Der "Letzte Reise"-Koffer

Der Rollkoffer ist gepackt, nicht zum Abflug in den Urlaub - was aktuell so oder so nicht geht - sondern für die "letzte Reise" eines Menschen. Damit begleiten die Mitarbeitenden des Ambulanten Hospizdienstes für Erwachsene Sterbende auf ihrem Weg in den Tod...

Der "Letzte-Reise-Koffer" ist gepackt...

Ehrenamtliche des Ambulanten Hospizdienstes für Erwachsene kommen mit dem "Letzte-Reise-Koffer" in die Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser oder auch nach Hause.

Märchenbücher, die Bibel, ein Fächer für heiße Tage, Aromadüfte, ein Olivenholzkreuz oder andere Handschmeichler - der "Letzte-Reise-Koffer" ist gut sortiert.

Im ambulanten Bereich des HOSPIZ STUTTGART tut sich etwas: Seit einem halben Jahr sind die beiden Abteilungen „Ambulantes Erwachsenenhospiz“ und „Sitzwache“ unter dem gemeinsamen Namen „Ambulanter Hospizdienst für Erwachsene“ im Stuttgarter Stadtgebiet unterwegs.

Und nicht nur das, die haupt- und ehrenamtlichen Damen und Herren kommen jetzt auch, wenn gewünscht, mit ihrem "Letzte-Reise-Rollkoffer" in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, um Sterbende auf ihrer letzten Reise zu begleiten. Womit der Koffer gepackt ist und wann und wie dessen Inhalt zum Einsatz kommt, erzählen Christa Seeger, Abteilungsleitung Begleitung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Koordinatorin Heidi Stotz und die Ehrenamtliche Malu Laderer im Interview.

RED: Liebe Frau Seeger, der Ambulante Hospizdienst für Erwachsene kommt immer dann zum Einsatz, wenn Menschen ihre letzte Reise antreten, sprich, wenn sie im Sterben liegen. Dann kommen Ihre Mitarbeitenden, ob haupt- oder ehrenamtlich, und setzen sich zu diesen Menschen ans Bett. Erzählen Sie mal, wie sich diese Situation so gestaltet…

CS: Wir werden von den Angehörigen oder dem Pflegeteam der Einrichtungen angefragt. Ein/e hauptamtliche/r MitarbeiterIN spricht den Bedarf vor Ort ab und nimmt Kontakt mit den bevollmächtigten Angehörigen oder dem/der BetreuerIN auf. Dann geht er/sie vor Ort und lernt den sterbenden Menschen kennen. Nun sind die Wege geebnet, um die Ehrenamtlichen für die Sterbebegleitung am Bett anzufragen. Dabei geben wir häufig telefonisch den Angehörigen einen Rat für die Bedürfnisse und Wünsche in den letzten Wochen und Tagen. Tägliche Absprachen sind nötig, um gemeinsam eine individuelle und passende Begleitung am Tag oder in den Abendstunden zu formen.

HS: In den Pflegeeinrichtungen oder im Krankenhaus setzt sich die Ehrenamtliche zu dem schwerkranken Menschen und versucht in Kontakt zu kommen. Wir sprechen die Menschen an und lernen uns behutsam kennen. Der sterbende Mensch entscheidet, was gut und richtig für ihn ist und was er möchte. Die Bedürfnisse sind so unterschiedlich wie die Menschen, die wir begleiten. Manchmal ist es nur eine nonverbale Kommunikation. Den Zugang zu einem Menschen erleichtert ein Summen, ein Klang, eine vorsichtige Berührung. Wir wollen eine Atmosphäre der Offenheit schaffen. Alles darf, nichts muss. Ganz oft ist nur das „Da-sein“ wichtig und die kostbare Zeit, die die Ehrenamtlichen mitbringen. Gerade in den letzten Tagen und Stunden entsteht manchmal eine besondere Geschäftigkeit. Hier heißt es innezuhalten und einfach wahrzunehmen: Was braucht es jetzt wirklich? Wie kann ich mich ganz auf diesen Menschen einlassen?  

RED: Neuerdings kommen Sie nicht mit leeren Händen, sondern Sie bringen einen "Letzte Reise-Koffer" mit. Was befindet sich darin?

CS: Dank der Strube-Stiftung und der Aktion Weihnachten der STZ konnte unser Team der Hauptamtlichen folgende Dinge anschaffen, die mit allen Sinnen wahrgenommen werden können: 

    verschiedene Bücher wie Märchen, Gedichte, Vorlesegeschichten, Entspannungsgeschichten (nicht nur für Menschen mit Demenz), ein Gesangbuch und Rosenkranzgebete, Bildkarten zum Betrachten oder um ein Gefühl auszudrücken
    ein Musikinstrument „Kalimba“, welches sanfte, harmonische Töne in A-Moll spielt
    eine LED-Kerze für angenehmes Raumlicht
    einen Aromaraumduft, der die Situation entspannen, klären oder reinigen kann
    ein Fächer für frische Luft an heißen Tagen
    einen MP3-Player mit verschiedenen aufgespielten Musikrichtungen
    verschiedene Heilsteine zum Vertrauen fassen, als Handschmeichler
    ein Holzkreuz aus Olivenholz, welches in den letzten Stunden in der Hand gehalten werden kann
    Nicht fehlen dürfen Desinfektionstücher und ein Händedesinfektionsmittel zum Reinigen der Gegenstände sowie eine Gebrauchsanweisung für die Gegenstände. 

