Kirchenwahl 2019 in Stuttgart

Spannende Zeiten kommen auf den Stuttgarter Westen zu, denn bei der anstehenden Kirchengemeinderatswahl entscheidet sich, von wem und wohin künftig die neu fusionierte Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-West (01.12.2019) gesteuert wird.

Peter Mathias Bach engagiert sich für die neu fusionierte Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-West

Einer der "Steuermänner" könnte Peter Mathias Bach sein, der uns auf unserer West-Tour begleitet hat und erzählt, warum die WählerINNENstimmen am Kirchenwahlsonntag (1. Advent) für die drei nun zusammengeschlossenen Kirchengemeinden Paulus, Paul Gerhardt und Johannes so wichtig sind.

RED: Lieber Herr Bach, stellen Sie sich doch erst mal unseren Leserinnen und Lesern vor...

PMB: Ich heiße Peter Mathias Bach. Ich bin 45 Jahre alt, ledig und habe zwei Kinder, wobei mein Sohn mit 24 Jahren bereits ein junger Erwachsener ist. Meine Tochter wird demnächst elf.
Als Jurist eines Unternehmens der Versicherungswirtschaft arbeite ich spezialisiert im Bereich des Haftungsrechts von Architekten und Ingenieuren.
Als Ausgleich zum Bürojob kicke ich regelmäßig in einer Freizeitmannschaft. Ich gehe auch sehr gerne wandern, lese viel und höre gerne Musik - in einer breiten Palette von Klassik bis Heavy Metal.
 
RED: Warum kandidieren Sie erneut oder erstmalig für den Kirchengemeinderat?

PMB: Der Entschluss, mich einzubringen, kam während einer Gemeindeversammlung, bei welcher die Gemeinde (Paul Gerhardt) über die Fusionspläne der drei Stuttgarter West-Gemeinden (Johannes, Paulus und Paul-Gerhardt) informiert wurde. Dabei wurde auch kontrovers über die Chancen und Risiken dieses Fusions-Prozesses für das ehrenamtliche Engagement diskutiert. Ich sehe die Fusion hier als Chance und habe mich damals in der Versammlung entsprechend geäußert. An einem gewissen Punkt wollte ich mich dann selbst beim Wort nehmen und habe meine Bereitschaft zur Mitwirkung signalisiert. Reden allein bedeutet ja wenig, wenn nicht Taten folgen und so bin ich vor zwei Jahren in den Kirchengemeinderat von Paul-Gerhardt nachgewählt worden. Ich wollte mitgestalten und dass möchte ich auch weiterhin. Daher stelle ich mich gerne zur Wahl für den neuen gemeinsamen Kirchengemeinderat der fusionierten Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-West (Anmerkung RED: Die drei Westgemeinden fusionieren zum 1. Dezember 2019).  
 
RED: Was für Erfahrungen haben Sie bislang in Ihrer Arbeit als Kirchengemeinderat gemacht?

PMB: Meine erste Erfahrung war zunächst eine gewisse Ernüchterung. Dass die Arbeit eines Kirchengemeinderats an sich wenig spirituell ist, konnte ich mir denken. Dennoch hat mich überrascht, wie sehr sich die Arbeit als Kirchengemeinderat zunächst rein verwaltungstechnisch anmutet. Das beginnt mit der Aushändigung eines dicken Handbuchs für Kirchengemeinderäte, dass einem bei der Amtseinführung ausgehändigt wird - ich gestehe, ich habe es nur in Teilen gelesen. Als Organ einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, um es mal juristisch auszudrücken, ist der Kirchengemeinderat eingebunden in ein Korsett von Gesetzen und Verwaltungsvorschriften. Da gab es selbst für mich als Juristen so etwas wie einen Praxisschock, den ich zunächst durchlief.
Doch mit der Zeit habe ich erkannt, dass in dem Verwalten durchaus jede Menge Gestalten enthalten ist. Das beginnt mit der Mittelzuteilung für die vielfältigen Angebote, welche die Kirche für die Menschen zur Verfügung stellte, über die Frage, wie generationsübergreifende Arbeit gelingen kann bis zu der Entscheidung über die Gottesdienstzeiten – ein sehr heikles Thema im Übrigen - um nur einige, wenige Beispiele zu nennen.  
Diese Erfahrung hat sich noch einmal exponentiell verstärkt, als die Fusion konkret wurde und der Prozess richtig ins Rollen kam. Aus drei Gemeinden eine zu machen, empfinde ich als einen sehr spannenden und kreativen Vorgang.
Und ich fand es ehrlich gesagt auch schön, wenn die Menschen einen plötzlich als Ansprechpartner für ihre Anliegen und Anregungen wahrnehmen.
 
RED: Wie bereits schon erwähnt, steht jetzt ja im Westen eine Fusion an. Was bedeutet das für Sie als Kirchengemeinderat und wie wollen Sie sich da einbringen?

