Neue Seelsorgerin am ÖZ

Bald hat sie die ersten 100 Tage auf ihrer neuen Stelle geschafft: Dr. Hélène Eichrodt-Kessel, neue Seelsorgerin am Ökumenischen Zentrum (ÖZ) auf dem Campus der Universität Vaihingen. Von ihrer ehemaligen Kirchengemeinde in Hoffeld ans ÖZ war es räumlich nur ein Katzensprung.

6 Fragen an Dr. Hélène Eichrodt-Kessel...

Dr. Hélène Eichrodt-Kessel ist neue Seelsorgerin am Ökumenischen Zentrum auf dem Campus der Universität Vaihingen.

Zwischen der Evangelischen Hoffeldkirche im gleichnamigen Stadtteil und dem Ökumenischen Zentrum (ÖZ) in Stuttgart-Vaihingen liegen sage und schreibe genau 8,5 km. Die hat Dr. Hélène Eichrodt-Kessel locker zurückgelegt - nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich - denn die einstige promovierte Gemeindepfarrerin ist nun Seelsorgerin am ÖZ auf dem Campus der Universität Vaihingen. Anstatt Taufe ist nun Studi-Talk angesagt und wie es ihr damit geht und welche neuen Herausforderungen auf sie warten, hat sie uns im Interview verraten:

RED: Liebe Frau Dr. Eichrodt-Kessel, erst Anfang des Jahres haben wir noch gemeinsam den Fusionsgottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde Degerloch gefeiert. In gewisser Weise hängt dies nun auch mit Ihrem Stellenwechsel ans Ökumenische Zentrum in Stuttgart-Vaihingen zusammen. Erläutern Sie doch bitte mal die Hintergründe, die Sie zu diesem Stellenwechsel bewogen haben.

HEK: Als Gemeindepfarrerin in Hoffeld habe ich eine reiche Zeit erleben dürfen. Mit Menschen unterwegs zu sein oder Lebensübergänge zu begleiten ist eine unglaublich kostbare Erfahrung. Sei es bei der Taufe oder der Konfirmation, wenn die Familie sich versammelt, um der Liebe zu einem Kind bewusst Ausdruck zu verleihen, es das Kind spüren zu lassen und es unter den Segen Gottes zu stellen- in unserer säkularen Gesellschaft! Sei es bei einer Trauerfeier, wenn man gemeinsam zurückschaut, behutsam mit der Familie wahrnimmt, welcher Segen in unser Leben gelegt wurde, miteinander die Trauer teilt und aushält. Ich war unglaublich gern mit Jugendlichen unterwegs. Im Konfirmandenunterricht haben wir versucht, uns mit den Kernfragen des Lebens auseinander zu setzen. Wie Sie es bereits vermutet haben, hat der Pfarrplan 2024 u. a. mich dazu bewogen, mich nach Stuttgart-Vahingen zu bewerben. Ich war sehr gerne Gemeindepfarrerin, aber die Zeit war auch bereit für eine Veränderung. Ich bin gerne im Gespräch mit Menschen aus verschiedenen internationalen, konfessionellen oder religiösen Hintergründen. Die Sehnsucht nach täglich gelebte Ökumene war stark und deshalb bin ich hier gelandet.

RED: Am Ökumenischen Zentrum (ÖZ) auf dem Campus der Universität Stuttgart-Vaihingen, d. h. eingebettet in eine inspirierende und internationale Hochschullandschaft, fühlen Sie sich bestimmt ganz schnell heimisch, denn Sie selbst sind gebürtige Französin und haben im Fach Theologie promoviert und waren auch an einer akademischen Laufbahn interessiert, richtig?

