Prälat i. R. Martin Klumpp feiert

Es ist ein Doppeljubiläum, das Prälat i. R. Martin Klumpp 2020 begeht. Zum einen steht sein 80. Geburtstag (5. Oktober 1940) kurz bevor und zum anderen kann er mit Stolz auf 40 Jahre hospizliche Arbeit - Begleitung und Seelsorge von Trauergruppen u. a. - zurückblicken.

6 Fragen an Prälat i. R. Martin Klumpp...

Prälat i. R. Martin Klumpp feiert 2020 ein Doppeljubiläum: 80. Geburtstag und 40 Jahre hospizliche Arbeit

1940 in Tübingen geboren, studierte Prälat i. R. Martin Klumpp Evangelische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie an der Universität Zürich. Er absolvierte zudem eine psychologische Zusatzausbildung in der Ehe-, Familie- und Lebensberatung. 1970 wurde er Gemeindepfarrer in Sindelfingen. Neun Jahre später wechselte er nach Stuttgart, wo er den Hospitalhof Stuttgart - Evangelisches Bildungszentrum, die sogenannte Stadtakademie der Evangelischen Kirche in Stuttgart, begründete. Keine sechs Jahre später wurde er Stuttgarter Stadtdekan und 1998 Prälat von Stuttgart - das zweithöchste Amt in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Vor 40 Jahren initiierte Prälat i. R. Martin Klumpp die Hospizbewegung in Stuttgart und leitete die ersten Trauergruppen. 1994 wurde der Förderverein HOSPIZ STUTTGART gegründet, dessen erster ehrenamtlicher Vorsitzender er bis heute ist. Klumpp war Gründungsmitglied des Evangelischen Betreuungsvereins Stuttgart e. V. und langjähriger Vorsitzender des Vereins Evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik.
Für sein hohes gesellschaftliches Engagement und sein seelsorgerisches Tun und Wirken wurde der Prälat i. R. 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Gemeinsam mit ihm haben wir anlässlich dieses Doppeljubiläums - 80. Geburtstag und 40 Jahre hospizliche Arbeit - mal die Spuren seines Schaffens nachgezeichnet.

RED: Lieber Herr Prälat i. R. Klumpp, ein runder Geburtstag steht bei Ihnen ins Haus. Wie gedenken Sie, diesen Tag zu begehen?

MK: Ganz ähnlich wie die Jahre zuvor. Seit unsere Kinder erwachsen sind, Enkel da sind und ich im Ruhestand bin, gehen wir am Abend - gemeinsam mit einigen persönlichen Freundinnen und Freunden - zum Essen. Tagsüber bin ich zu Hause. Irgendwelche dringenden Termine, die mich anstrengen oder belasten könnten, nehme ich an diesem Tag nicht wahr. Natürlich wird man am 80. Geburtstag auch nachdenklich. Auch wenn man sich am Leben freut und dankbar ist, weiß man, dass die Zeit begrenzt ist. Ich staune oft, wie gut es mir geht! 

RED: Das ist gewiss ein Segen und genauso segensreich sind und waren Sie immer auch in Amt und Würden im Einsatz und engagieren sich bis heute. Sie sind der erste Vorsitzende des Fördervereins des HOSPIZ STUTTGART, der 1. Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der Stiftsmusik“. Sie leiten aktuell mehrere Trauergruppen - bestimmt habe ich noch weitere Ehrenämter und Wirkungsstätten vergessen - sprich Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Ist das 80 das neue 70 oder was treibt Sie an?

MK: Zum Glück meines Lebens gehört, dass die Ideale meines Glaubens, die Ideale meines Lebens und die Ideale meines Berufes ganz nahe beieinander liegen. Freunde von mir, die mich gut kennen, sagen, ich hätte nie aufgehört, zu lernen. Diese Rückmeldung ist für mich ein Kompliment. Zu meinem Glauben gehört, dass mich die Natur als Schöpfung Gottes fasziniert, dass mich Menschen faszinieren, mit dem, wie und was sie leben, dass mich die Gesellschaft fasziniert, die Kultur und was sie mit uns macht, der soziale Bereich und der persönliche Umgang mit den dunklen Seiten unserer Wirklichkeit  Jeder Mensch ist in meinen Augen ein riesengroßes Wunder, das mich ehrfürchtig macht, unabhängig davon, ob dieser Mensch groß, klein, angesehen oder arm ist. Wenn jemand humorvoll meint, ich sei im Unruhe - anstatt im Ruhestand, dann sage ich: "Nein, ich bin im „Luststand!“. Ich mache gerne, was ich mache.

RED: In der Tat, das merkt man Ihnen und Ihrem Tun an. Bleiben wir doch nochmals bei einem Ihrer Herzensprojekte, dem HOSPIZ STUTTGART. Da waren sie von Anfang an dabei und das Thema Hospizarbeit beschäftigt Sie nunmehr seit vierzig Jahren, sprich das 2. Jubiläum, das Sie 2020 begehen dürfen. Erzählen Sie mal, wie es dazu kam?

