Pfarrer Wilhelm Kautter zieht´s nach Leipzig

Wenn im August der Umzugswagen vor dem Pfarramt in Stuttgart-Hedelfingen vorfährt, dann ist es so weit: Pfarrer Wilhelm Kautter und seine Frau sagen ihrer Kirchengemeinde "Ade" und packen die Umzugskisten für ihre neue Wahlheimat Leibzig in den Lkw. "Auf Wiedersehen" im doppelten Sinne, denn Pfarrer Kautter verabschiedet sich in den Ruhestand und mit ihm geht auch - zumindest auf unbestimmte Zeit - nach 800 Jahren der letzte Pfarrer aus Hedelfingen weg.

Pfarrer Wilhelm Kautter verabschiedet sich in den Ruhestand nach Leipzig.

Doch erst mal schön der Reihe nach... Bevor es ans Kistenpacken geht und die Pfarramtstür endgültig zugezogen wird, hat sich Pfarrer Wilhelm Kautter noch Zeit für ein ausführliches Interview mit unserer Redaktion genommen.

RED: Lieber Herr Kautter, der Ruhestand steht vor der Pfarramtstür. Ein "ungebetener Gast", der plötzlich auftaucht oder hatten Sie schon länger mit diesem Besuch gerechnet, sprich Ihren Ruhestand geplant?

WK: Liebe Frau Hempel, "diesen Besuch" habe ich selbst eingeladen: Als es vor etwa 8 Jahren das „Sonderangebot“ für Pfarrer gab, mit 60 Jahren in den Ruhestand zu gehen, das ursprünglich auch noch für meinen (1956) und spätere Jahrgänge hätte gelten sollen, aber sofort „vergriffen“ war, machte ich mir erstmals Gedanken über den Zeitpunkt und Ort meines Ruhestands.
Bald stand fest, dass wir in die Nähe unseres Sohnes und Familie, die in Dresden leben, ziehen wollen – und dass es bei diesem großen Schritt sinnvoll ist, nicht bis zum Alter von fast 66 Jahren zu warten.

RED: Okay, ein doppeltes Schnäppchen sozusagen wie es sich für einen Schwaben gehört. Doch bevor "Schluss mit Stuttgart" ist, blicken wir mal noch auf das Ende Ihrer Amtszeit im "Ländle". Dazu gehört auch traditionell ein "Feschdle". Erzählen Sie mal...

WK:
Da ich – den Resturlaub abgezogen – bis Mitte August, mitten in den Ferien, arbeiten werde, hat sich als Verabschiedungstermin das Sommerfest der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Hedelfingen am 14. Juli 2019 angeboten. Um 10 Uhr feiern wir einen Gottesdienst mit viel Musik mit dem Kreuzchor. Im Mittelpunkt stehen das Lied „Geh aus, mein Herz“ und das Thema: Der Mensch – wie ein Baum.
Anschließend gibt es Grußworte, alkoholfreie Cocktails des Freundeskreises Suchtkrankenhilfe und Musik von Flötenkreis und Posaunenchor. Dann ist Zeit zum Mittagessen mit Maultaschen – alle sind eingeladen.
Es gibt auch ein Kinderprogramm und Verkaufsstände vom Weltlädle Wangen und des Freundeskreises Flüchtlinge. Um 14.30 Uhr schließt das Kinder-Musical „König Drosselbart“ das Sommerfest ab.

RED: Doch bevor es so weit ist, gibt es ja für Sie noch einiges „zom Schaffa“… Sie sind gerade mit Ihrem Cannstatter Pfarrkollegen Olaf Creß Dekanstellvertreter, da sich Dekan Schultz-Berg einem Kontaktstudium widmet. Was für neue Erfahrungen nehmen Sie da kurz vor knapp, sprich vor dem Eintritt in den Ruhestand, noch mit?

WK: Neue Erfahrungen sind es in der Dekans-Stellvertretung ja nicht, da ich dieses Amt schon lange
innehabe und sowohl kurzfristige, längere Krankheitszeiten des vorigen Dekans als auch die Vakatur nach dessen Zuruhesetzung zu vertreten hatte, damals ohne zweiten Dekans-Stellvertreter. Damit ist die derzeitige, gut geplante Vertretung im Team mit Pfarrer Olaf Cress und Schuldekan Dr. Uwe Böhm gar nicht zu vergleichen!

RED: Und auch in Ihrer angestammten Heimatgemeinde Stuttgart-Hedelfingen wird sich mit Ihrem Weggang ja einiges ändern… Nach 800 Jahren gibt es dort dann keinen Pfarrer mehr. Was sagt man dazu?

WK:
Da ich durch die Aufgaben im Kirchenkreis Entwicklungen und Planungen betreffend auf dem Laufenden war und mein Wissen und meine Einschätzungen diesbezüglich auch immer in unsere örtlichen Gremien einbrachte, wussten die Verantwortlichen in der Kirchengemeinde S-Hedelfingen, was auf die Kirchengemeinde zukommt.
Das ändert natürlich nichts an dem Schmerz, dass Hedelfingen nun, zumindest in den nächsten Jahren, keine/n PfarrerIN im Pfarrhaus vor Ort hat - bis vor 12 Jahren waren es noch fast 100 Jahre lang zwei Pfarrer, zuletzt auf der 2. Pfarrstelle eine Pfarrerin. Wo bei der nächsten Pfarrplan-Runde 2030 nach weiteren Kürzungen das „Haupt-Pfarramt“ sein wird, weiß man ja noch nicht – es könnte durchaus wieder in Hedelfingen sein.
Bewusst habe ich schon vor anderthalb Jahren meinen geplanten Ruhestandstermin in beiden Gemeinden, Hedelfingen und Rohracker, bekanntgegeben, so dass ab da konkret geplant werden konnte. Das, was vorbereitet werden konnte, ist vorbereitet: Gottesdienstplan (Hedelfingen und Rohracker / Frauenkopf ab August abwechselnd), Besuchsdienst, Seelsorge und Besuche im Emma-Reichle-Heim (in Zukunft durch Pfarramt S-Wangen), Planung einer kleinen Gesamtkirchengemeinde Hedelfingen-Rohracker-Frauenkopf ab 2021, gemeinsame Homepage und Gemeindebrief für beide Gemeinden ab sofort usw.