HEK: Heimisch ist ein schönes Wort. Die Internationalität, die Begegnungen in der Unterschiedlichkeit sind schon immer meine Heimat gewesen. Als gebürtige Französin stamme ich aus einer sehr internationalen und „plural glaubenden“ Familie und war deshalb schon früh ökumenisch unterwegs, obwohl ich aus einer Diaspora Kirche komme. Das ökumenische Zentrum in Heidelberg, unter der Leitung von Prof. Dr. Dietrich Ritschl, in dem ich als Studierende gelebt und gearbeitet habe, war für mich wegweisend. Ich erinnere mich z. B an Hausabende, die ich damals mitorganisiert hatte, bei dem wir z. B. den Philosophen Gadamer zu Gast hatten. Die interreligiöse Begegnungen und die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, sind prägend für mein weiteren Weg gewesen.
Promoviert habe ich im Bereich Hermeneutik (Paul Ricoeur) und über das „Erste“ Testament. Für die betreffende Dissertation habe ich den ADRERUS-Preis der Universität Straßburg erhalten. Ja, eine Karriere an der Uni wäre eine natürliche Option gewesen. Entgegen den Erwartungen meiner Kirche oder meiner Uni habe ich mich damals entschieden, Pfarrerin zu werden, denn ich wollte Menschen auf ihren Lebenswegen begleiten. Die Begegnungen und die Auseinandersetzungen mit dem Leben und seinen Kernfragen im täglichen Alltag waren für mich zunächst entscheidend.

RED: Schauen wir doch nochmals ein paar Stationen zurück. Wie gestaltete sich denn Ihr Weg ins klassische Pfarramt, nachdem Sie sich gegen ein verlängertes "Unileben" entschieden hatten und was waren die Gründe dafür?

HEK: Nach meinem sehr internationalen Studium und der Promotionszeit habe ich mein Vikariat in Stuttgart-Sillenbuch absolviert und bin dann für fast 5 Jahre Geschäftsführerin der Dekade zur Überwindung von Gewalt gewesen. Auch dort war die Ökumene ausschlaggebend.

RED: Spannend und um so aufregender nun die Nachfrage, welche Aufgaben und Fragenstellungen auf Sie als Seelsorgerin am ÖZ zukommen?

HEK: Die Fächer, die an der Universität in Vaihingen studiert und gelehrt werden, sind prägend für die technologischen und ökonomischen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte. Sie sind somit zentral für die Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft. Fundamental für mich als Theologin sind aber auch die Chancen und ethischen Fragen die dabei entstehen: Was sind die gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen Folgen von technischen Innovationen und neuen Kommunikationsformen, z. B. der Künstlichen Intelligenz oder der neuen Medien? Welche Konsequenzen haben die disruptiven und transformierenden Kräfte der Informatik oder der neuen Kommunikationsformen? Brisante anthropologische Fragen werden durch die digitale Transformation, die unser Jahrhundert erlebt, gestellt. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird immer dünner. Einerseits eröffnen neue Technologien unglaubliche Chancen z. B. in Form von Pflegerobotern, Cyborgs, Erweiterungen der Sinnesempfindungen, neue Mobilitätsformen usw. Andererseits sind hierdurch Gefahren unvermeidbar:
• Wie kann die Kontrolle weiterhin in menschlicher Hand bleiben?
• Wie wird dafür gesorgt dass der Mensch in vielerlei Bereichen nicht irrelevant wird? 
• Welche Bedingungen stellen wir an Algorithmen, die unser Leben beeinflussen? Wie kann die menschliche Freiheit, Würde und Gleichheit bewahrt werden? Welche Kriterien müssen gewährleistet sein? Was dient dem Leben? 
Daran zu denken, zu arbeiten, den ethischen Fragen nachzugehen reizt mich und ist meines Erachtens eine notwendige (Haus-)Aufgabe für Theologen.
Zugleich stehe ich als Seelsorgerin, als Begleiterin für die Studierenden und Menschen auf dem Campus, zur Verfügung. In der Notzeit, die wir gerade erleben, geprägt von Einsamkeit, ist es wichtig, Gesprächspartner zu haben, die Zeit für einen haben, die zuhören und begleiten können.

RED: Und wie verhält es sich mit der Ökumene am ÖZ?

