Die Jahreslosung 2023 steht fest

Auf dem jährlichen Delegiertentreffen der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen in Berlin wird immer die Jahreslosung gewählt, zuletzt die für 2023. Dabei hatten die Deligierten der 23 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft mehr als 30 Vorschläge eingereicht. Außerdem wurden die Bibellesepläne und die Monatssprüche gewählt.

6 Fragen an Pfarrerin Bettina Hoy...

Pfarrerin Bettina Hoy war Beraterin bei der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen

Pfarrerin Bettina Hoy von der Evangelischen Lenore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt saß von 2012 bis 2020 im Auswahlgremium der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, das über die Jahreslosung entscheidet und hat dort ehrenamtlich als berufene Beratin mit vorgeschlagen und abgestimmt. Zum Ende ihrer zweiten Amtsperiode hin haben wir sie gefragt, wie es zu der jeweiligen Jahreslosung kommt und was es mit der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen auf sich hat.

RED: Liebe Frau Hoy, was hat es denn überhaupt mit der Jahreslosung auf sich, also wozu gibt es diese?

BH: Die Jahreslosung ist so etwas wie ein Motto, nein nicht Motto, besser gesagt ein Leitspruch. Ein Leitspruch für Christinnen und Christen für ein Jahr. Das kann ein Zuspruch sein oder eine Aufforderung, eine Ermutigung, eine Erinnerung oder etwas zum Nachdenken. Immer ist es ein Satz aus der Bibel.

RED: Was bestimmt sie oder wofür ist sie im Laufe dieses einen Jahres maßgebend?

BH: Die Jahreslosung steht für sich und erinnert gleichzeitig an eine Geschichte oder einen bestimmten Text aus der Bibel, aus dem sie stammt. Sie ist in jedem Fall für sich allein verständlich. Lenkt aber den Blick eben auch in die Bibel hinein. Meist wird sie am Anfang eines Jahres in Predigten und Andachten bedacht und ausgelegt und ist in den Schaukästen der Gemeinden und auf Plakaten zu lesen. Aber sie soll nicht nur am Anfang eines Jahres stehen. Im besten Fall begleitet sie uns das ganze Jahr oder wir erinnern uns im Laufe eines Jahres immer mal wieder daran – an diesen einen wichtigen Satz.
Es gibt inzwischen Vieles, was uns hilft, daran zu denken: wunderbare künstlerische Bild-Gestaltungen zu dem jeweiligen Spruch, neue Lieder zur Jahreslosung, sie ist auf Tassen und Kerzen und Kalendern zu finden und und und. Wenn man ein geistreiches, kleines Geschenk sucht, findet man schnell eines im Zusammenhang mit der Jahreslosung im Internet. Viele Menschen werden kreativ dazu. Im letzten Jahr (2019) hieß die Jahreslosung beispielsweise „Suche Frieden und jage ihm nach!“ – das ist eine wichtige Erinnerung, dass wir alle etwas zum Frieden beitragen können und sollen. Und man ist sofort ins Gespräch gekommen: Passt „Nachjagen“ zum Frieden? Wie ist das gemeint?

RED: Wer entscheidet denn, welche Jahreslosung für ein jedes Jahr gewählt wird?

BH: Anders als ihr Name vermuten lässt, wird die Jahreslosung nicht ausgelost, sondern gewählt. Das geschieht immer drei Jahre im Voraus auf der jährlichen Tagung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) in Berlin. Daran nehmen VertreterINNEN der Mitglieder der ÖAB teil. Sie kommen aus fünf Ländern, denn Mitglieder sind beispielsweise die Schweizer Bibelgesellschaft, die Österreichische Bibelgesellschaft, die Polnische Bibelgesellschaft, die Union der evangelischen Kirchen im Elsass, die Deutsche Bibelgesellschaft, das Katholische Bibelwerk, aber auch der CVJM, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, Bibel TV, die Vereinigung Evangelischer Freikirchen, die Evangelischen Frauen in Deutschland und andere kirchliche Einrichtungen – insgesamt derzeit 23. Dazu kommen vier berufene BeraterINNEN, die eine begrenzte Amtszeit haben. Und ganz wichtig sind jedes Jahr andere Jugend-Delegierte, also junge Menschen, die kurz vor oder kurz nach dem Abschluss ihrer Schulzeit stehen. Ihre Gedanken und Meinungen und Voten zu den Bibelversen werden immer mit besonderer Aufmerksamkeit gehört und beachtet. In einem bestimmten, gut regulierten Verfahren diskutieren und wählen alle diese Delegierten jeweils einen Bibelspruch für jeden Monat eines Jahres und eine Jahreslosung.

RED: Und wonach entscheidet das Gremium?

