Trauerfeier "Unbedacht Verstorbene"

Die Stadt Stuttgart ordnet jedes Jahr rund 400 Bestattungen an. Das sind Menschen, die sich nicht um ihre Beerdigung kümmern konnten oder wollten oder deren Angehörige es abgelehnt haben, dies zu tun. Pfarrerin Eva Deimling bereitet diesen Verstorbenen eine würdevolle Trauerfeier.

6 Fragen an Pfarrerin Eva Deimling...

Pfarrerin Eva Deimling organisiert die Trauerfeier für "Unbedacht Verstorbene".

Pfarrerin Eva Deimling, persönliche Referentin von Stadtdekan Søren Schwesig, und ihr katholischer Kollege Anton Seeberger wollten das so nicht mehr hinnehmen und haben sich für eine ökumenische Sammeltrauerfeier für einsam verstorbene Kirchenmitglieder stark gemacht. Begleitet werden die beiden Pfarrer dabei vom "Chörle", einem Chor, der schon in der Vergangenheit zu solchen Anlässen sang, als es noch Einzelbestattungen mit Sarg gab. Doch mehr zum Trauerfeier-Projekt "Unbedacht Verstorbene" erzählt Pfarrerin Eva Deimling im Interview.

RED: Worum handelt es sich bei der Trauerfeier "Unbedacht Verstorbene"?

ED: Wenn ein Mensch stirbt, organisieren in der Regel die Angehörigen eine Trauerfeier. Bei einer kirchlichen Trauerfeier wird das Leben des Verstorbenen und das biblische Zeugnis von der Auferstehung von den Toten miteinander in Beziehung gesetzt. Mit Bitten, Klagen und Dank wird der Tote Gott anvertraut. Heutzutage sterben besonders in den Städten immer mehr Menschen einsam, ohne Angehörige, ohne dass noch jemand an sie denkt. Sie sind einfach weg und niemand nimmt davon Notiz. Dem wollen wir entgegenwirken und all derer gedenken, die Mitglied einer christlichen Kirche waren und für die es keine Trauerfeier gab.
Zur Würde des Menschen als Geschöpf Gottes gehört ein respektvoller Umgang mit den Verstorbenen. Deshalb wollen wir nun regelmäßig 4-5 Mal im Jahr zu einer Trauerfeier für „unbedacht Verstorbene“ einladen.

RED: Das ist eine sehr schöne und wahrlich würdevolle Geste, doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen einsam versterben?

ED: Es gibt besonders in Städten immer mehr betagte und hochbetagte Menschen, die keine Angehörigen mehr haben, niemand, der sich um sie kümmert. Wir hören immer wieder von Fällen, wo erst nach Tagen oder Wochen bemerkt wird, dass jemand tot in seiner Wohnung liegt. Auch gibt es eine steigende Zahl von Menschen, die auf der Straße leben, Obdachlose, die kein Zuhause haben. 

RED: Verstehe - mach doch mal ein Beispiel für eine solche Lebensgeschichte...

ED: Bei der ersten Trauerfeier für unbedacht Verstorbene verlasen wir die Namen von 12 Menschen, die zwischen 60 – 100 Jahre alt waren. Was hätte die hundertjährige Frau alles aus ihrem Leben berichten können! Leider wissen wir von ihr nichts, außer ihren Namen. Doch die Lebensgeschichte des Sechzigjährigen ist mir in Ausschnitten bekannt. Eine Bekannte von ihm rief mich an und erzählte mir, er sei obdachlos gewesen, habe in einer Unterkunft in Böblingen gelebt, wo sie sich um ihn gekümmert habe. Mit einer Krebserkrankung im Endstadium kam er ins Krankenhaus nach Stuttgart, wo sie ihn regelmäßig besucht hat. Um ihn zu trösten, sang sie ihm am Krankenbett bekannte Choräle vor wie „Befiehl du deine Wege“. Das christliche Liedgut war ihm vertraut, weil er in der Zeit, als er auf der Straße lebte, oft vor Kirchen saß und den Gemeindegesang aufmerksam verfolgte. Als er starb, wurde seine Urne anonym beigesetzt. Der Betreuerin war es nicht möglich, eine Trauerfeier für ihn zu organisieren. Sie nahm unser Angebot dankbar an, seinen Namen bei der Trauerfeier vorzulesen und seiner zu gedenken.

RED: Und was passiert formal von Seiten der Stadt?

ED: Das Amt für öffentliche Ordnung arbeitet bei einem solchen Sterbefall eng mit dem Städtischen Bestattungsdienst zusammen. Wird kein Angehöriger gefunden und niemand, der eine Trauerfeier organisiert, wird der Leichnam verbrannt und anonym beigesetzt. Dem wollten Pfarrer Seeberger und ich etwas entgegensetzen. In enger Abstimmung mit dem Friedhofsamt wird die Stadt nun die Urnen der Verstorbenen, die einer christlichen Kirche angehörten, sammeln und uns die Namen melden. 4-5 Mal im Jahr stellt die Stadt uns die Feierhalle im Waldfriedhof zur Verfügung, um eine würdevolle kirchliche Trauerfeier zu ermöglichen. Das ehrenamtliche „Bestattungs-Chörle“ begleitet die Feier mit Gesang. Für die gute Zusammenarbeit aller Akteure und Akteurinnen sind wir sehr dankbar. Die Urnen werden dann zu einem späteren Zeitpunkt anonym beigesetzt.

RED: Die erste Trauerfeier dieser Art fand bereits Ende Juli statt. Wie lief sie ab?

ED: Die Urnen der Verstorbenen waren in der Feierhalle aufgestellt. Sie wurden von Mitgliedern des „Chörles“ mit Blumen geschmückt. Nach einem Orgelvorspiel begrüßten Pfarrer Seeberger und ich die Anwesenden und führten in die Thematik ein. Es folgten Lesungen und Gesänge vom „Chörle“. Das Herzstück war die Verlesung der 12 Namen; bei jedem Namen wurde eine Kerze angezündet und in eine Sandschale gesteckt. Eine dreizehnte Kerze wurde für all diejenigen angezündet, deren Namen nicht genannt wurden. Das gemeinsame Vaterunser, der Segen und ein Orgelnachspiel schlossen die Feier ab. 

RED: Wirklich schön... doch was sagt man als PfarrerIN über einen Menschen, den irgendwie niemand kannte?

ED: Wir schöpfen aus der reichen Tradition unseres Glaubens und besinnen uns auf Bibelverse, z. B. auf Jesaja 43,1, wo Gott sagt: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Von daher können wir sagen: Wir kannten die Verstorbenen zwar nicht, doch hat Gott sie in der Taufe beim Namen genannt. Gott kannte sie, sie waren seine geliebten Geschöpfe. Bei Gott sind sie nicht vergessen und das ist Grund genug für uns, ihrer zu gedenken. Sie waren unsere Schwestern und Brüder im Glauben, mit denen wir auch über den Tod hinaus verbunden sind durch Jesus Christus, der Herr ist über die Lebenden und die Toten.

RED: Ein Projekt, das Hoffnung macht. Und die nächste öffentliche Trauerfeier "Einsam verstorben" in der Trauerhalle auf dem Waldfriedhof ist auch schon terminiert: Dienstag, 6. Oktober 2020 um 10 Uhr, wieder mit dem Chörle und allen, die Gemeinde sein möchten für Menschen, auch wenn sie sie nicht kannten, die aber dennoch ihre "Schwestern und Brüder" waren.

Erste Trauerfeier "Unbedacht Verstorbene"

Bilder: Max Kovalenko/Lichtgut