MK: Als ich vor etwa vierzig Jahren im Hospitalhof mit Bildungsarbeit begann, meinten manche, ich hätte keine Chance, es gäbe doch in Stuttgart alles. Also fragte ich mich, welche Art von Bildung speziell meinem geistlichen Auftrag entsprechen könnte. Ich wollte nicht nur Fachwissen, sondern eher auch Lebenskunst vermitteln. Z. B. kam mir die Frage: "Wie bildet sich die Identität oder der Lebenswille eines Menschen neu, wenn dieser Mensch nur noch schwarzsieht und in sich keine Kraft mehr findet? Gibt es so etwas wie Auferstehung mitten im Leben?" Darüber wollte ich nicht nur theoretisch spekulieren, sondern Erfahrungen sammeln. Das war der Impuls zur Gründung der ersten Gesprächsgruppe für Trauende. Das mache ich bis heute. Weil so viele Menschen kommen, sind es oft vier oder fünf Gruppen parallel.                                    Wenn man im Laufe der Zeit so viele Sterbe- und Trauergeschichten hört, entsteht ein Handlungsdruck. Mir wurde klar: Wir brauchen in Stuttgart ein Hospiz!

RED: Und dank Ihres unermüdlichen Tuns und Werbens konnte am 17. November 2017 mit dem stationären Kinder- und Jugendhospiz Stuttgart das erste seiner Art in Baden-Württemberg eingeweiht. Wie wurde diese Idee geboren?

MK: Nach den guten Erfahrungen in der Arbeit mit Erwachsenen haben wir 2004 den ambulanten Hospizdienst für Kinder und Jugendliche gegründet. Wieder haben wir die Berichte der Betroffenen ernst genommen. Wir erfuhren, wie viele Familien mit schwer kranken Kindern an die Grenzen ihrer Kräfte kommen, was geschieht, wenn niemand hilft. So wuchs auch hier die Überzeugung: Wir brauchen ein stationäres Kinder- und Jugendhospiz! Dort helfen wir den Kindern und Familien, dass sie am Stress während der Krankheit nicht zerbrechen, sondern immer neue Kräfte finden. Dieses Projekt war für ein großes Wagnis. Gott sei Dank, dass es gelungen ist!

RED: Das sagen auch die Belegzahlen. Doch nochmals zu den Trauergruppen, die Sie bis heute leiten. Was verbindet sie mit dieser 40 jährigen ehrenamtlichen Arbeit und warum ist dieses Ehrenamt von unschätzbarem Wert?

MK: Gerne erinnere ich mich an eine Mutter, die zwei Kinder im Verlauf eines Jahres verloren hat, das eine an Krankheit, das andere an einem Verkehrsunfall. Niemand weiß, wie man so etwas übersteht. Nach zwölf Abenden fasste sie in einem Satz zusammen, was diese Gruppe für sie bedeutet hat. Sie sagte es auf schwäbisch: „En der Grupp hot mr älleweil s‘ Herz ufmache ond dr Seel uf d‘ Fenger gucke kenne“. [Anmerkung RED: "In der Gruppe konnte man immer sein Herz öffnen und der Seele auf den Grund blicken."]. Wir sind ganz nah dabei, wenn Menschen in ihrem Inneren Kräfte finden, die niemand von uns „machen“ kann. Wenn wir den Heiligen Geist als Tröster bezeichnen, dann kann man das handgreiflich erleben. Wenn ich im Gottesdienst predige, habe ich nicht das Gefühl, dass ich nur fromme Worte mache. Ich sage Dinge, die ich selbst erlebe. Das ist für mich ein großer Wert. 

RED: Abschließend blicken wir mal gemeinsam mit einem Zeitraffer auf Ihr Leben und gehen rund 60 Jahre zurück. Wie kamen Sie zum Theologiestudium und welche Situationen und Menschen auf ihrem beruflichen wie privaten Lebensweg haben Sie geprägt?

MK: Ich bin im Krieg geboren und hatte als Kind im Luftschutzkeller große Ängste. Da erzählten die älteren Leute, mit denen wir im Haus zusammenwohnten, darunter der bekannte Theologe Karl Heim, biblische Geschichten. Das erzeugte in mir ein Gefühl der Geborgenheit. Seit ich denken kann, singe ich gerne. Ohne Musik kann ich mir mein Leben nicht denken. Im Theologiestudium sind mir Lehrer begegnet, die mir Vorbild sind, manche auch, weil sie im Dritten Reich so mutig waren. Mein Elternhaus war kirchlich, aber nie zwanghaft oder eng. Neulich las ich ein großes neu erschienenes wissenschaftliches Werk zum Thema „Anthropologie des Alten Testaments“. Es hat mir so gut gefallen, dass ich es am liebsten auch Freunden schenken würde. Wie schön, dass man im Alter dazu Zeit hat!

RED: Lieber Herr Prälat i. R. Klumpp, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Ausführungen. Dann wünschen wir Ihnen zunächst mal ein schönes Geburtstagsfest im Kreise Ihrer Lieben und weiterhin viele Jahre voller Tatendrang und Schaffenskraft im "Luststand" und bei bester Gesundheit!