Was macht eigentlich der Hymnus?

Seit Monaten fallen die großen Konzerte aus. An Konzertreisen war bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben in 2020 erst gar nicht zu denken. Zeit genug für deren Chorleiter, Rainer Johannes Homburg, sich den Fragen von Pfarrer Florian Link, Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart Nord, zu stellen.

Der neue geschäftsführende Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart Nord: Pfarrer Florian Link

Rainer Johannes Homburg, geboren in Gelsenkirchen, aufgewachsen in Brasilien und im Ruhrgebiet, Studium in Köln und Detmold, von 1992 bis 2010 Landeskantor in Lippe, ist seit 2010 Leiter der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben.

Pfarrer Florian Link, der neue geschäftsführende Pfarrer der Nordgemeinde, hat in seiner ersten Ausgabe des Gemeindebriefs die Gelegenheit genutzt, den Chorleiter des Hymnus, Rainer Johannes Homburg, zu  interviewen. Anlass dafür war zum einen die nachbarschaftliche Zusammenarbeit, das Interesse an der musikalischen und pädagogischen Arbeit des Knabenchors, zum anderen aber auch der derzeitige Corona-bedingte Mangel an kulturellen Angeboten.

FL: Wie viele Jungen in welchem Alter gehören zum Hymnus?

RJH: Der HYMNUS hat derzeit etwa 200 Sänger im Alter zwischen 5 und 29 Jahren. Die Jungs zwischen 5 und 9 sind in der Ausbildung. Dann werden sie im Erfolgsfall Mitglieder des Konzertchores. Nach dem Stimmwechsel singen die meisten im Männerchor weiter.

FL: Wie sieht derzeit die Probenarbeit aus?

RJH: Der Chor ist in zahlreiche Einzelgruppen unterteilt. Nach Bund- und Länderbeschluss vom 5. Januar 2021 dürfen im Chorheim an der Birkenwaldstraße  auch im Januar 2021 keine Präsenzveranstaltungen stattfinden. Bis auf Weiteres wird die Chorarbeit daher auf virtuellen Unterricht umgestellt. Die besondere Aufgabe des Chorleiters ist es, hier die Übersicht zu behalten und mit den einzelnen Gruppen so zu arbeiten, dass ihr Puzzle immer ein Ganzes ergibt.

FL: Was macht Ihnen Freude an Ihrer Tätigkeit? Was sind Ihre Herzensanliegen?

Der Hymnus besteht aus jungen, begabten Menschen, die sehr viel Einsatz zeigen. Hier den Zusammenhang zwischen Theologie und Musik zu vermitteln und letztlich zu Klang werden zu lassen, das ist mein Herzensanliegen. Wir haben uns einen Fünfschritt gegeben, nach dem die Sänger im Chor ausgebildet werden: Begabung - Förderung - Herausforderung - Können - Gemeinschaft.

FL: Welche Entwicklung hat der Hymnus unter Ihrer Führung genommen?

