Vaterunser - Teil 2

"Lasst uns beten, wie es der Herr uns gelehrt hat!" "Vaterunser im Himmel...". Auch in Teil II geht Klaus-Dieter Ullrich Zeile für Zeile entlang und entschlüsselt Wort für Wort, wie er es in einem Seminar in der Evangelischen Kirchengemeinde Degerloch gelernt hat.

Das Vaterunser ist ein weltumspannendes Gebet.

Im ersten Teil des Vaterunsers - ein Gebet, das die Welt umspannt - wurde bereits die erste Du-Bitte („Dein Name werde geheiligt“) thematisiert. Nun folgt die zweite Du-Bitte:

Dein Reich komme

„Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet“, so schreibt Martin Luther in seinem kleinen Katechismus, „aber wir bitten im Vaterunser, dass es auch zu uns komme. Wie geschieht das? Dass wir Gottes Wort glauben und danach leben“. Gottes Reich zeigt sich also darin, dass Menschen an Jesus Christus glauben und danach handeln. Wo aus diesem Glauben gehandelt wird, ist das Reich Gottes.

Im Griechischen steht das Wort „basileia“. Es meint nicht ein Territorium, sondern eine Tätigkeit: die Ausübung seiner Herrschaft. Wir bitten also Gott um die Ausübung seiner Macht, dass angesichts des Leids in der Welt aller Unfriede in der Menschheit zur Ruhe kommt. Die sehnsuchtsvolle Bitte „Dein Reich komme“ ruft nach Gott. Sie zeigt Vertrauen, dass Gott uns gegenüber nicht gleichgültig ist. 

Jesus lehrt uns diese Bitte beten. Seine Wirksamkeit bestand vor allem in der Verkündigung der frohen Botschaft vom Reich Gottes. Er nimmt aus der endzeitlichen Erwartung des Judentums den Begriff der Gottesherrschaft auf.

Jesus widerspricht mit dieser Ankündigung den politischen und religiösen Aktivitäten seiner Zeit: den Zeloten und ihrer Gewalt gegen die römische Besatzung und ebenso der Hoffnung der Pharisäer, dass mit Frömmigkeit und streng befolgten Gesetzesgehorsam, die göttlichen Verheißungen erfüllt werden könnten.

Nach dem Theologen Helmut Gollwitzer wird die Sprengkraft der Bitte um das Reich Gottes durch drei Tendenzen gedämpft: Individualisierung – der Glaube wird eng auf den einzelnen Menschen begrenzt. Spiritualisierung – der Glaube wird zur rein innerlichen Angelegenheit ohne soziale Dimension. „Verjenseitigung“ - der Glaube wird ein Jenseits verschoben, das den Menschen nach diesem Leben erwartet. 

Jesus würde heute sicherlich diesen Tendenzen ebenso widersprechen wie den politischen und religiösen Aktivitäten seiner Zeit.