Stuttgarter Schuldbekenntnis

Zum 75. Mal jährt sich 2020 nun das Stuttgarter Schuldbekenntnis. Darin bekennt erstmals die nach dem Zweiten Weltkrieg gebildete Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Mitschuld evangelischer Christinnen und Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Der geschäftsführende Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Markus-Haigst wirkt beim Gottesdienst anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des Stuttgarter Schuldbekenntnisses mit.

Vor 75 Jahren stand die Markuskirche im Brennpunkt der Bemühungen, die Evangelische Kirche in Deutschland zurück in die Gemeinschaft der anderen Kirchen zu führen. Neben manch mutigem Widerstand gegen das Nazi-Regime hatte es unter evangelischen Christinnen und Christen MitläuferINNEN und sogar TäterINNEN gegeben. Woran, das war die Frage nach dem Krieg, konnte man anknüpfen? 

Im August 1945 war es dem württembergischen Landesbischof Theophil Wurm gelungen, die deutschen evangelischen Kirchen zur „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKiD, später EKD) zu vereinigen. Am 17. Oktober im gleichen Jahr fand in der Markuskirche – als einziger unzerstörter Innenstadtkirche, die genügend Platz bot – ein Gottesdienst aus Anlass des ersten Treffens des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland statt. Wegweisend war die Predigt in diesem Gottesdienst, die Martin Niemöller hielt. Einen Tag später wurde das Stuttgarter Schuldbekenntnis, auch Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands genannt, verabschiedet. Mit ihr gestand die Kirche ihr Versagen im Dritten Reich ein. Erst dieses Eingeständnis öffnete dem deutschen Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg das Tor zur weltweiten ökumenischen Zusammenarbeit.

"Wir feiern dieses nachdenkenswerte Jubiläum am Ort des damaligen Geschehens und laden herzlich zum Festgottesdienst am Sonntag, 18. Oktober 2020 um 10 Uhr ein", so Dr. Tilo Knapp, geschäftsführender Pfarrer der Evangelischen Markus-Haigst-Kirchengemeinde. "Der Gottesdienst wird wie damals durch Gäste und Beteiligte aus der internationalen Ökumene geprägt. Im Anschluss an den Gottesdienst laden wir zu einem Empfang in der Markuskirche ein", so Knapp weiter.

Im Gottesdienst wirken mit: der geschäftsführende Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Priester Prof. Dr. Ioan Sauca, der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof Otfried July sowie Ehrenamtliche und Pfarrerinnen und Pfarrer der Markus-Haigst-Kirchengemeinde. Musikalisch sind Sänger des Hymnus-Knabenchors und Kantor Andreas Scheufler beteiligt.

Da die Plätze begrenzt sind, bitten wir zu diesem Gottesdienst um Anmeldung. Bitte geben Sie dabei Ihre Adresse an, damit etwaige Infektionsketten nachverfolgt werden können. Anmeldung telefonisch im geschäftsführenden Pfarramt Markus-Haigst (MO, DI, MI, FR 9:30 bis 11:30 Uhr und MO 16 bis 17:30 Uhr) unter 0711 606259 oder im Pfarramt der Haigstkirche (DI 13 bis 15 Uhr und DO 10 bis 12 Uhr) unter 0711 67477326 bzw. per E-Mail über das Gemeindesekretariat.

Text: Pfarrer Dr. Tilo Knapp

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18. / 19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Wir sind für diesen Besuch umso dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. 

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass er unsere Kirchen als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verkündigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk. 

Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude. 

Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!

Stuttgart, den 18. / 19. Okt. 1945