RED: Das klingt noch einem Plan. Nun, kommen wird doch nochmals auf Ihre Verabschiedung zurück, falls der eine oder andere Gast erst nach den Reden kommt, die ja immer ein bisschen Rückschau halten. Erzählen Sie doch mal so die Highlights aus Ihrem Pfarrerdasein…

WK:
Mein Vikariat in Kornwestheim, das damals das Modell eines Teampfarramtes hatte, gab mir wichtige Impulse: Teamarbeit, kirchliche Sozialarbeit mit sogenannten „Randgruppen“ (dort lernte ich meine Frau kennen, die Diakonin ist), eine  Basisgemeinde, die mit einem Pfarrer und einer Diakonin nach Norddeutschland zog (da durfte und wollte ich manche Lücken ausfüllen), Dorf und Stadt (kurioserweise war ich an der Dorfkirche der Stadtvikar, weil der geschäftsführende Pfarrer, mein Ausbildungspfarrer, an der Dorfkirche wirkte), das Miteinander von verschiedensten religiösen und kirchlichen Prägungen.
So war ich für meine erste selbständige Pfarrstelle in Heilbronn-Neckargartach, dort die zweite Pfarrstelle im Siedlungsgebiet Sachsenäcker, gut gerüstet (1985 bis 1995). Mir lag immer daran, zu schauen, was vor Ort gebraucht wird. In Neckargartach waren das offene Jugendarbeit, viele Besuche, sakralere Gestaltung des Gottesdienstraums, offenes Pfarrhaus, Interesse an den Spätaussiedlern aus Rumänien und der (später ehemaligen) Sowjetunion und ihrer Geschichte, Öffnung des Gemeindehauses über die Kerngemeinde hinaus; über Gemeinde und Stadtteil hinaus schaute ich in der Förderschule, im Freundeskreis Flüchtlinge, im Arbeitskreis Mission und Ökumene, im Kontakt zur Partnergemeinde in Thüringen (dies auch wieder in S-Hedelfingen).
In Stuttgart-Hedelfingen (seit 1995) waren meine Schwerpunkte als geschäftsführender Pfarrer neben den nicht wenigen Verwaltungsaufgaben und allem, was schon gut und selbständig lief, die Unterstützung der 1995 neuen Distrikt-Kirchenmusik, die Förderung neuer Ideen von Mitarbeitenden (thematischer Gottesdienst, Spazierweg-Gottesdienst, Offener Mittagstisch usw.), der Kontakt zu den Gemeinden anderer Sprache und Herkunft (niederländische Gemeinde und ghanaische Gemeinde) und zur Selbsthilfegruppe, Seelsorge und Sitzwachengruppe im Emma-Reichle-Heim und Entwickeln einer neuen Andachtsform dort, Vorsitz im Krankenpflegeverein und Kontakt zur Diakoniestation, Öffnung der beiden Kirchen über das Innerkirchliche hinaus (regelmäßige Öffnungszeiten und Führungen durch Kirchenwächter, Konzerte örtlicher Vereine, nicht-kirchliche Trauerfeiern usw.) – besonders auch der Kreuzkirche, der  „Bauhaus-Kirche“, Begleitung der Umstellung der Kinder- und Jugendarbeit von wöchentlichen Gruppen auf Projekte, Religionsunterricht an der Werkrealschule, ehrlicher Umgang mit der Zukunftsfähigkeit der Immobilien (Verkauf des Gemeindehauses „Jugendhaus“) und noch einiges mehr.
Über die Gemeinde hinaus war ich in Gremien des Kirchenbezirks und diakonischen Gremien tätig, seit 2007 Dekanstellvertreter.
 
RED: Das klingt nach "viel gschafft" - doch falls Sie glaubten, Sie wären nun wirklich im Ruhestand, was wird wohl Neues kommen und werden Sie weiterhin als Pfarrer für Hochzeiten, Taufen usw. "im Dienste des Herrn unterwegs sein"?

KW: Wie schon oben gesagt, steht ein Ortswechsel vor uns: Wir werden im August nach Leipzig ziehen, näher bei Sohn, Schwiegertochter und ein Jahr altem Enkel, die zurzeit (noch) in Dresden leben. Meine Frau wird in Leipzig noch eine Zeit lang arbeiten und ich möchte mir zunächst Zeit lassen, um zu überlegen, wo ich mich außer im familiären Bereich engagieren werde. Ein Infozentrum zur Stadterneuerung ist nah, an der längsten Magistrale Leipzigs, der Georg-Schumann-Straße; Kirchen und Angebote von Kirchengemeinden und Diakonie gibt es in nächster Nähe, sogar eine „Bauhaus-Kirche“, die Versöhnungskirche, ist nicht weit.

RED: Wie wunderbar und so viel Neues und doch wieder Altbekanntes - dafür wünschen wir Ihnen und Ihrer Familie alles erdenklich Gute! Und: Die Schwaben und die Sachsen haben mehr gemeinsam, als man denkt.