Pfarrer Friedrich Schweizer

Er war der Gründer des Stammheimer Krankenpflegevereins (1910): Pfarrer Friedrich Schweizer. Über sein Wirken referiert am Donnerstag, 20. Februar um 15 Uhr im Frauenkreis (Korntaler Straße 2a) einer seiner Nachfolger, Pfarrer Thomas Mann, von dem auch die folgende Kurzgeschichte stammt.

Am Tag, als Pfarrer Schweizer starb

Im Stammheimer Pfarrhaus am Kirchplatz brennt schon seit Stunden kein Licht mehr. Die fast 15-jährige Elisabeth Schweizer, ältere Tochter des Ortspfarrers Friedrich Schweizer und seiner Frau Lisette, liegt reglos in ihrem Bett und findet keine Ruhe. Sie wagt nicht, die Stille im Kinderzimmer zu stören und wartet auf den Morgen des 30. Januar 1911, jenem Montag, an dem nichts mehr so sein würde, wie es war.

Unaufhörlich peitscht der Regen gegen die Westseite des alten Gemäuers, der Wintersturm rüttelt an den Fensterläden, als wolle er sie losreißen, um sie durchs ganze Dorf zu tragen. Auch wenn das in den ohnehin zugigen Räumen noch mehr Kälte und Frieren bedeutet, hätte sie lieber Schnee gehabt, der das Land und auch allen Kummer mit einem weißen Kleid überzieht. Die Böen fahren in die Bäume des großen, wunderbaren Pfarrgartens, und Elisabeth hört sie rauschen, wispern und wimmern. Sie singen das Lied vom Tod…

Wieviel Uhr der Turm der Johanneskirche geschlagen hat, weiß sie schon wieder nicht mehr, fühlt nur, tränenlos, wie die Dunkelheit nach ihrem Nachthemd zu greifen und immer wieder an ihr hochzukriechen versucht. Angst vor der Finsternis hat sie aber nur noch ein bisschen. Kurz überlegt sie, zur nur um ein Jahr und einen Monat jüngeren Maria, Papas Sonnenschein, hinüberzutappen, die ganz bestimmt auch nicht schlafen kann und daher ebenso hellwach ist, und sich zu ihr ins Bett zu legen, damit sie sich wenigstens gegenseitig wärmen und trösten könnten. Aber sie verwirft diesen Gedanken sofort wieder. „Nana, aber so große Schwestern kuscheln doch nicht mehr“, hört sie den gestrengen Herrn Pfarrer mit erhobenem Zeigefinger mahnen.

Doch Elisabeth weiß, dass der Vater nie mehr etwas sagen wird – nicht zu ihr, nicht zu Maria, nicht zu Mama, die, mittlerweile allein, beim Licht einer einzelnen brennenden Kerze, drüben im Elternschlafzimmer, am Bett ihres toten Ehemannes sitzt, endlich stiller geworden ist und ihre Trauer jetzt mit niemandem mehr teilen möchte. Im vergangenen April ist sie 40 geworden – heute Abend also Witwe. Die immer freundliche Diakonisse Berta Bizenberger, die Papa erst vor einem Vierteljahr als Gemeindeschwester nach Stammheim geholt hat, Dekan Bacmeister, der extra aus Ludwigsburg herübergekommen ist, und Schultheiß Schurer haben sich längst verabschiedet. Leise haben sie auf die Mutter eingeredet. Mama war so unheimlich vorhin, hat zuerst aufgeschrien, dann lange so furchtbar geweint, danach verzweifelt geschluchzt und die Töchter schließlich ins Bett geschickt. Nur noch ab und zu hört Elisabeth von drüben ein tiefes Seufzen, das sich zu anschwellenden, wimmernden Wortfetzen steigert, die sie nicht verstehen kann. Die Stimme der Mutter wird dann höher und lauter, bricht schließlich ab, um sich vom singenden Sturmwind davontragen zu lassen.

