Stammheimer Zarah Leander

„Wenn ich wieder gesund werde, will ich alles neu machen“, erklärte die damals weit über Stuttgarts Grenzen hinaus bekannte Altistin und Konzertsängerin Elisa Keller (08.10.1886 – 21.05.1950) - liebevoll auch Stammheimer "Zarah Leander" genannt - Pfarrer Karl Frank kurz vor ihrem Tod.

„Sie weiß einen vorzüglich geschulten Alt von weiten Dimensionen, sprachlich klar durchgearbeitet, deklamatorisch reich beweglich, jedem Gebot des lyrischen Melos wie des dramatischen Pathos gefügig zu machen (...)“ – Was hier im Feulleton-Stil der damaligen Zeit für uns Heutige so gewöhnungsbedürftig geschwollen daherkommt, ist die äußerst positive Konzertkritik des Liederabends einer Stammheimerin am 1. Oktober 1931 in Tübingen: Die Rede ist von Elisa Keller. Gemeinsam mit dem Pianisten Hans Ziegler präsentierte sie im dortigen Silchersaal unter anderem Werke von Mahler, Hasse und Wolf. Im April desselben Jahres war sie mit ihrem Stuttgarter Chor, der „Holleschen Madrigal-Vereinigung“, bereits im Weißen Haus in Washington aufgetreten – eine Ehre, die Wolle Kriwanek, dem wohl bekanntesten Stammheimer unserer Tage, übrigens nicht zuteilwurde.

Elise Louise Pauline Drautz, wie die bekannte und wohl vor allem in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus bekannte und gefeierte Stammheimer „Konzertsängerin“ damals ja noch und mit vollem Namen hieß, wurde am 8. Oktober 1886 in Heilbronn geboren. Vater Rudolf war, so vermerkt es ihre Geburtsurkunde, Wagnermeister; Mutter Louise, geborene Vogelmann, „Familienfrau“, wie man das heutzutage neudeutsch nennen würde.

Am 10. August 1912 heiratete die 25-Jährige, zu diesem Zeitpunkt noch „ohne Beruf“, den gleichfalls aus Heilbronn stammenden „Hauptlehrer“ Richard Gustav Wilhelm Keller (1886 – 1972), den späteren Rektor der Stammheimer Grundschule. Dessen erste Stelle war die Schule im zur Gemeinde Ellrichshausen (bei Crailsheim) gehörenden Ortsteil Beeghof, wo die schließlich vierköpfige Familie in der dortigen Dienstwohnung lebte. Am 18. April 1917 wurde Tochter Waltraut geboren (verstorben am 10. Januar 2020, im Alter von biblischen 102 Jahren!), am 13. Februar 1920 Sohn Dieter (er starb bereits 1999 an Krebs).

„Das Wasser musste unten am Brunnen geholt werden“, erinnert sich Tochter Waltraut Lücke in ihrem selbst verfassten Lebenslauf an die Zeit im Beeghofer Schulhaus, „alles sehr umständlich und primitiv.“
Wohl noch vor 1924 übersiedelten die Kellers wie bereits erwähnt nach Stammheim, wo sie zunächst in der Lehrerwohnung in der Kornwestheimer Straße, danach im Haus in der Tuchbleiche lebten. Dazu noch einmal Tochter Waltraut, die später übrigens selbst Lehrerin werden sollte, kurz und bündig: „Gespielt mit den Bauernkindern der Nachbarschaft in den Höfen mit Miste.“

Ihre Karriere als Sängerin begann die Hausfrau und Mutter Elisa Keller erst „in den mittleren Lebensjahren“, wie es im erhaltenen Nachruf heißt, den der damalige Gemeindepfarrer Karl Frank am 24. Mai 1950 an ihrem Grab gehalten hat, „als sie die ersten Schritte auf dem Weg zur künstlerischen Reife gewagt hat. Sie ist ihren Weg mit seltener Hingabe bis zum Ende gegangen und hat ihr Ziel als Künstlerin erreicht! Wenn ihr auch eine harte, unbarmherzige Zeit ihre großen künstlerischen Leistungen nicht belohnt hat, so blieb ihr doch die Seligkeit des Künstlerhimmels nicht versagt. Er war ihr offen, so oft sie ihn aufsuchen wollte!“

