Heiraten im Mai

Eigentlich hätte es ja im letzten Jahr schon so weit sein sollen: Hochzeit im Wonnemonat Mai! Doch Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt? Immer noch Corona! Vielleicht aber auch die Chance, das eine oder andere bei der Hochzeitsplanung nochmals neu zu überdenken...

"Warum nicht gemeinsam zum Altar schreiten, wenn man auch gemeinsam durchs Leben gehen will?" fragt sich Pfarrer Thomas Mann von der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Stammheim.

Ein Werbespot im Fernsehen: An das opulente Hochzeitskleid der Braut legt die beste Freundin noch letzte Hand an. Die Stimmung im Raum ist ausgelassen – bis einem Mann, offensichtlich der Brautvater, plötzlich die Gesichtszüge entgleisen. Er fasst sich mit beiden Händen an den Bauch. Die Botschaft: „Es passiert immer im falschen Moment: Durchfall - Ihr Darm dreht völlig durch … “. Doch nach Einnahme des beworbenen Medikaments kann der Brautvater seine Aufgabe erfüllen und die Tochter stolz und mit leuchtenden Augen zum Traualtar führen.

Nicht nur dieser dümmliche Werbespott spielt mit besagtem Brauch, der aus der Kultur kirchlicher Trauungen nicht mehr wegzudenken ist. Ganze Hollywoodfilme  drehen sich um eben diesen Moment: Während der Bräutigam nervös vor dem Altar wartet, führt der Brautvater die Braut – wie ein Geschenk verpackt - in die Kirche. Durch den festlich geschmückten Mittelgang ziehen Vater und Tochter in die Kirche ein. Dabei geht der Vater traditionell an der rechten Seite der Braut. Erst vorne im Altarraum nimmt der Bräutigam seine Braut aus der Hand des Vaters in Empfang.
Im Musical „Mamma Mia!“ geht es nur darum, dass eine Braut ihren richtigen Vater kennenlernen möchte, damit er sie zum Altar geleiten kann. Auch wurde diese Form des Kircheneinzuges bei den meisten royalen Hochzeiten der letzten Jahre vorgemacht - in England durfte sich Prinz William noch nicht einmal umdrehen, um seiner Braut beim Einzug in der Kirche zuzusehen. Auch die schwedische Kronprinzessin Victoria wurde von ihrem Vater, König Carl Gustaf, in die Kirche geführt, was in der Bevölkerung heftig diskutiert wurde, denn in Schweden hat dieser Kircheneinzug keine Tradition (wie bei uns übrigens auch nicht – weder in der katholischen noch in der evangelischen Kirche!).

Was viele nicht wissen: Dieser ohne Zweifel gerade für die Eltern so berührende Moment ist ein archaischer, zutiefst patriarchalischer Brauch. Symbolisch knüpft diese Sitte nämlich an die alte germanische Tradition der Übergabe der Braut von einer Familie in die andere an. Von nun an wird sie nicht mehr in ihr Elternhaus, sondern in die Familie ihres Mannes gehören. Die Braut wechselte quasi vom Machtbereich ihres Vaters in den Herrschaftsbereich ihres Ehemannes. Es geht also um nichts anderes als um einen Besitzwechsel: Der Vater übergibt sein Eigentum, die Tochter, dem neuen Eigentümer, dem Bräutigam. Da war es nur konsequent, dass der Brautvater dann auch die Kosten der Hochzeit tragen musste.

Über Geschmack lässt sich streiten. Aber gerade diese Symbolik entspricht heutigem Denken doch überhaupt nicht mehr! Auch halte ich sie theologisch für äußerst fragwürdig, sind Frauen doch Subjekte, nicht Objekte ihrer eigenen Trauung. Ist diese Form der „Übergabe“ für moderne Paare, die vor ihrer Trauung ja meist schon jahrelang zusammengelebt haben, für ihre Lebenssituation wirklich stimmig?
Ist nicht vielmehr der gemeinsame Weg zum Altar die richtige Ausdrucksform für sie, die sich ja sonst auch jede Form von Bevormundung durch die Eltern verbitten würden – auch und gerade bei der Partnerwahl?

Denn im Gegensatz zur „Brautführung“ zeugt der gemeinsame Einzug in die Kirche von der freien, selbstverantworteten Entscheidung des Paares für ihren gemeinsamen Weg. Auch der katholische Trauritus, nach dem sich Bräutigam und Braut das Sakrament der Ehe gegenseitig spenden, sieht ausdrücklich vor, dass das Brautpaar gemeinsam in die Kirche einzieht. Symbolisch gesprochen: „Wir sind gemeinsam auf dem Weg!“

Die Männer, so meine Erfahrung in zahlreichen Traugesprächen, haben in dieser Frage freilich meist nicht viel zu sagen, wollen sie doch einfach nur dem Herzenswunsch ihrer Zukünftigen entsprechen, den diese bisweilen schon seit der Kindheit hegt... Indem sich die Braut vom Vater zum Altar führen lasse, so wird gerne argumentiert, wolle sie in erster Linie ihre Dankbarkeit und Verbundenheit mit ihm zum Ausdruck bringen. Okay – aber mit derselben Begründung könnte sie dann genauso gut die Mutter „übergeben“, was ich interessanterweise allerdings noch nie erlebt habe. Ebenso übrigens, dass sich der Bräutigam von der Mutter zum Altar führen lässt, um dadurch sein besonders inniges Verhältnis zu ihr zum Ausdruck zu bringen, was bei den versammelten Hochzeitsgästen – und nicht zuletzt bei der Braut selbst - freilich wohl nur allgemeines Befremden oder gar Kopfschütteln auslösen würde. Denn: Welche Frau will schon ein Muttersöhnchen heiraten? Sie sehen, ein schaler patriarchaler Beigeschmack bleibt trotz allem …

Dabei gibt es genügend andere Möglichkeiten, die besondere Rolle der Eltern im Traugottesdienst hervorzuheben, worauf wir PfarrerINNEN beim Traugespräch immer wieder gerne hinweisen: So können Eltern und Schwiegereltern etwa eine Lesung übernehmen und / oder sich an den Fürbitten beteiligen.
Zu Beginn des Gottesdienstes können Braut und Bräutigam das Wort an die Eltern richten und ihnen mit einem kleinen Geschenk für die Begleitung und Unterstützung seit der Kindheit danken. Durch all das und noch viel mehr können sie zeigen, dass die Beziehung zu den Eltern mit der Trauung nicht erlischt, sondern sich verändert, vielleicht sogar eine ganz neue Qualität bekommt.

Beim „Ja“ zueinander vor Gott und einer christlichen Gemeinde am vielleicht schönsten Tag des Lebens geht es eben um Beziehungen – nicht um Eigentumsverhältnisse. Deshalb sollten wir alles tun, was diese Wahrheit verstärkt – und eben nicht verwischt.