Pfarrer Martin Staib geht in den Ruhestand

Pfarrer Martin Staib von der Evangelischen Lenore-Volz-Kirchengemeinde sagt im März Adieu. Gerade eben hatte seine Andreäkirchengemeinde noch mit den anderen drei Cannstatter Gemeinden fusioniert, nun geht er nach getaner Arbeit in den wohlverdienten Ruhestand.

6 Fragen an Pfarrer Martin Staib...

Pfarrer Martin Staib verabschiedet sich in den Ruhestand.

Das Werk, also die Fusion, ist vollbracht, doch bevor Martin Staib sich nun zu einem neuen Lebensabschnitt aufmacht, durften wir gemeinsam mit ihm Rückschau mit Ausblick halten.

RED: Lieber Herr Staib, in der Einladungskarte zu Ihrem Abschiedsgottesdienst steht „Mit einem reich beschenkten Berufsleben im Gepäck…“ Erzählen Sie doch mal kurz, wie sich die Jahre als Pfarrer an den einzelnen Stationen so gestaltet haben…

MS: Geboren bin ich 1953 in Beutelsbach im Remstal. Dort bin ich in eine Familie hineingewachsen, die über viele Generationen im Weinbau und in der Landwirtschaft tätig war. Die örtliche Kirchengemeinde und der CVJM haben mich geprägt; studiert habe ich in Tübingen; im Studium haben meine Frau Annerose und ich geheiratet.
1982 wurde ich Vikar in Sindelfingen an der Christuskirche. 1984 ist unser Tobias geboren. Unser Weg führte uns 1985 nach Schöntal ins Hohenloher Land, wo unser Johannes und unsere Mirjam geboren worden sind. In Schöntal war ich zunächst als Pfarrverweser unständiger, dann ständiger Pfarrer. Diese Zeit war geprägt durch reiche Erfahrungen in ökumenischer Zusammenarbeit. Ich hatte 5 katholische Kollegen in meiner flächenmäßig großen, zahlenmäßig überschaubaren Kirchengemeinde. Prägend war auch die Nachbarschaft zum Bildungshaus der Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Neuen Abtei, wo von 1810 bis 1975 ein evangelisch-theologisches Seminar untergebracht war. In dieser Zeit hat auch eine freundschaftliche Beziehung mit Simon Berlinger begonnen, einem 1914 in Berlichingen im Jagsttal geborenen, ehemaligen  jüdischen Mitbürger, dessen Familie seit Jahrhunderten in Berlichingen ansässig war; teilweise waren sie auch Rabbiner. Er wurde nach der Reichpogromnacht verhaftet und wurde ins KZ Buchenwald gebracht. Er wurde dort entlassen (!), schlug sich illegal nach Israel durch, kam dort 1939 als letzter seiner Familie an. Schon in den 1950-er Jahren hat er die Beziehungen zu seiner alten Heimat wieder aufgenommen. Mit Simon Berlinger waren wir bis zu seinem Tod eng verbunden; jedes Jahr besuchte er uns und ich habe ihn über viele Jahre als Zeitzeugen in das Gespräch mit Schülerinnen und Schülern gebracht. Wir haben ihn auch in Israel besucht; er wurde unserer Familie ein ganz enger Freund.
Beruflich führte mich mein Weg ab Sommer 1993 für 16 Jahre in die damals große Doppelgemeinde Birkmannsweiler-Höfen/Baach, Ortsteile von Winnenden. In dieser Zeit konnten unsere Kinder den größten Teil ihrer Schulzeit bis zum Abschluss vollbringen. Geprägt war diese Zeit durch eine ausgesprochen gute Kooperation mit Vereinen und Institutionen vor Ort. In den regen Kirchengemeinden konnten einige Baumaßnahmen realisiert werden. Erfahrungen mit dem Pfarrplan und mit strukturellen Veränderungen wurden gemacht: Die zunächst unständige zusätzliche 50%-Pfarrstelle wurde im Rahmen des Pfarrplans eine ständige Stelle, besetzt mit ganz unterschiedlichen Kollegen. Beide Gemeinden bildeten in diesen Jahren eine Gesamtkirchengemeinde; inzwischen wurde daraus eine Kirchengemeinde Birkmannsweiler-Höfen-Baach.
Seit Dezember 2009 bin ich Pfarrer in Bad Cannstatt an der Andreäkirche, einer Teilgemeinde der Gesamtkirchengemeinde Bad Cannstatt. Im städtischen Milieu ist mir eine sehr gut verankerte volkskirchliche Arbeit begegnet, die ich nach Kräften gepflegt habe. Ich kann dankbar auf 37 Jahre Gemeindearbeit zurückblicken.