PMB: Eine sehr gute Frage! Im Hinblick auf die Art und Weise der Gemeinderatstätigkeit muss eines bewusst sein: Der künftige Gemeinderat der fusionierten Gemeinde wird in der Summe weniger gewählte Mitglieder haben, als die Gemeinderäte der (noch) getrennten West-Gemeinden zusammengerechnet. Dies bedeutet, und da besteht weitgehend Einigkeit unter den Gemeinderäten der Fusionsgemeinden, dass das ehrenamtliche Engagement von Gemeindemitgliedern außerhalb des Kirchengemeinderates an Bedeutung gewinnen wird/muss. Das bedeutet auch, dass Gemeinderatsarbeit sich im Rahmen des Möglichen öffnen muss. Es gibt auch bereits sehr konkrete Vorstellungen, wie die Einbindung Nichtgewählter in beratende Ausschüsse oder die Bildung sogenannter Kirchturm-Teams. Gerade diese werden einen nicht unmaßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung kirchlichen Lebens an den jeweiligen Kirchen, die ja bestehen bleiben, haben.
 Inhaltlich wäre mir persönlich das „Kerngeschäft“ wichtig; also die Gestaltung von Gottesdienst im weitesten Sinne. Es geht mir dabei nicht nur um das Wann und Wie des klassischen Sonntagsgottesdienstes, sondern um die Frage, wie ein vielfältiges und lebendiges, spirituelles Angebot der Gemeinde aussehen kann, das die Menschen der Gemeinde und am besten auch darüber hinaus in ihrer Vielfalt von Alter, Geschlecht, Interessen etc. anspricht.
 
RED: Nehmen wir doch nochmals detaillierter Kurs auf die Fusion auf. Wo hin wollen Sie das Schiff, das sich Gemeinde nennt, künftig mit den Pfarrerinnen und Pfarrern steuern?

PMB: Hier kann ich an die vorherige Frage anschließen. Ich denke, der Erfolg der Fusion wird sich unter anderem danach bemessen, wie gut es uns gelingt, ein möglichst breites ehrenamtliches Engagement zu schaffen und zu fördern. Dies ist sicher keine Aufgabe von Monaten, sondern eher von Jahren. Ich bin aber guter Hoffnung, dass mit der Fusion ein Zusammenwachsen der Aktiven und Kreativen einhergeht und dies auch aufgrund des dann vorhandenen breiteren Fundaments zu einer positiven Entwicklung des Gemeindelebens führt. Schließlich ist die Fusion ja auch perspektivisch auf die Zukunft hin gedacht.
Gerade vor diesem Hintergrund, wäre es mir persönlich wichtig, neben dem wichtigen diakonischen Mit- und Füreinander mit unseren älteren Mitmenschen, Ideen und Angebote zu entwickeln, wie junge Menschen und gerade auch solche meiner Generation wieder mehr Bindung zu Glaube, Kirche und Gemeinde erfahren können. Da gibt es schon einige gute Angebote. Angefangen vom gelegentlichen Krabbel-Gottesdienst in Paulus über Kinderkirche, Familienzentrum und dem neuen Jugend-Club im Cafe Paule bis hin zu regelmäßigen Meditationsangeboten, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber es darf da nicht aufhören. Gerade auch mit ihren spirituellen Angeboten muss Kirche wieder in das gesellschaftliche Leben hinein, natürlich ohne die christliche Basis zu verlassen. Plakativ gesprochen: Wenn Kirche ein Ort der Begegnung bleiben will, muss die Kirche auch am Leben im "Kiez" teilnehmen. Und ich denke, es gibt dafür durchaus ein Bedürfnis.
Dazu gehört für mich nicht zuletzt auch die volle kirchliche Anerkennung einer Partnerschaft zwischen zwei liebenden Menschen und zwar unabhängig vom Geschlecht. Hier hat die Landessynode mit dem sogenannten „Segnungs-Kompromiss“ und mit der jüngst verabschiedeten Trau-Agende leider zwei Beschlüsse gefasst, welche die Betroffenen - und ich habe einige in meinem Bekanntenkreis - eher vor den Kopf stoßen, als ermutigen. Es wäre mir daher ein Anliegen, Wege zu finden, wie wir auf gemeindlicher Ebene dazu beitragen können, dass homosexuellen Menschen endlich die überfällige, uneingeschränkte Gleichstellung und Akzeptanz zuteil werden.
 
RED: Das sind ja mal klare Worte - also leiten wir gleich mal über zu Ihrem persönlichen Kirchenwahl-Aufruf!

PMB: Wie gesagt, dem neuen Kirchengemeinderat steht durch den Fusionsprozess im Stuttgarter Westen eine spannende und kreative Zeit bevor! Der Fusionsprozess endet ja nicht mit dem formalen Zusammenschluss zum 01.12.2019. Nein, die eigentliche Arbeit beginnt dann erst. Insofern gilt noch mehr als sonst bei Wahlen: Mit der Wahl setzen die Gemeindemitglieder einen ersten und doch immens wichtigen Impuls für die künftige Gestaltung der Gemeinde. Und noch eins möchte ich betonen: Eine hohe Wahlbeteiligung gibt dem neuen Kirchengemeinderat nicht nur eine formale, sondern vielmehr auch eine Art moralische Legitimation zur Gestaltung und Entwicklung von Gemeinde für die Menschen. Das gilt natürlich im Grunde für jeden Gemeinderat – nicht nur im Stuttgarter Westen. Also: Am 01.12.2019 wählen gehen!

RED: Vielen lieben Dank Herr Bach, dass Sie uns auf dem Streifzug durch den Stuttgarter Westen mitgenommen haben!

Anmerkung RED: Das ist keine persönliche Wahlwerbung einzelner Kandidatinnen oder Kandidaten für den jeweiligen Kirchengemeinderat vor Ort, sondern eine allgemeine Information zur Kirchengemeinderatswahl mit Bezug zum jeweiligen Dekanat - Bad Cannstatt, Degerloch, Stuttgart und Zuffenhausen - im Rahmen der Kirchenwahlen 2019 in Württemberg.