Martin Seeger tritt ab

Furios war seine letzte Sommerproduktion "Unterm Regenbogen" im Hospitalhof und genau dort verabschiedet sich nun auch der künstlerische Leiter des teatro piccolo, Martin Seeger, am 29. November, um in den Ruhestand zu treten.

6 Fragen an Martin Seeger vom teatro piccolo...

Der künstlerische Leiter des teatro piccolos (EJUS) nimmt seinen Hut und verabschiedet sich in den Ruhestand: Martin Seeger

Ob "Äpfel, Linsen, Götterspeisen", ein Klassiker des teatro piccolo, der zwei Mal neu aufgelegt werden musste oder "Corpus Delicti", das Theaterstück, das die teatro piccolo-Truppe am Längsten in der Dauerschleife gespielt hat oder "Vincent van Gogh - Das Leben ist nur eine Zeit der Aussaat", wofür es 2017 eine Nominierung für den Theaterpreis Lamathea des Landes Baden Württemberg gab - die Glanzmomente des teatro piccolo und damit des Schaffens und Wirkens von Martion Seeger ließen sich noch unendlich fortsetzen, doch jetzt steht sein Ruhestand an und gemeinsam haben wir mal ins Drehbuch geschaut, das das Leben so schreibt:

RED: Martin, der letzte Vorhang fällt, sprich du verabschiedest dich in den Ruhestand. Erzähl uns doch erst mal ein bisschen deinen Werdegang…

MS: Die Zeit der Jungscharlager, als ich 9,10, 11 und 12 Jahre alt war, hat mich so beeindruckt und geprägt, dass ich von Beruf nicht Pilot oder Fußballer werden wollte, sondern Jungscharleiter mit Liedern, Gitarre, Zelten und Fahnen. Nach einigen Umwegen, z. B. einer Lehre als Bauzeichner, hat es ja dann auch geklappt. Und nach der Ausbildung zum Diakon und Jugendreferenten begann ich 1978 beim Evangelischen Jugendwerk Stuttgart. 11 Jahre war ich in der Thomasgemeinde in Kaltental und im Dachswald – eine tolle Zeit! Nach knappen 2 Jahren kommissarischer Geschäftsführung im EJS schuf man für mich die Stelle „musisch-kulturelle Bildung“ und zusammen mit dem Einzug ins Haus 44 (1993) war das die ideale Voraussetzung, mit dem teatro piccolo Fahrt aufzunehmen.

RED:
Apropos teatro piccolo - Martin Seeger, das heißt auch 30 Jahre teatro piccolo, welches eng mit dir und deinem Namen verbunden ist. Wie wurde diese spielerische Idee denn eigentlich geboren?

MS: Da ich im fortgeschrittenen Jugendreferentenalter weder ins Pfarramt, noch in irgendeinen Managementbereich gehen wollte, habe ich mich für eine Fortbildung Spiel und Theaterpädagogik entschieden. Und nach meinem ersten Praxisprojekt für diese Ausbildung unter dem Titel „teatro piccolo – wir sind die Clowns“ wollten die TeilnehmerINNEN alle weitermachen. Und so begann das Ganze! Das war 1989.

RED: Was verbindet dich selbst mit dem Theater, mit der darstellenden Kunst?

MS: Ich hatte speziell von Theater keine Ahnung und ich war auch nie im Theater. Aber ich mochte Musik, Bildende Kunst, Sport und spielte Gitarre. Und kulturelle Veranstaltungen waren schon in der Gemeinde mein Spielbein. Als das mit dem Theater dann anfing, merkte ich, da tut sich was in mir!

RED: Welches war deine persönliche Lieblings- oder Paraderolle: Regisseur und Schauspieler oder mehr Diakon, der einfach nur eine gute und kreative Jugendarbeit anbieten wollte?

MS: In der Einladung zu meinem Abschied steht über mich: „Sein Standbein war die Pädagogik, sein Spielbein die Kultur, und über allem stand seine Prägung im christlichen Glauben, dass wir einem guten Ziel entgegen gehen.“ Das sagt eigentlich alles: Der Mensch kommt vor dem Produkt, niemand wird auf dem Altar der Kultur geopfert. Das war mindestens mein Anspruch und mein Credo.

RED: Und wann kam der erste große Erfolg und welche Stücke haben dich in all diesen Jahren begleitet?

MS: Ach, Erfolg ist ein schwieriges Wort. Was ist im teatro piccolo Erfolg? Ausverkaufte Vorstellungen? Preise? Gute Presse? Schöne Rückmeldungen? All das hatten wir zuhauf! Entscheidend ist letztlich aber das, was die Menschen mitgenommen haben in ihr Leben. In erster Linie diejenigen, die Jahre und Jahrzehnte auf und neben der Bühne gearbeitet haben und in zweiter Linie das Publikum, das unsere Stücke gesehen hat. Was auch wir nicht geschafft haben, ist ein Weiterdenken, eine wirkliche Weiterentwicklung in Sachen „Kultur in der Kirche“ in den verantwortlichen Gremien und Entscheidungsinstanzen.

RED: Abtreten bedeutet auch, dass man woanders wieder auftreten kann. Theatralische Zukunftspläne nach der Dernière bei der Evangelischen Jugend Stuttgart?

MS: Ich möchte jetzt nicht mit Uli Hoeneß sprechen und sagen: Das war’s noch nicht! Es gibt zwar Anfragen und es gibt auch Gespräche mit der EJUS,und wenn ich gesund bleibe, kann ich mir durchaus vorstellen, irgendwo, irgendwie, irgendwas in Sachen Kultur und Theater zu machen. Aber zunächst muss ich einfach mal schauen, wie sich Ruhestand anfühlt.

RED: Dafür wünschen wir dir alles erdenklich Gute und erfreuen uns zunächst mal noch an den wunderbaren Momentaufnahmen aus deiner letzten Sommerproduktion "Unterm Regenbogen".

Fotos: Olaf Krüger