Kirche im Wandel

2021 ist da und mit dem neuen Jahr auch die Umsetzung des PfarrPlans 2024. Dies bedeutet, dass sich Kirchengemeinden auf den Weg gemacht haben, künftig "gemeinsame Sache zu machen". Im Kirchenkreis Stuttgart fusionieren Gemeinden oder finden sich zu einer Gesamtkirchengemeinde zusammen.

Fusion einer großen und einer kleinen Kirchengemeinde

Groß und klein vereint: Pfarrer Michael Dürr (Vaihingen), Pfarrerin Eva Necker-Blaich (Büsnau) und Pfarrer Gottfried Askani (Vaihingen).

Mit dem Beschluss zum Pfarrplan 2024 haben wir, die Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Vaihingen und die Evangelische Kirchengemeinde Büsnau, uns auf den Weg gemacht zu fusionieren. Denn mit der beschlossenen Aufhebung der Pfarrstelle in Büsnau war klar: Wir müssen uns verbinden, damit die pfarramtliche Begleitung und Leitung der kleinen Büsnauer Kirchengemeinde auch in Zukunft geregelt ist.

Das ist kein einfacher Prozess, denn eine so große Kirchengemeinde wie Vaihingen und eine so kleine Kirchengemeinde wie Büsnau zusammenzuführen, ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Denn für die einen ist es gefühlt eine Frage des Überlebens als Gemeinde und die anderen haben eigentlich mit ihrer eigenen großen Gemeinde genug zu tun.

Aber wir haben einen Anfang gemacht und die formalen Bedingungen sind gegeben, um am 1. Januar 2021 als eine gemeinsame Gemeinde weiterzugehen. Unser Wunsch, ein Jahr später zu fusionieren, um mehr Zeit zu haben, wurde trotz der aktuellen Situation in diesem Jahr von der Kirchenleitung aus verwaltungstechnischen Gründen abgelehnt. So war der diesjährige Prozess auch deshalb eine große Leistung: Alle Besprechungen der Strukturfragen und alle Veranstaltungen, die in diesem Jahr 2020 geplant waren, um sich gegenseitig wahrzunehmen und sich näherzukommen, fielen der Corona-Situation zum Opfer. So ist es uns auch noch nicht gelungen, uns auf einen Namen für die fusionierte Gemeinde zu einigen. [Anmerkung RED: Bis ein neuer, passender Name gefunden ist, heißt die dann fusionierte Kirchengemeinde "Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Vaihingen".]. Wir stehen mit der formalen Fusion zum 01.01.2021 also noch ganz am Anfang. Und vieles ist offen, so auch die Frage, wie in Corona-Zeiten ein offizieller Akt für eine Fusion zweier Gemeinden aussehen kann.

An dieser Stelle danke ich deshalb vor allem den an den Vorüberlegungen beteiligten Kirchengemeinderätinnen und -räten für ihr großes ehrenamtliches Engagement. Und ich stelle den weiteren Weg unserer zukünftig einen Gemeinde unter das hoffnungsvolle Wort aus dem 2. Timotheusbrief: „Denn der Geist, den Gott uns geschenkt hat, lässt uns nicht verzagen. Vielmehr weckt er in uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7).

Text: Pfarrerin Eva Necker-Blaich

Evangelische Magdalenenkirchengemeinde

Pfarrerin Barbara Wenzlaff von der Evangelischen Gedächtnis- und Rosenbergkirchengemeinde freut sich über die Namenspatronin der neuen Kirchengemeinde.

Pfarrer Eckhard Benz-Wenzlaff kehrt mit seiner Waldkirchengemeinde zurück zu ihren Ursprüngen in der Gedächtniskirchengemeinde.

Ab 1. Januar 2021 vereint die neue Evangelische Magdalenenkirchengemeinde die bisherige Gedächtnis- und Rosenbergkirchengemeinde mit der bisherigen Waldkirchengemeinde.