Papa ist ganz schnell gestorben, auch wenn das Mädchen bisher nur wenige Vergleichsmöglichkeiten hat. Vielleicht nicht ganz so schnell wie Bauer Lörcher, der im vergangenen Sommer bei der Feldarbeit einfach umgefallen ist, oder die alte Gühring, die der Sohn erst vor kurzem morgens kalt im Bett gefunden hat. Dann hat man Papa geholt. Der hat mit den Familien geschwiegen, geweint, gebetet und gesungen. Auf dem Friedhof hat er dann von Gottes Ewigkeit gesprochen, in die die Verstorbenen nunmehr abberufen worden seien. Elisabeth weiß eigentlich gar nicht, was das ist, Ewigkeit, wie sich Ewigkeit anfühlt, wie sie dieses große, wichtige Papa-Pfarrer-Wort denken soll, ohne einen Knoten in den Kopf zu bekommen. Sie stellt sich vor, der Vater ist jetzt für sie nachsehen gegangen und findet den Rückweg nicht mehr …

Vor zwei Tagen ist es richtig schlimm geworden mit ihm. Mama hat Sanitätsrat Doktor Pressel aus Zuffenhausen holen lassen. Der hat nur die Stirn gerunzelt und gemeint, da könne er nichts mehr machen. Es sei die Galle, eine schnell verlaufende Gallensteinkolik. Das Stöhnen und die unterdrückten Schmerzensschreie des ansonsten immer so beherrschten Mannes waren im ganzen Haus zu hören gewesen und gingen Elisabeth durch Mark und Bein, erinnerten sie an das Brüllen der Kühe in den Ställen der Bauern, wenn ihnen die Euter vor zuviel Milch zu platzen drohten …

Papa war eigentlich nie ganz gesund - soweit Elisabeth denken kann, nicht. Schon immer hatte er Malheur mit seiner Galle und, wie es hieß, dem Zwerchfell. Als Elisabeth und Maria noch klein waren, damals im Weipertshofener Pfarrhaus, hat sie die Mama immer geschimpft, wenn sie von der Schule heimkamen und laut die Treppe hinaufstürmten, voller Erlebnisse der vergangenen Stunden, die sie unbedingt zuhause erzählen wollten. Dann hieß es oft: „Kinder, seid leise, Papa hat wieder einen schlechten Tag und braucht daher unbedingt seine Ruhe.“ Um Weihnachten vor zwei Jahren wurde es schließlich so arg, dass der Vater einen ganzen Monat lang krankgeschrieben war und sogar in Kur musste. Dort hat ihn die Familie dann auch einmal besucht, wie sich Elisabeth noch genau erinnert – nicht zuletzt deshalb, weil die Eltern Maria und ihr in dieser Zeit auch eröffneten, dass sie im neuen Jahr nach Stammheim bei Ludwigsburg umziehen würden.

„Es ist auch zu eurem Besten“, hat Papa dazu nur erklärt und keine Widerrede geduldet. Wenige Wochen vor Elisabeths 13. und Marias 12. Geburtstag waren sie dann umgezogen. Seitdem träumen sich die Schweizer-Schwestern immer wieder ins Hohenlohische zurück, wo sie schließlich geboren und aufgewachsen sind. Zurück in die Nähe von Crailsheim, in das stets etwas unheimlich anmutende Haus ihrer Kinderspiele mit dem weitläufigen Garten und seinem tiefen gewölbten Keller, in dem die Herren Wildmeister und Oberförster früher erlegtes Wild abhängten, dem großen Wohnzimmer mit dem Stuckfries an der Decke, das spannende Jagdszenen zeigte. Zurück zur schönen Georgskirche, in der Papa auf die Kanzel gestiegen war, solange sie denken konnte. Zurück auch zu Pauline, Emma und Luise, zu Johannes, Emil und Otto, den Freunden, die ganz normal sprachen – im Gegensatz zu den Stammheimern mit ihrem komischen schwäbischen Dialekt. Wirklich angekommen sind die Mädchen hier eigentlich nie. Nicht nur der lange Schulweg nach Ludwigsburg, den die beiden täglich zu Fuß zurücklegen müssen, lässt kaum Zeit, neue Freundinnen zu finden ...

Im vergangenen September haben sie alle zusammen noch einmal einen schönen und vor allem unbeschwerten Familienurlaub machen können. Es ging zum Wandern in den Schwarzwald. Wieviel Papa, dem es so gut zu gehen schien wie lange nicht, über Pflanzen und Tiere wusste, denkt Elisabeth, fast alle Vögel konnte er an ihren Stimmen erkennen…

„Was jetzt wohl wird?“ - Es ist Maria, die die Stille im Raum schließlich nicht mehr aushält und die große Schwester aus ihren Erinnerungen reißt. „Weiß net.“ „Gehen wir zurück nach Weipertshofen - oder doch zu Mamas Familie nach Crailsheim?“ „Weiß net.“ „Morgen früh werden sie Papa holen kommen.“ „Ja.“

Kurzgeschichte von Pfarrer Thomas Mann, Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Stammheim

Foto Pfarrer Schweizer aus Schülke, Joachim: Aus der Geschichte von Weipertshofen und seinen Ortsteilen, Crailsheim 2007.