RED: Wann und wie kommen diese Utensilien zum Einsatz?

CS: Immer dann, wenn die Ehrenamtlichen im Gespräch oder in der Begegnung das Gefühl haben, dass sich die Situation mit einem der beschriebenen Dinge entspannen kann. Leitfaden ist, dass der betroffene Mensch seine Zustimmung gibt. Es darf aber auch eine ganz kleine Geste sein oder nur das Hören der Lieblingsmusik. Ganz individuell eben. Die Ehrenamtlichen wissen durch ihre Erfahrung und durch ihre Intuition was in der jeweiligen Situation passt.

RED: Woher weiß ich als „ReisebegleiterIN“, was der sterbende Mensch braucht?

ML: Bevor ich als Ehrenamtliche vor Ort gehe, wurde bereits einiges durch die Kordinatorinnen abgeklärt. In erster Linie nutzen wir jedoch das Gespräch mit der betroffenen Person. Wenn die betroffene Person nicht mehr für sich selbst sprechen kann, werden auch alle möglichen anderen Quellen genutzt. Beispiele hierfür sind z. B. Schilderungen der Angehörigen, Informationen zur Biographie, Hinweise der Pflegekräfte usw. Ich schaue mich im Zimmer nach möglichen Hinweisen um. Gibt es persönliche Gegenstände, religiöse Symbole, Bilder, Fotos oder Bücher.  Vielleicht weist etwas auf eine Freizeitbeschäftigung hin. Hat die Person ihre geliebten Dinge um sich? Ab und zu gibt es nichts Persönliches in den Zimmern, in denen wir begleiten. Oft ist es ein Ausprobieren, ein Sich-Herantasten. Was ich glaube, ist nicht unbedingt das Richtige. Der Betroffene gibt den Weg vor. Aus der vorsichtigen Distanz nähere ich mich langsam und frage jede Berührung an. Eine Ablehnung kann ein Verziehen des Gesichtes oder eine ablehnende Geste sein. Dann versuche ich es mit etwas, was die Sinne des anderen Menschen berühren kann. Der Klang der Stimme beim Vorlesen kann sehr angenehm und beruhigend sein. Ich zerreibe auch mal ein auf dem Weg gefundenes Herbstblatt zwischen den Händen und wir nehmen gemeinsam den Duft wahr, der sich dabei im Zimmer ausbreitet.

RED: Jetzt hat uns die Corona-Pandemie wieder fest im Griff. Wie schaffen Sie es, Ihre Haus-, Heim- oder Krankenhausbesuche coronakonform zu gestalten?

CS: Die Ehrenamtlichen sind durch ihre Vorbereitungszeit im Qualifizierungskurs zum Thema Hygienemaßnahmen geschult. Jede Einrichtung hat ein eigenes Hygienekonzept, dem wir entsprechen müssen. Unsere Hauptamtlichen sind in enger Absprache mit der Hausleitung bzw. der Pflegedienstleitung der Einrichtungen, um genügend Vorsorge zu treffen. Die Ehrenamtlichen gehen im Moment mit FFP2 Masken zu den Einsätzen und halten die allgemeinen Richtlinien ein. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, einer Begleitung zuzustimmen oder aus eigenen Vorsichtsmaßnahmen den Einsatz abzulehnen. Wir hoffen sehr, dass es uns auch weiterhin gelingen darf, in den Einrichtungen begleiten zu können. Die sterbenden Menschen und ihre Angehörigen sind in dieser besonderen Zeit manchmal sehr einsam in den palliativen Situationen.

RED: So ein "Letzte Reise-Koffer" will stets aufgefüllt und bestimmt auch mit dem einen oder anderen ergänzt werden. Was wünschen Sie sich diesbezüglich?

CS: Gerne hätten wir ein fortlaufendes Budget zur Instandhaltung der Koffer, da wir sie immer wieder warten und auffüllen müssen. Das kostet Geld. Wir werden zunächst in 9 Pflegeeinrichtungen je 1 Koffer verteilen. Damit unseren Ehrenamtlichen dieselbe Vielfalt in der Begleitung und in der Begegnung sterbender Menschen zur Verfügung steht, würden wir die Koffer gerne auch in weiteren Einrichtungen verteilen. Hierfür freuen wir uns über Spenden auf unser Spendenkonto:

Förderverein Hospiz Stuttgart

IBAN: DE17 6005 0101 0002 1278 33

BIC: SOLADEST600