Die alten Kirchtürme der Gedächtnis-, der Rosenberg- und der Waldkirche bleiben erhalten, ein neuer Name signalisiert den Neubeginn für alle: Evangelische Magdalenenkirchengemeinde. Der Name lässt sich nicht so einfach nach den Himmelsrichtungen sortieren wie die in den letzten Jahren entstandenen Gemeinden im Stuttgarter Osten, Westen, Süden und Norden.

Aber auch diese Neugründung ist den kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet. Weniger Gemeindeglieder und die Kürzung von (Pfarr-)stellen erfordern die Bündelung von Kreativität und Kräften. Auch eine Neubesinnung ist nötig, wie das kirchliche Leben in Zukunft aussehen soll.

Bereits 2017 wurden erste Schritte auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit getan. Es gab gemeinsame Konfirmanden- und Seniorenfreizeiten, eine Steuerungsgruppe wurde eingerichtet, bestehend aus Mitgliedern der beiden Kirchengemeinderäte samt Pfarrerinnen und Pfarrer. Die Gruppe versucht, Fragen und Aufgaben aufeinander abzustimmen. Auch Frust- und Verlusterfahrungen kommen zu Wort: Sie werden auch in Zukunft nicht zu vermeiden sein. Aber die bisherigen Erfahrungen haben Mut gemacht, den Weg zum Zusammenschluss beider Gemeinden weiter zu verfolgen.

Seit März dieses Jahres gibt es einen gemeinsamen Gemeindebrief, nur das Logo deutet noch leise an, dass noch nicht alle rechtlichen Schritte vollzogen sind. 

Die Vorzeichen für diesen Weg standen von Anfang an gut, gab es doch immer ein starkes Bewusstsein alter Zusammengehörigkeit von Gedächtnis- und Waldkirche. Die Waldkirchengemeinde, ursprünglich Teil der Gedächtniskirchengemeinde, war 1961 selbständig geworden. Nun kehrt sie zurück in alt-vertraute Gemeinschaft. Zuvor hatten sich bereits 2001 die Gedächtnis- und die Rosenberggemeinde zu einer Gemeinde zusammengeschlossen. 

Evangelische Magdalenenkirchengemeinde: Viele, besonders auch jüngere Leute, haben freudig-überrascht auf die Erinnerung an diese besondere Maria reagiert. Andere haben gefragt: Ist das nicht katholisch? – obwohl das „Evangelisch“ natürlich Teil des Namens ist. Doch sei der Vergleich erlaubt: Die Stuttgarter (evangelische) Petruskirche dürfte ihren Namen auch nicht direkt vom Petersdom in Rom abgeleitet haben. Maria Magdalena wird in der kirchlichen Tradition die „Apostelin der Apostel“ (apostola apostolorum) genannt: Sie hat als Erste die Botschaft von der Auferweckung Christi gehört, erfahren und weitergegeben. So steht sie wie Petrus und viele andere für den gemeinsamen Grund des christlichen Glaubens. Und nehmen wir das hinzu: Als Frau aus dem Städtchen Migdal am See Genezareth kommt sie aus der Heimat Jesu. Dieser gemeinsame Ausgangspunkt in der Geschichte des jüdischen Volkes bleibt den allzu sehr „evangelischen“ oder „katholischen“ Gefühlen häufig verborgen. Hier gibt es für die alt-neue Gemeinde einiges zu entdecken!

Fast der gesamte Prozess des Zusammenschlusses war nun durch die Corona-Zeit geprägt. Zum Teil wurde er beschleunigt, zum Teil behindert. Was eigentlich dazugehört: Begegnungen, Gemeindeversammlungen, gemeinsame Feste – und schließlich auch ein richtiges „Fusionsfest“ – all das ist nicht möglich gewesen. Dennoch ist ein Festgottesdienst ins Auge gefasst. Er soll stattfinden am Sonntag, 4. Juli 2021 am Bismarckturm als Gottesdienst im Grünen – mit Blick auf die Stadt und auf das Gebiet der neuen Gemeinde.

