Sabine Foth - eine von uns

Sabine Foth arbeitet sowohl an der Basis als auch an der Spitze: Sie ist Vorsitzende des Kirchengemeinderats in der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Heslach und zugleich Synodalpräsidentin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

6 Fragen an Synodalpräsidentin Sabine Foth...

In unserem Sommerinterview sprechen wir mit der Synodalpräsidentin über ihre ersten 100 Tage im neuen Amt, Kirche in Zeiten von Corona, gestiegene Austrittszahlen, den Weg in die Zukunft und der Frage, wohin sich Kirche entwickeln muss.

RED: Liebe Frau Foth, am 15. Februar 2020 gab die württembergische Landeskirche die Pressemitteilung heraus, die verkündete, dass Sie zur neuen Synodalpräsidentin gewählt wurden. Beschreiben Sie mal, wie das erste halbe Jahr im neuen Amt so für Sie lief.

SF: Kurz nach meiner Wahl hat der Corona-Virus auch in Deutschland für starke Einschränkungen gesorgt, die natürlich auch die Synode betreffen. Es galt, viele Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel, wie die Synode ihre Arbeit aufnehmen kann. Der Landesbischof, der Direktor des Oberkirchenrats sowie das Kollegium haben mich sehr oft in die Beratungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen, etwa hinsichtlich der Gottesdienste. Dafür bin ich sehr dankbar.
Schon seit 2015 sind alle Synodale mit einem Laptop und Zugriff auf unser Synodalportal ausgestattet. Das hat den Start der Synodalarbeit enorm erleichtert. Der Geschäftsführende Ausschuss, der zwischen den Tagungen der Landessynode notwendige Entscheidungen trifft, hat rasch die gesetzlichen Voraussetzungen für audiovisuelle Sitzungen geschaffen. Und die zuständigen IT-ler haben die Ausschüsse für Teams absolut schnell eingerichtet, sodass wir bald unsere Ausschussarbeit aufnehmen konnten. Sogar eine Besprechung mit 90 Teilnehmenden haben wir via Teams problemlos abgehalten.
Gleichzeitig habe ich in den ersten Monaten viele Menschen in der Landeskirche und darüber hinaus kennengelernt. Manche präsent mit großem Abstand, manche in audiovisuellen Treffen. Unter diesen Bedingungen ist das wirkliche Kennenlernen natürlich ganz anders, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Manchmal sind audiovisuelle Treffen auch besser in den beruflichen Alltag einzubauen, man muss dann nur aufpassen, dass nicht die ganze Familie gleichzeitig das WLAN nutzt….
Anfang Juli hat sich die Landessynode dann zu ihrer ersten Sitzung getroffen. Diese Sitzung fand unter Beachtung aller besonderen Hygienebedingungen hybrid statt. Wir konnten die Öffentlichkeit leider nicht präsent in den Hospitalhof nehmen, auch die Gästezahl haben wir reduzieren müssen. Da fehlt der persönliche Kontakt, aber die gesundheitliche Sicherheit hat in diesem Fall einfach Vorrang.

RED: „Sabine Foth, das ist doch eine von uns aus Stuttgart“, sprich Vorsitzende des Kirchengemeinderats der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Heslach. Wie gestaltet er sich so, der Spagat zwischen Gemeindearbeit vor Ort und Gremienarbeit in der Landessynode?

SF: Bis jetzt musste ich noch keine großen Verrenkungen anstellen. Ab und an sind Menschen auf mich zugekommen und ich musste die eine oder andere Entscheidung (Abendmahl, Singen im Gottesdienst) des Oberkirchenrates „verteidigen“. Aber der Kirchengemeinderat in Heslach war in seinen Beratungen und Beschlüssen auch sehr einmütig, sodass die „Verteidigung“ eher einfach war.
Zeitlich klappt es bislang auch gut. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass die Gremien der Landessynode tagsüber und die der Gemeinde eher am Abend tagen. Ich bin sehr froh, dass ich die Basisarbeit weiterführen kann, denn die ist mir sehr wichtig. Bei Entscheidungsprozessen ist deshalb immer die Frage im Kopf: Was braucht die Basis, was ist für sie wichtig?  Andererseits möchte ich dort immer wieder um Verständnis für die Arbeit der Synode und des Oberkirchenrats werben. Ich empfinde das als ein gegenseitiges Befruchten beider Gremien.

RED: Nicht mal 100 Tage im Amt und dann kam die Coronawelle über uns - Sie hatten es bereits eingangs erwähnt. Wie haben Sie „Ihre Kirche“ in der Pandemiezeit erlebt?

