Gotteslob über Stuttgart auch im Winter

„Fest gemauert in der Erden…“ steht er seit 1530 da: der Westturm der Stiftskirche. Von dort oben wird seit 1618 eine der ältesten Traditionen Stuttgarts gepflegt: das Turmblasen. Ob Sommer oder Winter - die BläserINNEN steigen mit ihren Instrumenten hinauf und spielen von allen Ecken des Turmes.

Über den Dächern von Stuttgart: TurmbläserINNEN der Stiftskirche

Zum Gotteslob über Stuttgart erklingt der Bach-Choral "Nun lasst uns Gott dem Herren" immer an den Markttagen, Dienstag und Donnerstag, um kurz vor 9 Uhr. Unten ist das Markttreiben auf dem Schillerplatz zu beobachten und manch einer bleibt verdutzt oder mit einem Lächeln stehen und lauscht den Turmbläsern.

Das war bestimmt schon vor 400 Jahren so, als noch so genannte "Türmer" oder "Stadtpfeifer" mit ihrem "Zink", einem aus Holz oder Elfenbein gefertigten Blasinstrument mit Mundstück, aufspielten.

Die modernen TurmbläserINNEN von heute haben eine Zugposaune in der Hand. "Aber da muss man beim Spielen schon aufpassen, dass einem nicht versehentlich der Zug über die Brüstung des Stiftskirchenturms rutscht", erzählt Musikstudentin Julia Fischer, eine der ehrenamtlichen TurmbläserINNEN, mit einem Augenzwinkern. Vor allem im Winter, wenn die Finger klamm sind, ist das nochmals anders. Doch auch dann klettern die vier TurmbläserINNEN die 232 Stufen hinauf und spielen auf.

Über das Turmblasen von der Stiftskirche

6 Fragen an Pfarrer Helmut Liebs...

Pfarrer Helmut Liebs, Fundraiser der Evangelische Landeskirche in Württemberg

Doch die 400-jährige Tradition des Turmblasens von der Stuttgarter Stiftskirche stand schon fast auf der Kippe, denn die Finanzierung der Ehrenamtlichen war nur noch bis 2020 gesichert. Damit das "Gotteslob über Stuttgart" auch weiterhin erklingen und somit eine der ältesten Traditionen der Stadt aufrechterhalten werden kann, wurde extra die gleichnamige Stiftung ins Leben gerufen. Was es damit auf sich hat, verrät Pfarrer Helmut Liebs, Fundraiser der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, im Interview.

RED:  „Ein Geschenk des Himmels“ so könnte man es bezeichnen, denn die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart hat für ihre TurmbläserINNEN von der Stiftskirche – übrigens eine der ältesten Stuttgarter Traditionen, wenn nicht gar die älteste – eine eigene Stiftung. Erzähl mal wie es dazu kam…

HL: Das Stifterehepaar hatte einst erfahren, dass das Choralspiel außen auf dem Turm der Stiftskirche gefährdet war, weil die Finanzierung nicht gesichert war. So nahm das Ehepaar Kontakt zur Kirche auf und bot an, eine Stiftung zu errichten. Deren Zinserträge könnten dann einen Beitrag zur Finanzierung leisten. Und zwar Jahr für Jahr, weil ja das Stiftungsvermögen selbst nicht verbraucht wird. Es versteht sich, dass die Kirche dieses Angebot hocherfreut angenommen hat. Besteht doch die Tradition des Choralspiels durch BläserINNEN seit bereits dem Jahr 1618.

RED: Eine tolle Tradition und man glaubt es kaum, seit 400 Jahren ist das schon so! Und damit es damit immer weitergehen kann, gibt es die Stiftung Gotteslob über Stuttgart. Ein wohl gewählter Name für eine Stiftung, der gleich doppelt Sinn ergibt…

HL: In der Tat doppelsinnig. Das Gotteslob erklingt dienstags und donnerstags in der Früh hoch oberhalb von Stuttgarts Dächern - so auch im Winter - und es verbreitet sich von dort hinunter zu den Menschen. Mit „Lobet den Herren“ ermuntern die Trompeten und Posaunen die Markthändler wie die Einkäufer, die Menschen auf dem Weg zur Arbeit wie auch die Spaziergänger. Ich höre immer wieder, dass das vielen Menschen sehr gefällt. Es schwebt dann – ich darf kurz etwas poetisch werden – für einen kleinen Moment ein himmlischer Ton über Stuttgart. Und zwar, finanziell betrachtet, künftig auch dank der Stiftung.

RED: Spätestens an dieser Stelle wird sich die / der geneigte LeserIN und/oder MusikliebhaberIN fragen: Wer steckt eigentlich hinter dieser Stiftung?

HL: Wie gesagt: ein Ehepaar. Es möchte um sich kein Aufheben machen, strebt nicht nach öffentlicher Anerkennung, will seinen Namen nicht genannt wissen. Was ich jedoch nennen kann, ist das Anfangsvermögen, mit dem es die Stiftung ausgestattet hat: 100.000 Euro.

RED: Toll - und was genau wird jetzt mit der Stiftung Gotteslob über Stuttgart finanziert?

HL: Die Erträge der Stiftung werden dazu beitragen, dass die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart den derzeit vier Turmbläsern eine Aufwandsentschädigung und Fahrtkosten zahlen kann; summiert sind das 9.000 Euro pro Jahr. Gehen wir von einer ein-bis zweiprozentigen Verzinsung aus, wird die Stiftung immerhin zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro Jahr beisteuern.

RED: Aha, das heißt aber auch, damit es langfristig mit den TurmbläserINNEN der Stiftskirche weitergehen kann, muss der Grundstock aufgestockt werden, sprich es muss „zugestiftet“ werden. Wie geht das?

HL: Ganz einfach: Die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart nimmt Überweisungen in jeglicher Höhe zugunsten der Stiftung Gotteslob über Stuttgart entgegen. Wichtig ist, den Verwendungszweck eindeutig zu bezeichnen, nämlich mit "Zustiftung Stiftung Gotteslob". Dann wird der Betrag Teil des unverzehrlichen Stiftungsvermögens und wirkt somit dauerhaft. Selbstverständlich kann man der Stiftung auch eine Spende überweisen, die gänzlich und zeitnah verwendet wird. Dann bezeichnet man den Überweisungszweck mit „Spende Stiftung Gotteslob“.

RED: Ich sehe schon, Stiftungen sind eine besondere Form der Gabe. Wer sich also für die Stiftung „Gotteslob über Stuttgart“ oder andere/neue Stiftungen interessiert, wird von dir und deinem Team gut beraten…

HL: Stiftungen sind in der Tat besonders; sind etwas für Menschen, die investiv und nachhaltig denken. Stiftungen sind eine Brücke in die Zukunft. Und je mehr Vermögen in der Stiftung ist, desto stabiler ist die Brücke. Wie das mit dem Stiften geht, das erläutere ich interessierten Menschen gerne. Sie können mich einfach unter Tel.: 0711 22276-46 anrufen oder sich auf www.landeskirchenstiftung.de kundig machen.

RED: Vielen Dank für die ausführlichen Informationen rund um die neue Stiftung Gotteslob über Stuttgart, die dabei hilft, die 400 Jahre alte Tradition der Turmbläser der Stiftskirche aufrechtzuerhalten.