Text: Pfarrerin Barbara Wenzlaff und Pfarrer Eckhard Benz-Wenzlaff

Evangelische Gesamtkirchengemeinde Hedelfingen-Rohracker-Frauenkopf

Für die Stuttgarter Kirchengemeinden Hedelfingen und Rohracker-Frauenkopf bringt das neue Jahr eine Zäsur: Zum 1. Januar 2021 schließen sie sich zur Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Hedelfingen-Rohracker-Frauenkopf zusammen. 

Die Konstruktion ist sorgfältig ausgeklügelt. Beide Gemeinden behalten formal ihre Selbständigkeit (mitsamt dem Eigentum an ihren Kirchen, sonstigen Liegenschaften und Vermögensrücklagen), legen ihre Gremienarbeit und Haushaltsführung aber im Prinzip vollständig zusammen – dank eines Gesamtkirchengemeinderats, der aus den Kirchengemeinderäten beider Gemeinden besteht und in der Praxis an deren Stelle tagt. Es ist eine Form von Gesamtkirchengemeinde, die einer Gemeindefusion sehr nahekommt.

Ganz freiwillig kommt die Gesamtkirchengemeinde allerdings nicht zustande. Vielmehr ist sie aus der Not des Pfarrplans 2024 geboren, demzufolge Hedelfingen und Rohracker-Frauenkopf nur noch eine gemeinsame Pfarrstelle zusteht. Und bereits seit Herbst 2019, dem Ausscheiden des langjährigen Hedelfinger Pfarrers Wilhelm Kautter, betreut die in Rohracker angesiedelte Pfarrerin Renate Kleinmann beide Gemeinden. Tatsächlich belastete dieser mit Reduktion und Verzicht verbundene Hintergrund das Zusammengehen nicht unerheblich.

Immerhin blicken Rohracker wie Hedelfingen auf eine bis ins Mittelalter reichende kirchliche Tradition zurück. Es gibt lokalen Eigensinn und Eigenheiten. Auf dem Weg zur Gesamtkirchengemeinde mussten Dissens und manche Enttäuschung überwunden werden. Die Hedelfinger hatten den Verlust ihres Pfarrhauses zu verwinden und setzten anfangs auf eine Fusion. Letztlich führten aber Offenheit, Geduld und Fairness, konkret viele, ohne zeitliche Pressionen geführte Debatten zu einem Gesamtpaket, in dem die Interessen beider Seiten austariert sind.

Zentral ist hier natürlich die paritätische „Versorgung“ mit Gottesdiensten. Geholfen hat, dass Hedelfingen und Rohracker-Frauenkopf (gemeinsam mit der Nachbargemeinde Wangen) bereits seit einer Reihe von Jahren in der Jugend- und Konfirmandenarbeit, vor allem aber auf dem Feld der Kirchenmusik eng und gut kooperieren. 

Mittlerweile hat der Prozess des Zusammengehens seine eigene, positive Dynamik erzeugt: Die beteiligte Kirchengemeinderäte tagen seit vielen Monaten gemeinsamen und verstehen sich als ein gemeinsames Team. Die Öffentlichkeitsarbeit ist schon vergemeinschaftet. Im Gemeindeleben beginnen die Ortsgrenzen zu verschmelzen. Man entdeckt und besucht immer häufiger die Angebote hüben wie drüben.

Sogar Neues ist entstanden, etwa das „Musikalische Abendlob“ jeweils am fünften Sonntag im Monat oder ein erweitertes Angebot an Gottesdiensten für Familien mit kleinen Kindern, gestaltet von Diakonin Ulrike Lung-von Schütz, die aus Projektmitteln des Oberkirchenrates für beide Gemeinden angestellt werden konnte.

Was in Hedelfingen und Rohracker-Frauenkopf allerdings noch Kopfzerbrechen bereitet, das ist die Frage, wie sich die Gesamtkirchengemeinde im neuen Jahr angemessen begrüßen und feiern lässt. Die Corona-Lage wird wohl dazu zwingen, auf große Formate zu verzichten, den freien Himmel zu suchen und mit einer größeren Zahl kleinerer Veranstaltungen von möglichst starker Symbolkraft an den Start zu gehen. Freilich: Ein schönes Programm wird sich schon finden, zumal der Zwang zur Improvisation Fantasie und Geistesgegenwart oft genug erst recht entbindet. „Unterwegs“ ist dieser Tage immer!