Dies bedeutete vor allem eine Festanstellung als Altistin beim Süddeutschen Rundfunk („Reichs-Rundfunk“) sowie unzählige Auftritte als Solosängerin – auch in der Stammheimer Johanneskirche, zum Beispiel bei der Taufe von Enkel Hans-Ulrich im Jahr 1949. Dazu noch einmal Karl Frank: „Wer von uns könnte die Stunden edelsten Musikgenusses vergessen, die sie ihren Mitmenschen und ihrer hiesigen Heimat und weit darüber hinaus so freigiebig geschenkt hat. Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen Konzerte, in denen sie mit ihrer begnadeten Stimme ihren Zuhörern die schönsten Lieder und Arien unsrer großen deutschen Meister vermittelte und sie einen Blick tun ließ in jenes Reich der großen Kunst, das sie uns mit der ihr verliehenen Gottesgabe erschließen durfte.“

Doch zum Repertoire der Keller gehörten nicht nur Werke von J.S. Bach, Händel oder Schubert, sondern auch die Musical-Hits der Enddreißiger – vor allem die Lieder der äußerst populären und daher von den Nazis protegierten schwedischen Schauspielerin und Sängerin Zarah Leander (1907 - 1981), die sie sehr schätzte. Auf drei erhaltenen, von Enkel Hans-Ulrich Lücke digitalisierten, originalen Schallplattenaufnahmen ist die Ähnlichkeit der beiden Stimmen geradezu frappierend - nachzuhören auf der Website der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Stammheim.

Es sind dies die Stücke „Von der Puszta will ich träumen“ (aus dem Film „Der Blaufuchs“, 1938) beziehungsweise „Drei Sterne sah ich scheinen“ (aus dem Film „Heimat“, 1938). Aus demselben Jahr stammt „Rosen“ von Ludwig Schmidseder (aus seiner Operette „Melodie der Nacht“):

„Von der Puszta will ich träumen
bei Zigeuner-Musik.
Sehnsucht fühl ich im Geheimen,
denn dort wartet mein Glück.
Wo der braune Chicco singt,
wo vor Glut mein Herz zerspringt.
Von der Puszta will ich träumen,
wenn der Csárdás klingt.“

(Bruno Balz / Lothar Bruehne, 1938)

 

„Rosen, so brennend rot und rätselhaft,
Rosen, der Inbegriff der Leidenschaft,

Rosen, die Blumen meiner Liebe,

sie sprechen dir von mir (…)“

 

Elisa Keller, die Stammheimer Zarah Leander, starb in den frühen Morgenstunden des 21. Mai 1950 im Alter von nur 63 Jahren nach längerer schwerer Krankheit. Gut ein Vierteljahr zuvor war sie ein letztes Mal – wohl schon unter großen Schmerzen - in der Johanneskirche aufgetreten: „Unvergesslich wird es manchem von denen sein, die sie damals gehört hatten, wie innig tief, fast mit prophetischem Erschauern, sie uns das Bach’sche Stück sang ‚Komm, süßer Tod!‘ Klang es nicht schon damals schmerzlich klagend durch ihren Gesang hindurch ‚Höre die Stimme meines Flehens, wenn ich zu Dir rufe!‘“, so kommentiert dies der damalige Gemeindepfarrer Karl Frank. Den dieser Arie zugrunde liegenden Bibeltext aus Psalm 28 hatte die Verstorbene dann auch auf dem Sterbebett als Wort zu ihrem Abschied gewählt.

Über zwei Jahrzehnte habe sie ihre ganze Kraft mit ihrem lebhaften Temperament der Musik gewidmet und kurz vor ihrem Tod dem Seelsorger erklärt: „Wenn ich wieder gesund werde, will ich alles neu machen.“

Text: Pfarrer Thomas Mann
Bildnachweis: Nachlass Elisa Keller/Hans-Ulrich Lücke