RED: Und dann jetzt erst noch kurz vor Ihrem Ruhestand die Fusion der 4 Kirchengemeinden im Oberen Cannstatt. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?

MS: Zu Beginn meiner Arbeit in Cannstatt habe ich eine gute Kooperation mit der Wicherngemeinde und meinem Kollegen Olaf Creß angetroffen. Es gab schon einen gemeinsamen Gemeindebrief, eine gemeinsame Gottesdienstplanung und regelmäßig gemeinsame Kirchengemeinderatssitzungen. Das Thema Fusion wurde immer wieder angesprochen. Dabei stelle sich aber heraus, dass Andreä und Wichern zusammen wohl keine zukunftsfähige Größe für eine neue Kirchengemeinde sein würden.
Eine gemeinsame Klausurtagung im Februar 2016 eröffnete die Möglichkeit, in den gerade begonnenen SPI-Prozess der Landeskirche einzusteigen, um die Fragen von Struktur, Pfarrdienst und Immobilien gemeinsam in den Blick zu nehmen. In Gesprächen mit den Nachbargemeinden Stephanus und Sommerrain ist es gelungen, ab Frühsommer 2016 in diesen begleiteten Beratungsprozess einzutreten, der zum Ergebnis geführt hat, dass wir seit 1. Januar 2019 die Evangelische Leonore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt bilden. Die Gespräche wurden überwiegend in einem Geist guter Kooperation und der Einsicht in die Notwendigkeit geführt und vom Moderatorenteam konstruktiv begleitet. Die durchaus auch schmerzlichen Entscheidungen wurden regelmäßig in den einzelnen Kirchengemeinderäten und bei Gemeindeversammlungen besprochen, kontrovers diskutiert und jeweils auch mit konstruktiven Entscheidungen vorangebracht.

RED: Bleiben wir doch nochmals kurz bei der neu fusionierten Gemeinde. Was muss und darf sich hier noch entwickeln und was wünschen Sie den Kolleginnen und Kollegen für das Wachsen und Gedeihen der neuen Gemeinde?

MS: Die Entwicklung der Lenore-Volz-Kirchengemeinde steht am Anfang – dieser war bisher verheißungsvoll. Es lohnt sich bestimmt, den Lebensweg und die Anliegen unserer Namensgeberin Lenore Volz, als einer der ersten Pfarrerinnen unserer Landeskirche immer wieder zu thematisieren. Wichtig ist, dass allen Beteiligten, nicht nur meinen Kollegen und Kolleginnen stets bewusst ist, dass jetzt eine neue Kirchengemeinde am Werden ist. Es geht in allen Bezügen und auf allen Ebenen darum, das zu verinnerlichen. Alles Gewachsene ist zu pflegen und möglichst weiterzuentwickeln. An der Wahrnehmung und Wertschätzung von ehrenamtlich Tätigen darf es nicht fehlen. Ein ganz großes Anliegen ist es für mich, dass nicht nur die ehemalige Andreägemeinde sich neu orientieren muss, sondern dass den anderen drei ehemaligen Gemeinden klar ist, dass bei ihnen nicht alles so bleiben und weitergehen kann wie bisher. Eine gute Entscheidung ist  z. B., dass die Sitzungen der ortskirchlichen Verwaltung jeden Monat an einem anderen Standort stattfinden. Die Möglichkeiten, sich an bisher fremden Standorten zu begegnen, müssen aktiv genutzt werden. Die zeitliche Neuorganisation der Gottesdienste bietet dafür gute Gelegenheiten. Für die Entscheidung in der Immobilienfrage, welche Standorte verändert oder aufgegeben werden müssen, wünsche ich mir, dass der Druck, zu Entscheidungen kommen zu müssen, nicht aus dem Blick genommen, aber etwas gestreckt werden kann. So kann für das Neue auch ein notwendiger Wachstumsraum entstehen.

