gewandelt. Ganz schnell wurden neue Wege gefunden, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen, wenn sie doch nicht mehr in die Kirche kommen konnten. Gottes Wort kam viel häufiger und direkter als vorher zu den Menschen nach Hause: Predigten wurden ausgetragen, der Online Gottesdienst kam in die Wohnzimmer, über den Gartenzaun gab es Seelsorgegespräche. Die Hilfsbereitschaft wuchs. Davon soll vieles bleiben. Kirche muss und soll sichtbar sein, mitten in der Welt, kreativ und überraschend, ungewöhnlich und herausfordernd.

Das ist ja überhaupt unser aller Auftrag: raus in die Welt gehen, hinsehen, wo andere wegsehen, den Finger in die Wunde legen, die andere gar nicht mehr wahrnehmen, öffentlich machen, wo Unrecht geschieht. Nicht um moralisch den Zeigefinger zu heben, weil wir es besser wissen, sondern weil wir genauso angewiesen sind und bedürftig und uns nach einer heilen Welt sehnen. So werden wir fortsetzen, was Jesus angefangen hat und heilend, verbindend und zugewandt wirken können. So wächst der Friede weiter, den Jesus brachte. 

Auch damals wurden sie nicht in eine heile Welt gesandt. Sie waren Anfeindungen, Spott, Verfolgung ausgesetzt. Es hat sie nicht zerstört. Glorreiche Siege hat Jesus nie versprochen. Aber die Verbundenheit mit ihm und die Kraft für das, was zu tun und was zu sagen ist. Die Seinen bekommen sogar die Kraft zum Schwierigsten, zum Vergeben. Sie können Menschen wieder mit sich und mit Gott in Verbindung bringen und damit ins Reine. Das kam und das kommt nicht aus ihnen selbst heraus. „Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: »Nehmt die heilige Geistkraft auf,“ schreibt Johannes.

Nicht zufällig erinnert dieses Anhauchen an jenen ersten Hauch Gottes, mit dem er die Menschen ins Leben rief. Erst so wurden sie lebendig. Anhauchen ist gerade nicht so eine gute Vorstellung, aber Gottes Atemhauch ist garantiert virenfrei! Gottes Hauch, der den heiligen Geist bringt, bringt unzerstörbares Leben. Die Jünger und Jüngerinnen und Jesu erlebten jedenfalls eine komplette Verwandlung! Aus verängstigten Anhängern eines Hingerichteten wurden beeindruckende Botschafter des Lebens im Auftrag des Herrn. Das wissen wir nicht aus diesem Text, sondern aus der Geschichte. Und so wurde dieser Text auch für die ersten Gemeinden erzählt und heute für uns: Heute sind wir es, so wie wir hier sind, mit unseren je eigenen Sorgen und Ängsten, aber auch unseren eigenen Gaben und Möglichkeiten. Wir sind Töchter und Söhne, Menschen Gottes, begabt und beschenkt mit dem Heiligen Geist. Dabei bleibt immer noch genügend übrig, was Angst hat, sich Sorgen macht, was sich ärgert oder kleinlich ist, wo die Gedanken kreisen: Werde ich das schaffen? Wie soll das nur werden? Komme ich da durch?

Gottes Geist sagt zu uns allen heute: JA! Sein Ja, seine Geisteskraft ist die Gegenkraft zu allem, was uns klein hält. Seine Geisteskraft sagt „ja“ gegen alles „nein“, „doch“ gegen alles „geht nicht“, „trotzdem“ gegen alles Hoffnungslose. Durch Pfingsten, durch Geschichten wie diese, können wir darauf vertrauen, dass eines Tages jemand auch durch unsere fest verschlossenen Türen kommt, durch die Enge unserer Gedanken und Sorgen und unseres Kleinmuts und einfach nur spricht: Friede sei mit dir.

Amen

Und was heißt Pfingsten im "echten" Leben?

Zum "Tag der weltweiten Kirche", welcher traditionell am Pfingstmontag mit einem Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche gefeiert wird, hat sich auch Jugendpfarrer Matthias Rumm bei Jugendlichen in aller Welt umgehört, was Pfingsten für sie bedeutet und daraus ein Video zusammengestellt. "In diesem Jahr sind die Antworten wegen der Coronapandemie anders ausgefallen als sonst, denn aktuell ist es nicht nur die weltweite Verbundenheit als Christinnen und Christen, die uns trägt, sondern auch das Virus, das uns alle weltweit fest im Griff hat", so Jugendpfarrer Matthias Rumm.

Der Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche um 11 Uhr mit dem württembergischen Landesbischof Dr h. c. Frank-Otfried July steht unter dem diesjährigen Motto "Komm, weite den Blick" und findet wegen der Coronapandemie nur mit einer begrenzten Teilnehmerzahl statt. Er kann aber auf dem Facebookkanal der Landeskirche mitverfolgt werden.