EHK: Im 21. Jahrhundert ökumenisch und interreligiös zu denken und zu arbeiten, vor allem angesichts der aktuellen weltweiten sozio- wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert werden, ist meines Erachtens die einzige Option. Das Haus wird sowohl von der katholischen als auch der evangelischen Kirche getragen. Thomas Richter-Alender, der katholischen Seelsorger im Ruhestand, ist noch kommissarisch da und leitet das Haus mit mir. In September kommt sein Nachfolger Marius Grath.
Bezogen auf das Zentrum: Eine große Herausforderung, die wir zurzeit dringend angehen müssen, ist die notwendige Renovierung des Hauses. Wer kein regendichtes Dach über den Kopf hat, dessen Gastfreundschaft ist sehr löchrig! Die Verwaltung und die institutionelle Verankerung des Hauses in den jeweiligen kirchlichen Strukturen sind allerdings auf beiden Seiten sehr unterschiedlich. Ich hoffe, dass dieser Ort der Begegnung und des Dialogs nicht dadurch gefährdet wird.
Zwei markante Brücken umgeben das Ökumenische Zentrum. Sie sind geradezu symbolisch. Brücken bauen, unter diesem Motto verstehe ich die vielfältigen Aufgaben, die diese Stelle beinhaltet und meine Rolle sehe ich deshalb primär als Brückenbauerin. Ich verstehe eine Studierendengemeinde als einen Ort, der Räume für intensive Diskussionen eröffnet und die Menschen dazu einlädt, sich konstruktiv bei der Entwicklung neuer Visionen einzubringen. Ich bin dankbar, dass unsere Landeskirche und der Kirchenkreis solche Orte der Begegnung ermöglichen und hoffe auf deren Unterstützung für die dringende Umsetzung der anstehenden Renovierungsarbeiten, da das Dach des Zentrums leider undicht geworden ist und es hindurch regnet.
Das Zentrum ist ein wichtiges Symbol. Es ist das einzige Hochschulgemeindezentrum in Deutschland, das beiden Kirchen zugleich angehört. Vierzig Jahre gemeinsamer Geschichte schreiben wir schon. Es hat eine einmalige Lage: Es steht im Zentrum des Campus einer Universität, an der täglich die Geschichte technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung und Forschung geschrieben wird.

RED: In Ihrer ehemaligen Kirchengemeinde in Stuttgart-Hoffeld waren Sie immer mit Ihren "Oasen-Tagen" unterwegs. Wird es so ein Meditationskonzept künftig auch am ÖZ geben?

HEK: Sinnsucherin und Begleiterin, so definiere ich meine(n) Beruf(ung) als Pfarrerin. Wichtig für mich ist dabei die große Sehnsucht nach Spiritualität, die wir in unserer Gesellschaft beobachten - auch jenseits der kirchlichen Strukturen - ernst zu nehmen. Darum habe ich mich im Gemeindepfarramt immer mehr auf die Suche nach ergänzenden Formen, neuen Orten begeben. Kunst- und Meditationsprojekte sind so entstanden und damit unter anderem die „Oasentage“. Mehrere Wochenenden im Jahr wurde am ersten Tag in der Begegnung mit Kunst, Musik und Körperarbeit meditiert. Ein meditativer Gottesdienst am nächsten Tag hat diesen spirituellen Prozess abgerundet, weitere Wege eröffnet. Die Nachfrage ist immer größer geworden. Es ist nach und nach eine „meditative“ Gemeinde über die konfessionellen, kirchlichen Grenzen hinweg entstanden. Durch meine Einbindung an die Vaihinger Gemeinde möchte ich dies gerne  fortführen. Diese Angebote richten sich aber an alle Interessierten. Selbstverständlich werde ich es auch für die Menschen auf dem Campus anbieten. Gelebte Spiritualität, die Sinnsuche im Dialog und in der Stille mit anderen spielt eine tragende Rolle in meinem Leben!

RED: Herzlichen Dank für das ausführliche Interview, liebe Frau Dr. Eichrodt-Kessel, und dann freuen wir uns auf die nächsten "Oasen-Tage" mit Ihnen! PS: Das ÖZ hat ja schon einen wunderbaren Meditationsraum!