Wofür ist mein Opfer?

"Das heutige Opfer ist für xy bestimmt." Dieser Satz fällt so oder so ähnlich immer am Ende eines Gottesdienstes. An Weihnachten weiß man, dass das Opfer immer an Brot für die Welt geht. Aber woher kommen diese anderen Förderprojekte, für die im Laufe eines Jahres um ein Opfer gebeten wird?

6 Fragen an Kirchenpflegerin Sonja Schürle...

Kirchenpflegerin Sonja Schürle entscheidet bei der Projektauswahl für die diakonisch-missonarische Förderliste mit

Einige der Opfersammlungen stammen von der diakonisch-missionarischen Förderliste, die jedes Jahr von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart neu aufgestellt wird. Wie das genau funktioniert, also welches Projekt es auf diese Förderliste schafft und wer wen zum Spenden aufruft, weiß die Kirchenpflegerin der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart Sonja Schürle

RED: Der HuFA, also der Haushalts- und Finanzausschuss, der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart beschäftigt sich nicht nur mit der allgemeinen Finanzlage, dem Unterhalt von Kirchen, Kindergärten usw., sondern denkt auch über Opferempfehlungen an die einzelnen Kirchengemeinden nach. Warum ist das so?

SSCH: Neben der finanziellen Förderung unserer im Haushalt veranschlagten Aufgabenfelder möchten wir auch einen Beitrag leisten zu weiteren wichtigen Projekten in der Stadt Stuttgart. Im Rahmen unserer Gottesdienste haben wir die Möglichkeit, über die Opferempfehlungen hier auch nicht kirchengemeindliche Projekte zu fördern und zu unterstützen. Aus diesem Grund gibt es die diakonisch-missionarische Förderliste, der die sogenannte Opferprojektliste vorangegangen ist – also eine solidarische Tradition innerhalb unserer Gesamtkirchengemeinde, die wir seit vielen vielen Jahren pflegen.

RED: Wem wird denn hier genau was empfohlen?

SSCH: Die Entscheidung über die Opferempfehlungen trifft der Haupt- und Finanzausschuss. Das ist das zuständige Gremium in der Gesamtkirchengemeinde. Die Empfehlungen gehen an unsere Kirchengemeinden. Diese sind gebeten, die empfohlenen Opfer in ihren Gottesdiensten vorzusehen.

RED: Und wie schafft es ein Projekt auf diese diakonisch-missionarische Förderliste?

SSCH: Der Haupt- und Finanzausschuss überlegt und sammelt jährlich Ideen für passende Opferempfehlungen. Der Fokus liegt auf wesentlichen Arbeitsfeldern in unserer Stadtgesellschaft, die einer Unterstützung bedürfen und nicht im Haushalt der Gesamtgemeinde abgedeckt sind. Es werden vom Ausschuss jährlich drei Projekte vorgeschlagen. Jedes Projekt soll grundsätzlich maximal zweimal hintereinander auf die Liste - einige Jahre später kann es dann erneut genannt werden. Die diakonisch-missionarische Förderliste ist ein solidarischer Beitrag aller unserer Kirchengemeinden für weitere wichtige Arbeitsfelder mit diakonisch-missionarischem Hintergrund in unserer Stadt.

RED: Schauen wir uns diese Förderliste doch mal konkret für das Jahr 2020 an. Das erste Projekt, für das um ein Opfer während des Sonntagsgottesdienstes gebeten werden könnte, ist ein Flüchtlingsprojekt der Evangelischen Kirche in Marokko (EEAM - Église Évangélique au Maroc). Erzählen Sie mal…

SSCH: Ja richtig, mit der Evangelischen Kirche in Marokko verbindet uns bereits eine internationale Partnerschaft. Die EEAM kümmert sich um afrikanische Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa in Marokko hängenbleiben. Sie leistet Erste Hilfe, bietet Kurzzeit-Ausbildungen an, organisiert Müttern mit Kindern eine Unterkunft und sorgt sich um die steigende Zahl unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge. Rückkehrwillige werden beraten und unterstützt. Hier wollen wir zur Hälfte die diakonische Notfallhilfe vor Ort und zur anderen Hälfte die Renovierung eines kirchlichen Gebäudes in der Grenzstadt Oujda, wo viele Flüchtlinge ankommen, unterstützen.

RED: Weiterhin steht das HoffnungsHaus in Stuttgart auf der diakonisch-missionarischen Förderliste. Warum hierfür?

SSCH: „Bei euch ist es immer so hell, wo wir wohnen, ist es so dunkel. Ich komme gerne hierher – hier ist eine gute Stimmung.“ So die Aussage einer Besucherin des HoffnungsHauses. Das HoffnungsHaus öffnet mehrmals in der Woche seine Türen für die Prostituierten des Stuttgarter Rotlichtviertels, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen teilweise katastrophal und menschenunwürdig sind. Aus einer ehemaligen Animierbar im Erdgeschoss ist ein gemütliches Begegnungscafé entstanden, das viele Prostituierte wie ein „erweitertes Wohnzimmer“ empfinden. Sie finden hier einen Rückzugsort, an dem ihnen durch geschultes Personal eine Perspektive sowie Würde und Anerkennung vermittelt wird. Hier dürfen sie einfach Mensch sein, frei von allen äußeren Erwartungen. In einem nächsten Schritt soll für die oftmals hochtraumatisierten Frauen eine Traumaberatung angeboten werden.

RED: Projekt Nummer 3 ist unser eigenes Beratungsangebot im Internet nethelp4u, das vom Evangelischen Jugendpfarramt Stuttgart und der Evangelischen Jugend Stuttgart getragen wird. Was machen die genau?

SSCH: nethelp4u richtet sich an Jugendliche, die in eine Krise geraten sind. Sie können sich anonym über eine geschützte Plattform im Internet an nethelp4u wenden und bekommen Hilfe und Beratung durch geschulte jugendliche PeerberaterINNEN. Diese niederschwellige Hilfe ist nachgefragt, denn pro Jahr laufen fast 3.000 Mails zwischen den etwa 20 Peers, die alle ehrenamtlich arbeiten, und den ca. 300 jungen Menschen, die sich an nethelp4u wenden hin und her. Um diese Arbeit auch weiter finanzieren zu können, ist nethelp4u auf Spenden angewiesen.

RED: Drei tolle Projekte, für die es sich lohnt, ein Opfer zu geben und die etwas in und um Stuttgart bewegen können - vielen Dank, liebe Frau Schürle.