Vaterunser - Teil 1

Wer nicht weiß, was oder wie er beten soll, der betet das Vaterunser. Das geht einfach immer und jeder kann dieses Gebet seit Kindertagen auswendig. Wir haben es in der Hochphase des Coronavirusausbruchs immer zum Abendläuten um 19:30 Uhr in ganz Stuttgart gebetet. Doch was steckt hinter diesem weltumspannenden Gebet?

Das Vaterunser ist ein weltumspannendes Gebet.

„Das Vaterunser – ein Gebet umspannt die Welt." So war das Seminar der Evangelischen Kirchengemeinde Degerloch überschrieben, an dem ich teilnahm.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht. Bei dem Beten des Vaterunsers im Gottesdienst und anderen Veranstaltungen bin ich beim routiniert auswendig gesprochenen Gebet schnell mit den Gedanken woanders. Vielleicht helfen die folgenden Ausführungen, sich bewusster zu konzentrieren.

Der Zusammenhang

In der Bergpredigt spricht Jesus unter anderem über den Missbrauch von Frömmigkeitsformen. Auch das Gebet kann man missbrauchen, zum Beispiel durch öffentliches Schaubeten oder Geschwätzigkeit. Diesem Missbrauch hält Jesu das Vaterunser entgegen. „Darum sollt ihr so beten“ „So“ heißt in diesem Fall: Nehmt euch das Vaterunser als Vorbild, als Modellgebet, als Hinweis, was beim Gebet wichtig ist. Also im Sinne von „Wie sollen wir beten?“, der Frage der Jünger auf ihrem Weg mit Jesus.

Das Vaterunser als jüdisches Gebet
Das Vaterunser hat jüdische Wurzeln und finden sich im Hauptgebet des jüdischen Gottesdienstes wieder. Jesu Gebet ist genährt vom jüdischen Beten seiner Zeit. Es ist ein jüdisches Gebet. Aber jede Bitte des Vaterunsers hat Bezug zu Jesus und zu seiner Botschaft. Es ist darum auch ein christliches Gebet.

Der Aufbau des Vaterunsers
Es ist gegliedert in drei Du-Bitten und drei Wir-Bitten. Die Du-Bitten sind:

  • Dein Name werde geheiligt.
  • Dein Reich komme.
  • Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.


Die Wir-Bitten sind länger und zweiteilig:

  • Unser tägliches Brot gib uns heute.
  • Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
  • Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.


An dieser Stelle füge ich die Übertragung der „Guten Nachricht Bibel“ aus Matthäus 6, 9-13 ein, die für mich eine Art Auslegung von Luthers Formulierung ist:

Bei den Du-Bitten:
Mach deinen Namen groß in der Welt. Komm und richte deine Herrschaft auf.
Verschaff deinem Willen Geltung auf der Erde genauso wie im Himmel.

Bei den Wir-Bitten:
Gib uns, was wir heute zum Leben brauchen. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir allen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind. Lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden, sondern rette uns aus der Gewalt des Bösen.

Die Anrede des Vaterunsers
Die Anrede „Vater“ ist für viele Menschen schwierig. Sie will aber nicht von unseren Erfahrungen mit unseren Vätern her gedeutet werden. Gottes Vatersein ist nicht nach unseren Erfahrungen zu bestimmen. Es ist das „Urbild“, an dem alle menschlichen Väter gemessen werden sollen. In dem aramäischen Wort „Abba“ hören wir das vollste Vertrauen eines Kindes heraus: „Lieber Papa“ sozusagen - auch wenn der Weg schwerfällt. „Unser“ ist gegen alle Einsamkeit gerichtet. Diesem Gott vertrauen wir uns an, wenn wir sagen. „Vater unser“! Mehr Vertrauen geht nicht! „Im Himmel“ macht den Abstand zu Gott deutlich und die Ehrfurcht vor dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

Text: Klaus-Dieter Ullrich