Das Wort zum Pfingstsonntag

"Pfingsten, das ist der Geburtstag der Kirche!". Zur Feier des Tages begibt sich Stadtdekan Søren Schwesig am heutigen Pfingstsonntag schon früh auf den Birkenkopf, um dort um 8 Uhr einen Gottesdienst im Grünen zu feiern. Und das ist seine Predigt...

Pfingstsonntag, 31. Mai 2020 Apostelgeschichte 2,22-39

Stadtdekan Søren Schwesig über die Geburtsstunde der Kirche

Liebe Gemeinde,
 
manche nennen Pfingsten den Gründungstag der Kirche. Denn wenige Tage nach Tod und Auferstehung Jesu kommt damals in Jerusalem Gottes Geist über die dort versammelten Christen. Mit anderen Worten: Damals erfahren diese Christen, dass Gott gegen­wärtig ist im Leben eines Christen.
 
Wenn Pfingsten der Gründungstag unserer Kirche ist, dann ist der fol­gende Predigttext ihre Gründungsurkunde der Kirche. Es sind die Worte, die Petrus an die Menschen in Jerusalem gerichtet hat, nachdem sie das Pfingstwunder erlebt haben:
 
22 "Ihr Menschen von Israel, hört, was ich euch sage: Jesus von Nazareth kam im Auftrag Gottes: das konntet ihr an den Zeichen und Wundern se­hen, die Gott durch ihn geschehen ließ. Ihr habt alles miterlebt, 23 und doch habt ihr ihn durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen lassen. Aber so hatte es Gott vorherbestimmt. 32 Diesen Jesus hat Gott vom Tod erweckt, das können wir alle bestätigen. 33 Gott hat ihn zu sich genommen und hat ihm die versprochene Gabe an­vertraut, den heiligen Geist, damit er ihn an uns weitergibt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes. 36 Alle Menschen in Israel sollen daran erkennen, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Richter gemacht hat."
37Als die Menschen das hörten, ging´s ih­nen durchs Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: "Was sollen wir tun?" 38 Petrus antwortete: "Ändert euch und lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi! Dann wird Gott euch eure Schuld ver­geben und euch seinen heiligen Geist schenken. 39 Was Gott versprochen hat, ist für euch und eure Kinder bestimmt und überhaupt für alle nah und fern, die der Herr, unser Gott, rufen wird."

Versetzen wir uns in die Lage der ersten Christen, die damals das Pfingstwunder erleben. In den letzten Tagen haben sie ein Wechselbad der Gefühle erlebt. An Karfreitag wurde der, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, von den Römern am Kreuz umgebracht. Drei Tage später an Ostern hören sie von der Auferstehung Jesu und begreifen: Gott ist stärker als der Tod. Und die darauffolgenden Begegnungen mit dem Auferstandenen geben ihnen neue Kraft zum Glauben.
 
Aber noch sind sie ängstlich und unsicher. „Wenn Jesus zu Gott zurückkehrt“, so fragen sie, „was bleibt dann von dem, was er uns gelehrt hat? Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Fürsorge – behält das seine Gültigkeit als Maßstab für unser Leben?“
 
So fragen die ersten Christen, unsicher, voller Zweifel - als plötzlich das Pfingstwunder geschieht und sie Gottes Geist empfangen. Und jetzt, da sie Gottes Geist empfangen haben, verlieren sie alle Angst und Zweifel; verstecken sich nicht mehr, sondern gehen zu den Menschen, um von Jesus zu erzählen und werden so zu seinen Zeugen.
 
So wirkt der Heilige Geist. Er begeistert Menschen, nimmt ihnen die Angst und befähigt sie, Zeugen Jesu zu werden.

Der Heilige Geist ist eine Macht, die schwer erklärbar ist. Und was der Mensch nicht erklären kann, macht ihn misstrauisch. Und das zu Recht. Denn immer dann, wenn wir von Geisterlebnissen hören und von vom Geist gewirkten Wundern, fragen wir uns: Was ist hier geschehen? War hier wirklich Gottes Geist am Werk?
 
Ein Beispiel: 
Vor einem Jahr starb Uriella, die mit bürgerlichem Namen Erika Hedwig Bertschinger-Eicke hieß. Uriella war Gründerin und Oberhaupt der Sekte Fiat Lux. Ihre Anhänger glaubten, sie sei das Sprachrohr Jesu und Wunderheilerin. Im Namen des Geistes verfüge sie über magische Kräfte. Wiederholt wurde sie angeklagt, weil sie etwa kranken Sektenmitgliedern verbot, sich an Schulmediziner zu wenden. Stattdessen versuchte sie Knochenbrüche, Blutvergiftungen und andere Erkrankungen durch den Geist Gottes und von ihr angerührte Mixture zu heilen. Menschen kamen dabei ums Leben.
 
Zugegebenermaßen ein extremes Beispiel. Wie ist das aber, wenn unerklärliches Geisteswirken in unserer Kirche begegnet, wenn es etwa zu Krankenheilungen oder Zungenreden kommt. Unsere Kirche hat ja, das muss man so sagen, eine gewisse Skepsis gegenüber dem angeblichen Wirken des Heiligen Geistes.
 
Ganz anders bei charismatischen Gemeinden: Da ist die Erfahrung des Heiligen Geistes als etwas Zentrales. Wir haben eine gewisse Skepsis gegen manche dieser charismatischen Gruppen. Oft zu Recht, denn manches, was dort gepredigt und gelehrt wird, ist theologisch fragwürdig. Aber wir sind andererseits auch schnell bei der Hand, den dortig gemachten Erfahrungen mit dem Heiligen Geist zu misstrauen.
 