RJH: Kurz nach meinem Amtsantritt 2010 habe ich das Probentableau des Chores umgestellt. Die Proben wurden länger, die Gruppen kleiner. Ziel war und ist die optimale und intensive Förderung des Einzelnen. Dabei steht neben den rein musikalischen Fähigkeiten auch die Persönlichkeit des Sängers im Fokus. Ein kluger Mensch, der sein eigenes Urteil fällt und sich dabei in einer Gemeinschaft bewegen kann und weiß, wo er sich zurücknehmen muss, das wäre der ideale Hymnusianer, gefördert im Geist evangelischer Theologie. Alles, was wir im Hymnus wollen, sei es musikalisch, sei es im Bereich Persönlichkeitsbildung, setzen wir dabei nicht voraus. Im Gegenteil ist es unser Ziel, das dazu Notwendige zu vermitteln.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Konsolidierung der Nachwuchsarbeit gewesen. Dazu habe ich ein Netzwerk von Schulkontakten entwickelt. Die neu dazukommende Gruppe der Hymnus-Minis reagierte auf eine Initiative von Eltern des Birkenwaldkindergartens.
Die größte und dynamischste Neuerung reagiert auf Ganztagsschule und G8. Seit September 2019 gibt es die "vertiefte Ausbildung", auch "Hymnus+" genannt, die besonders engagierten Sängern die Möglichkeit gibt, sich solistisch ausbilden zu lassen und dazu tiefe Einblicke in Musiktheorie zu nehmen, aber auch eine dirigentische Ausbildung zu erhalten. Dieser inzwischen etwa 20 Sänger umfassende Arbeitszweig geht einher mit dem Angebot des Offenen Chorheims, das sich an alle Sänger wendet. Dieses wird von unserem neuen pädagogischen Mitarbeiter Armin Burkhardt verantwortet. Die Partnerschulen dieses Projektes sind das EBELU, das Heidehof-Gymnasium, die Jahn-Realschule und die Johannes-Brenz-Schule. Im neuen Jahr hoffe ich, weitere schulische Partner zu gewinnen.

FL: Worauf freuen Sie sich besonders nach der Corona-Zeit?

RJH: Ich freue mich darauf, den HYMNUS wieder nach künstlerischen und inhaltlichen Kriterien ausrichten zu können. Einfach wieder auf Menschen zuzugehen und nicht ständig denken zu müssen: Wie kann ich Ansteckungen verhindern? Für die Chorarbeit bedeutet dies, die Nachwuchsgewinnung wieder zu starten, mit vielen Menschen zu proben und in großen Aufführungen auch konzertant die großen Werke der Kirchenmusik vor die Leute zu bringen.
Wir haben in der Zeit der Pandemie aber auch Dinge neu entwickelt oder wiedergewonnen, vor allem eine große Intensität der Befähigung des einzelnen Sängers und viel Raum für Gottesdienstpraxis. Beides sollte nicht wieder verloren gehen.

FL: Wie möchten Sie die Chorarbeit weiterentwickeln?

RJH: Das Ziel der Arbeit ist und bleibt die intensive Befähigung des Einzelnen, musikalisch wie persönlich. Der Chor fungiert dazu als musikalische und menschliche Heimat, in der auch lebhafte theologische Debatten stattfinden können und sollen. Darüber hinaus setzte ich auf eine intensive Vernetzung des Chores in Kirche, Gesellschaft und Musikwelt.

FL: Was wünschen Sie sich von der Kirche im Allgemeinen und von uns, der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart Nord, im Besonderen?

RJH: Von der Kirche im Allgemeinen wünsche ich mir, dass sie die Chance stärker wahrnimmt, positiv von Kunst und Evangelium beeindruckte Menschen auch in ihrer Entwicklung nach dem Schulabschluss für sich einzunehmen. Ein wichtiger Punkt ist hier, dass die Evangelische Kirche den HYMNUS als ihr Ureigenstes nicht nur sieht, sondern ihn auch entsprechend einbindet. Im Bereich des Kirchenkreises sind wir da gut unterwegs, im Bereich der Landeskirche ist sicher noch mehr möglich.
Die Nordgemeinde im Besonderen ist unser räumliches Zuhause. Die traditionell hervorragende Zusammenarbeit kann sicher an der einen oder anderen Stelle intensiviert werden. Da sollten wir im Gespräch bleiben!

FL: Auf jeden Fall! Und zum Schluss: Welchen Wunsch haben Sie für unsere LeserINNEN?

RJH: Den Leserinnen und Lesern wünsche ich von Herzen, dass sie sicher und unbeschadet durch die Pandemie kommen. Ich hoffe sehr, dass wir als Gesellschaft dieses Problem bald vollständig lösen können. Neben den medizinischen hat es ja eine Menge psycho-sozialer Komponenten, die mir Sorgen machen, weil sie in der aktuellen Diskussion zu kurz kommen.

FL: Dem kann ich mich nur anschließen - haben Sie herzlichen Dank für das Interview.