Text: Dr. Harald Haury, erster Vorsitzender Kirchengemeinderat Hedelfingen

Evangelische Gesamtkirchengemeinde Obertürkheim-Uhlbach

So sieht die neue Evangelische Gesamtkirchengemeinde Obertürkheim-Uhlbach aus.

Wir haben es sorgfältig vorbereitet und nach guten Gesprächen in den letzten Jahren ist es jetzt soweit: Die Kirchengemeinderäte in Uhlbach und in Obertürkheim haben den Beschluss gefasst, dass wir zum 1. Januar 2021 die neue „Evangelische Gesamtkirchengemeinde Obertürkheim-Uhlbach“ bilden werden. 

Es wird weiterhin die Kirchengemeinde Uhlbach geben. Und es wird weiterhin die Kirchengemeinde Obertürkheim geben. Aber die beiden Gemeinden kommen zusammen unter dem Dach der neu gegründeten Gesamtkirchengemeinde. 

Manche Aufgaben bleiben bei den einzelnen Gemeinden, andere Aufgaben übernimmt die Gesamtkirchengemeinde. (Und vieles lief ohnehin schon in den letzten Jahren gemeinsam, schlicht weil es gemeinsam besser lief...)

Die meisten Änderungen betreffen die Organisationsstruktur und sind erst einmal nicht nach außen sichtbar: So ist die Gesamtkirchengemeinde in Zukunft für die gemeinsamen Finanzen zuständig; die Gebäude und Grundstücke aber bleiben im Besitz der einzelnen Gemeinden. Aber wir denken, dass die gemeinsame Struktur uns Luft verschafft für wichtige Aufgaben in den Gemeinden.

Im neuen Jahr werden wir die Struktur mit Leben füllen. Wir hoffen, dass die Zusammenarbeit von Obertürkheim und Uhlbach in Zukunft enger sein wird und wir voneinander noch mehr profitieren. 

Mit dem Ruhestand von Pfarrerin Friederike Weltzien im kommenden Sommer werden die Gemeinden einen gemeinsamen Pfarrer haben – auch diesem Umstand soll die neue Struktur Rechnung tragen.

Von der Andreaskirche Uhlbach zur Petruskirche sind es 1500 Meter, von der Andreaskirche Obertürkheim zur Petruskirche rund 500 Meter. Läuft man also die drei Kirchen der Gesamtkirchengemeinde ab, dann sind es gerade mal 2000 Meter. Aus der räumlichen Nähe soll ein Miteinander wachsen. Nicht jede Gemeinde muss und kann alles machen, aber gemeinsam ist vieles möglich. So soll unser Gemeindeleben reicher werden.

Gottesdienstformen werden variieren von Nachtschichtgottesdiensten mit hunderten von TeilnehmerINNEN bis zum Gesprächsgottesdienst im kleinen Kreis. Die Konfirmandenarbeit wird aufeinander zuwachsen, in der Kirchenmusik werden sich Synergien ergeben, die Initiative faire Gemeinde wird die gemeinsamen Interessen an der Bewahrung der Schöpfung bündeln und die diakonische Arbeit wird in Uhlbach und in Obertürkheim den christlichen Glauben in unsere jeweilige Realität übersetzen.

Darauf freuen wir uns und wünschen uns, dass es für alle Gemeindeglieder zum Guten ist!

Den „Geburtstag“ der neuen Gesamtkirchengemeinde feiern wir coronabedingt erst an Pfingsten 2021. Aber das scheint uns ein guter Termin zu sein, denn mit Gottes Geist sind wir sicher auf einem guten Weg.

Text: Pfarrerin Friederike Weltzien und Pfarrer Jakob Spaeth