Die verschwundene Kirche

Als am Abend des 15. April 2019 das Feuer in der Kathedrale Notre-Dame de Paris ausbrach, sah die ganze Welt zu. Die Angst, eines der imposantesten Kirchenbauten zu verlieren, war groß. Erst in den Morgenstunden des 16. April konnte die Pariser Feurwehr Entwarnung geben. Wie schnell ein Feuer eine Kirche bis auf ihre Ruinen niederbrennen kann, mussten die Stuttgarter 1944 erleben.

Die Stuttgarter Garnisonskirche - ein "Nachbau" des Kaiserdoms zu Speyer

Zur Stuttgarter Turmsilhouette gehörten bis zum Zweiten Weltkrieg drei hohe und vier kleinere, spitze Turmdächer, die man von der Gänsheide jenseits des Königsbaus erkennen konnte. Dies waren die Türme der Garnisonskirche, die als zweite neue Kirche, nach der Johanneskirche, errichtet wurde. Amtlich hieß sie nach preußischem Vorbild Garnisonskirche, doch hat sich dieser Name nie durchgesetzt.

Der Stuttgarter Garnison diente seit 1779 ein an der Ecke Hospital- und Kanzleistraße, auf dem Grundstück des heutigen Hauses der Wirtschaft stehendes turmloses Remisengebäude als Kirchenraum. Nach 1870/71 wurde das Militär, das vor allem in der Rotebühl- und der Moltkekaserne untergebracht war, bedeutend vermehrt. Stuttgart war eine der größten Garnisonen im Land; 1898 werden 3200 Soldaten genannt.

Das Bedürfnis einer größeren Garnisonskirche wurde daher als besonders dringlich erkannt. Bereits 1874 wurde aufgrund eines Entwurfs des Architekten Konrad Dollinger der Baubeschluß gefaßt. Konrad Dollinger (1840-1925) stammte aus Biberach war seit 1872 Professor am Polytechnikum in Stuttgart. Dollinger ließ sich mit seinem Entwurf der Garnisonskirche, wie später auch bei der Matthäuskirche, vom Vorbild der rheinischen romanischen Dome leiten. Während sein Lehrer Leins, der Erbauer der Johanneskirche, als Meister der Neugotik gelten kann, griff sein Schüler Dollinger auf den noch älteren romanischen Stil zurück, um ein monumentales und gediegenes Bauwerk zu schaffen.

Die Garnisonskirche war dreischiffig mit einem weiten Mittelschiff, das von einem Querschiff in denselben Ausmaßen gekreuzt wurde. Den Abschluss bildete ein halbkreisförmiger Chor. Die Vierung wurde von einer Kuppel überwölbt, die freilich zur Belichtung des Raums nur wenig beitrug, aber die Akustik erheblich beeinträchtigte. Wie sehr die Kirche auf Außenwirkung berechnet war, zeigt nicht nur der mächtige Vierungsturm, sondern ebenso die je zwei Türme, die die Westfassade, ebenso die Fassaden der Seitenschiffe begleiteten. Die Kirche hatte 1750 Sitzplätze.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 2. November 1875 unter Teilnahme des Königs und weiterer Mitglieder des königlichen Hauses und des Militärs. Die Errichtung des Backsteinbaus ging rasch voran, die Einweihung fand am 15. Juni 1879 statt, selbstverständlich unter Teilnahme des Königspaars, des königlichen Hofstaats, der Minister, der Generalität und einer „ungeheuren Menschenmenge“.

Im Kaiserreich wurden die Soldaten zu den Gottesdiensten in die Garnisonskirche geführt. Aus der Moltke-Kaserne gelangten sie über die Militärstraße (heute Breitscheidstraße) zur Garnisonskirche. Die Soldaten der Großen Infanteriekaserne im Rotebühlbau kamen über die Gartenstraße (heute Fritz-Elsas-Straße) zur Militärstraße. Durch den Versailler Vertrag war die Reichswehr der Weimarer Zeit auf 100.000 Mann beschränkt, so dass die Stuttgarter Garnisonskirche viel zu groß war. Sie wurde daher 1931 Gemeindekirche, für die ein eigener Gemeindebezirk zurechtgeschnitten wurde. 1937 zählte die Gemeinde der Garnisonskirche immerhin 4426 Gemeindeglieder.

Bei dem schweren Luftangriff auf Stuttgart am 12. September 1944 brannte die Garnisonskirche aus und verlor Dach und Turmspitzen. Die Ruine wurde am 19. Dezember 1951 gesprengt und die Trümmer abgeräumt.

Auf dem Gelände an der Holzgartenstraße stehen heute Gebäude der Universität Stuttgart. An die Garnisonskirche, die die Stuttgarter immer für einen Nachbau des Speyerer Doms gehalten haben, erinnert heute nichts mehr.

Dr. Ehmer, Hermann: Werdende Großstadt – wachsende Kirche. Die kirchliche Entwicklung Stuttgarts zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 113 (2013) S. 227-274.