RED: Bei Facebook und Instagram liest man heutzutage bei Pfarrerinnen und Pfarrern immer den Hashtag #waseinpfarrersomacht. Was werden Sie wohl aus dem Leben eines Gemeindepfarrers vermissen?

MS: Vermissen werde ich bestimmt die Breite und Vielfalt der Begegnungen mit Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen. In den letzten Wochen meiner Krankheit habe ich vielfältig und wohltuend gespürt, wie ich als Pfarrer getragen und begleitet bin. Ich bin dankbar für eine vielfältig engagierte Mitarbeiterschaft und finde es wichtig, dass Frau Fritz im Büro am Standort Andreä als Ansprechpartnerin bleibt. Sie kennt die Gemeinde gut, hat ihrerseits durch die Tätigkeit in den letzten Monaten am Standort Stephanus auch bereits deutlich über den Tellerrand der bisherigen Gemeinde hinausgeblickt. Überhaupt: auf meiner letzten Stelle eine so qualifizierte und engagierte Sekretärin zu haben, war für mich ein reines Geschenk. Die Gespräche mit ihr werde ich bestimmt vermissen.

RED: Und ich zitiere weiter aus Ihrer Einladungskarte „… beschreite ich nun erwartungsvoll eine Brücke hin zu neuen Gemeinsamkeiten.“ Was planen Sie denn für Ihren Ruhestand?

MS: Meine Frau musste mich bisher oft mit der Gemeinde „teilen“. Jetzt freue ich mich darauf, mir ihr, mit unseren Kindern und ihren Familien, neue Zeiten der Gemeinsamkeit zu gestalten. Unsere Enkelinder sind jetzt 15 bzw. zwei Monate alt. Die geschenkte Zeit will ich künftig auch mit ihnen teilen.
Bisher waren auch nur Urlaube immer in den Ferienzeiten möglich. Das wird künftig anders möglich sein. Ziele, die wir ansteuern wollen, gibt es viele. Was sich an Mitarbeit an Projekten ergibt, wird sich zeigen; meine Frau und ich sind Menschen, die sich sicher nicht mit dem Aufenthalt in den eigenen vier Wänden zufrieden geben. Vertretungsdienste will ich im ersten Jahr meines Ruhestandes keine annehmen. Weiterhin werde ich auch regelmäßiger bei der Winnenden Kantorei mitsingen.

RED: Kommen wir nochmals konkret auf "Ihren Tag" zurück. Wann und wo findet denn der Abschiedsgottesdienst statt und was ist geplant?

MS: Der Abschiedsgottesdienst findet am Sonntag, 24. März 2019 um 10 Uhr in der Andreäkirche in Bad Cannstatt statt. Das wird mein letzter Gottesdienst im aktiven Dienst sein; Dekan Schultz-Berg wird mich in den Ruhestand verabschieden. Ich lasse mich überraschen, was an dem Tag sonst noch auf mich zukommt.

RED: Vielen Dank, lieber Herr Staib und Ihnen, gemeinsam mit Ihrer Familie alles erdenklich Gute für Ihren "Unruhestand".