BH: Alle Mitglieder und die BeraterINNEN müssen im Vorfeld der Tagung Vorschläge einreichen. Bedingung ist, dass alle vorgeschlagenen Bibelverse aus dem Bibellese-Plan für das jeweilige Jahr stammen. [Anmerkung RED: Die ÖAB gibt jedes Jahr Bibellese-Pläne heraus, die helfen, die Bibel in kürzeren oder längeren täglichen „Portionen“ zu lesen und so auf abwechslungsreiche Weise durch die biblischen Schriften führen.].
Eine weitere Bedingung ist, dass sich eine Jahreslosung frühestens nach 10 Jahren wiederholen darf. Allerdings wird meist bedacht, dass die Bibel so viele gute Sätze beinhaltet, dass sich eigentlich gar keine Jahreslosung wiederholen müsste… Zunächst wird in Arbeitsgruppen über die Vorschläge diskutiert und abgestimmt, dann im Plenum. Wir überlegen gemeinsam, wie ein bestimmter Satz, eine bestimmte Aussage in unsere Zeit hinein sprechen und wirken kann. Für die Entscheidung zur Jahreslosung gibt es immer mehrere Plenumsdiskussionen und vor der Endabstimmung liegt immer noch eine Nacht, um die Entscheidung auch noch einmal zu überschlafen.

RED: In wie weit spielen gesellschaftliche Entwicklungen oder Strömungen bei der Wahl eine Rolle, also was für eine Jahreslosung braucht das Christenvolk im Jahr 2022 usw.?

BH: Selbstverständlich spielen gesellschaftliche Themen und Befindlichkeiten und Entwicklungen bei der Wahl eine Rolle. Wir überlegen, was unsere Gesellschaft gerade bewegt und was wahrscheinlich in drei Jahren noch virulent sein wird, was nötig und hilfreich wäre zu hören. Beispielsweise das Thema Migration und Integration wird wahrscheinlich auch 2022 noch aktuell sein. Deshalb haben wir 2019 für das Jahr 2022 folgenden Spruch gewählt: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Die Monatssprüche und die Jahreslosung waren schon seit ihrer Einführung politisch und so erreigten damals in Nazi-Deutschland die Monatssprüche auf gelben Plakaten (Auflage 500.000) so viel Aufsehen, dass sie verboten wurden! Die ausgewählten Bibelverse sollten und konnten Orientierung und Halt geben in schwierigen Zeiten. Die erste Jahreslosung gab es 1930. Ihr „Erfinder“ war übrigens ein Cannstatter, Otto Riethmüller, in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und begraben. 1930 war er allerdings in Berlin. Da war er Leiter des evangelischen Reichsverbandes weiblicher Jugend im Burckhardthaus in Berlin-Dahlem. In Absprache mit dem Reichsverband der Evangelischen Jungmännerbünde gab er die erste Jahreslosung heraus. Sie hieß: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“.
Die ÖAB in der jetzigen Form gibt es seit 1970. In der Zeit der deutschen Teilung arbeitete sie in zwei Regionen. Die Entscheidungen über Bibel-Lesepläne und Sprüche für Monate und Jahre wurden jedoch immer gemeinsam getroffen und zwar bei der jährlichen Mitgliederversammlung in Ostberlin. Auch das ein Politikum …
Heutzutage wird die Jahreslosung in einer Auflage von etwa 7 Millionen verbreitet.
Im Internet finden Sie unter anderem alle Jahreslosungen seit 1930. Schauen Sie doch einmal, welcher Text in Ihrem Geburtsjahr Jahreslosung war…

RED: Interessant -also bei mir war es "Wir verkünden nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn." (2 Kor 4,5). Doch schauen wir nach vorne, denn im Februar wurde die Jahreslosung 2023 festgelegt. Wie lautet sie und wer übernimmt sie?

BH: Die Jahreslosung für 2023 lautet: „Du bist ein Gott, der mich sieht“.  (Gen 16,13). Sie stammt aus der Geschichte von Sarah und Abraham. Die Wahl eines solchen Zitates ist eine Premiere. Zum ersten Mal, seit es diese Leitworte gibt, prägt der Ausspruch einer Frau ein ganzes Jahr. Es ist eine Leihmutter Abrahams mit dem Namen Hagar, die da erstaunt spricht. Zusammen mit ihrem Kind wurde sie in die Wüste geschickt, kam dort aber nicht um, sondern wurde gerettet. Wolfgang Baur, stellvertretender Direktor des Katholischen Bibelwerks und Vorsitzender der ÖAB, sieht in der Erzählung ein Signal: „Hagar steht für all die ausgenutzten und nicht wertgeschätzten Frauen in Gesellschaft und Religion bis heute. Gleich am Anfang erzählt die Bibel, dass Gott gerade eine missachtete Frau wahrnimmt. Das ist Programm und Herausforderung. Diese Jahreslosung stellt unter anderem die Frage nach der Rolle von Frauen in der Kirche“. Die Figur der Hagar spielt auch eine wichtige Rolle im Islam – insofern kann die Jahreslosung 2023 auch ein Anknüpfungspunkt im interreligiösen Dialog sein.
Damit leben und arbeiten kann jede christliche Kirche, denn der Spruch ist aus der Bibel. Vorrangig verwendet wird sie in römisch-katholischen, evangelischen und evangelisch-freikirchlichen Gemeinden in den fünf eingangs genannten Ländern, aus denen VertreterINNEN bei der Wahl beteiligt sind.

RED: Liebe Frau Hoy, ganz herzlichen Dank für die Hinführung zu den Quellen der Jahreslosung.