Warum ist das so? Warum diese Skepsis? Vielleicht neigt der Mensch dazu, weil ihm das Wirken des Heiligen Geistes unerklärlich ist und so unkontrollierbar erscheint, dazu, solchen Geist-Erlebnissen zu misstrauen. So wie man in der Schriftlesung den geistbe­wegten Jüngern sagte: „Ihr seid ja betrunken!“
 
Der Heilige Geist ist eine schwer erklärbare Macht. Das stimmt. Paulus aber sagt: Es gibt ein Kriterium, dass uns zeigt, ob hier Gottes Geist oder ob Menschen am Wirken sind. Dieses Kriterium ist Jesus Christus! Wenn der Geist Menschen dazu bringt, in Je­sus den zu erkennen, der der Welt Gottes Liebe gebracht hat, sich mit ihrem Leben auf diesen Jesus einzulassen und sich in ihrem Sterben diesem Jesus anzuvertrauen, dann kann es kein anderer Geist sein als Gottes Geist. Wenn der Geist Menschen dazu verhilft, ihr Leben in der Nachfolge Jesu zu leben, dann ist das Gottes Geist, der in uns wirkt.

Wenn wir mit dem heutigen Pfingstfest den Gründungstag unserer Kirche feiern und mit dem heutigen Predigttext die Gründungsurkunde der Kirche hören, dann ist es gut, wenn wir fragen:
Welche Bilanz ziehen wir am heutigen Pfingstfest für unsere Kirche? Eine alles in allem positive Bilanz? Oder sehen wir die Geschichte unserer Kirche eher als Misserfolgsgeschichte? Wagen wir uns an einen Dreischritt von Rückblick, Gegenwarts- und Zu­kunftsschau.
 
Zum Rückblick: 
Im Blick auf die Geschichte unserer Kirche können wir staunen und dank­bar sein, wie Gott aus kleinen Anfängen so Großes hat werden lassen. Denn klein und kümmerlich waren die Anfänge damals in Jerusalem – auch wenn Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, die Anfangsgeschichte der Kirche kräftig idealisiert, als hätte unter den ersten Christen nur eitel Son­nenschein geherrscht. Auch sein Bericht, dass an einem Tag 3.000 sich taufen ließen, verdankt sich wohl weniger der Realität als vielmehr der Begeisterung des Lukas, mit der er von den Anfängen der Kirche berich­tet.
 
Wie auch immer - die Geschichte unserer Kirche zeigt, wie Gott aus kleinen Anfängen Großes hat werden lassen. Und er hat immer wieder dann, wenn die Kirche Irrwege ging und sich an Gott versündigte - die Kreuzzüge seien ein Bespiel, die Ablass-Theologie des Mittelalters, die kirchlich begründete Judenfeindschaft, ihr Versagen im Dritten Reich - immer dann, wenn die Kirche Irrwege ging, hat Gott ihr Menschen geschickt, die die Kraft und Weisheit hatten, sie zu einem neuen Aufbruch zu führen.
 
Zur Gegenwart der Kirche:
Ja, wir erleben eine immer weitergehende Entkirchlichung der Gesell­schaft, steigende Austrittszahle, einen nachlassenden Stellen­wert von Glauben in unserer Gesellschaft – lauter Hiobsbotschaften, die einen mutlos ma­chen könnten.
 
Solchen Nachrichten muss man Beispiele entgegensetzen, Erlebnisse, durch die sichtbar wird, wie Gottes Geist auch heute noch wirkt. Ich erinnere mich an den Besuch in Süd­spanien bei einer kleinen protestantischen Gemeinde. Sie ist mit ihren 120 Gemein­degliedern lächerlich klein angesichts einer übermächtigen katholischen Kir­che. Die Gemeinde ist überaltert, es gibt wenig Nachwuchs. Nach unseren Maßstäben würden wir fragen: Ja, macht das Sinn, so eine Gemeinde noch am Leben zu halten?
Aber dann habe ich erlebt, wie die Menschen miteinander leben, wie sie nacheinander schauen, wie sie ihren Glauben miteinander le­ben, wie sich 50% der Gemeinde regelmäßig im Gottesdienst versammelt, wie die Gemeinde Aktivitäten nach außen entwickelt, um im Geiste Jesu Menschen zu helfen, die in Not sind.
 
Solch eine Gemeinde ist ein Beispiel dafür, wie die Gemein­schaft von Christen heute, egal wie groß diese Gemeinschaft ist, leben kann als eine von Gott getragene Gemeinschaft und eine von seinem Geist geführte Gemeinschaft.
 
Zum Schluss unsere Zukunft als Kirche:
Gott be­wahre uns davor, dass wir unsere Zukunftsgedanken mehr von Statistiken bestimmen lassen als vom Vertrauen in Gottes Geist. Möge Gott uns helfen, dass un­sere Zukunftsgedanken eher von fröhlichem Vertrauen als von lähmender Skepsis geprägt seien.
Ein Vertrauen, dass darin gründet, dass es immer Gottes Geist gewesen ist, der die Kirche geführt hat. Ein Vertrauen, das uns sagen lässt: Ich glaube, dass Gottes Geist auch diese meine Kirche regiert. Gottes Geist, der damals in Jerusalem über die Christen gekommen ist und sie begeistert hat.
 
Wenn wir dieses Vertrauen nicht verlieren, 
dieses Vertrauen in Gottes Geist immer wieder vor Augen malen,
dann muss uns nicht bange sein um die Zukunft der Kirche und die Zukunft unserer Gemeinde.
Dann Gottes Geist regiert uns und führt uns.
Das ist gewisslich wahr.

Amen