SF: Mir ist die Kritik von manchen Seiten, dass die Kirche nicht präsent war, natürlich bekannt. Aber ich muss sagen, dass ich selbst viele kreative Gemeinden erlebt habe. Natürlich mussten wir uns alle erst einmal an vieles Neues, vieles Andere gewöhnen. Irritationen oder das Revidieren von Entscheidungen bleiben da natürlich nicht aus.
Ich fand die Aktion, „Christus ist auferstanden“ mit Straßenmalkreide auf die Gehwege zu schreiben, sehr berührend. Oder auch die Predigten, die Familienkirch-/Kindergottesdienstaktionstüten, die an Wäscheleinen an den Kirchentüren aufgehängt waren. Bei uns in Heslach habe ich immer wieder Kinder mit diesen Tüten auf der Straße gesehen. So und mit vielen Online-Formaten haben wir auch Menschen erreicht, die wir sonst nicht so erreichen. Hätten Sie gedacht, dass die TV Gottesdienste, regional wie überregional, die Quotenbringer schlechthin gewesen sind? 

RED: In der Tat, dass hatte irgendwie niemand "auf dem Schirm"! Doch wie erging es Ihnen selbst?

SF: Die Gerichte hatten in den ersten Monaten der Krise eher wenige Verhandlungen terminiert. Deshalb konnte ich meine volle Kraft den synodalen Aufgaben widmen. In der Zeit war das ein Fulltime-Job! Unsere Tochter stand im Abitur, aufgrund von Corona und ihrer Rheumaerkrankung  war das eine zusätzliche besondere Herausforderung. Das Abi ist nun geschafft und langsam normalisiert sich der zeitliche Aufwand für die Synode wieder etwas. Mir selbst hat es gutgetan, wie wir als Synode in den letzten Monaten wirklich gut zusammengearbeitet haben.

RED: Am 26. Juni 2020 kam die nächste Hiobs-Botschaft: Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat weiter an Kirchenmitgliedern verloren (-24.109 auf 1.957.088 / Stand 31.12.2019). Die meisten Austritte sind in der Altersgruppe zwischen 20 und 35 Jahren festzustellen und die Austrittswahrscheinlichkeit ist bei Mitgliedern über 60 Jahren um rund 50 Prozent zu 2018 angestiegen. Wie beurteilen Sie das und wohin muss das Schiff, das sich Gemeinde nennt, steuern?

SF: Wenn ich diese Frage mit wenigen Worten beantworten könnte, wäre ich wahrscheinlich rund um die Uhr EKD-weit mit Vorträgen unterwegs bzw. dann in dieser Zeit mit audiovisuellen Vorträgen. Aber ernsthaft: Bei der Sommersynode haben wir das Thema diskutiert. Hier habe ich gesagt, dass wir Mut auch zu kleinen Schritten haben müssen. Weder dürfen wir in Aktionismus verfallen und alles Bewährte zum Beispiel über den Haufen werfen, noch dürfen wir in Schockstarre verharren. Wichtig finde ich, dass wir als Kirche deutlich machen: Wir sind ein wichtiger sozialer Player, zum Beispiel als Träger von Kindergärten oder - in der diese Sommerfreien noch wichtigeren - Ferienbetreuung von Kindern, um nur zwei Beispiele zu nennen. Gleichzeitig müssen wir unsere Vorbildfunktion in gesellschaftlichen Fragen – ich denke da zum Beispiel an aktuelle Themen wie Rassismus oder Klima - deutlich leben und laut werden. Kirche muss glaubhaft und transparent sein. Wichtig finde ich auch, dass wir nicht nachlassen in unserer Religionsarbeit in Kitas, Schulen und dem Kinder-/Familiengottesdienst, also  Kindern und Jugendlichen positive Erfahrungen mit dem Glauben auf den Weg zugeben. Das sind für mich die ersten kleinen Schritte. 

RED: Nun stehen aber erst mal die Sommerferien vor der Tür, bevor die Gremienarbeit im Herbst wieder an Fahrt gewinnt. Was ist bei Ihnen im „Corona-Sommer 2020“ geplant und mit welchen „To-dos“ werden Sie ins nächste Quartal starten?

SF: Im Corona-Sommer werde ich mit unserer Tochter und meinem Mann einige Tage in Oberstdorf zum Wandern verbringen.
„To-dos“ für das nächste Quartal sind natürlich Überlegungen zu den Mitgliederzahlen, aber auch zu den zurückgehenden Kirchensteuereinnahmen und die Konsequenzen daraus. Wir haben auf der Sommersynode einen „Sonderausschuss für inhaltliche Ausrichtung und Schwerpunkte“ gebildet, dessen Vorsitzende ich bin und der im Herbst seine Arbeit aufnehmen wird. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen.
Und im Herbst tagt die Synode wieder. Deshalb werden wir rasch nach den Sommerfreien manche Entscheidung über das Wie der Herbsttagung treffen müssen. 

RED: Ganz herzlichen Dank liebe Frau Foth für das Interview. Nun, dann schauen wir gespannt auf die nächste Landessynode im Herbst (Donnerstag, 26. - Samstag, 28. November 2020) und wünschen Ihnen noch einen schönen und vor allem coronafreien Sommer mit Ihrer Familie.