Zurück in die Zukunft?

Unsere Brenzkirche: Zurück in die Zukunft? So ist der neue Flyer des Fördervereins Brenzkirche Stuttgart e. V. übertitelt. Darin wird in Stationen die wunderbare Entstehungsgeschichte über die tragische Arisierung bis hin zur Frage "Quo vadis Brenzkirche?" aufgezeigt.

Andreas Keller macht sich für den Förderverein Brenzkirche Stuttgart e. V. stark

Andreas Keller, 1. Vorsitzender des Fördervereins Brenzkirche Stuttgart e. V. und in und um Stuttgart für seine Foto-Kunst, allem voran seinen Fotografierarbeiten von Kirchengebäuden bekannt, macht sich für die bauliche als auch räumliche Neugestaltung der Brenzkirche auf dem Killesberg stark.
"Zurück ins Bauhaus-Gestern? Nein. Voraus ins Futuristische? Nein."
Diese Fragen werden im aktuellen Flyer über die Brenzkirche gestellt. Stellt sich die Frage "Was dann?" und die haben wir aus der Redaktion einfach mal direkt an Andreas Keller weitergegeben. 

RED: Gehen wir zur Geburtsstunde der Brenzkirche zurück. Im vergangenen Jahr haben wir „100 Bauhaus“ (1919 -33) gefeiert. In diese Zeit fällt auch der Bau der Brenzkirche. Erzählen Sie mal….

AK: Stuttgart wuchs rasant in den 1920er Jahren. Dies zeigte sich auch an 15 Kirchen-Neubauten zwischen 1920 und 1933. Für die Protestanten entstehen die Andreäkirche in Bad Cannstatt, die Waldkirche, die Andreaskirche in Obertürkheim, die Kreuzkirche in Hedelfingen, die Thomaskirche in Kaltental,  die Kreuzkirche in Heslach, die Brenzkirche und die Martin-Luther-Kirche in Sillenbuch. Für die Katholiken: Herz-Jesu Gaisburg, St. Fidelis, Christkönigskirche Vaihingen, Mariä Himmelfahrt Degerloch, St. Georg, St. Antonius Kaltental und St. Clemens Botnang.
Damals war die heutige „Nordgemeinde“ noch unterteilt in Martins- und Erlösergemeinde; für die rasch wachsende Bewohnerzahl auf dem bzw. um den Killesberg gab es nur ein Provisorium in der Kunstgewerbeschule. Diesem Notbehelf sollte durch eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche Abhilfe geschaffen werden . Dem Wunsch der Gemeindemitglieder, der neuen Kirche einen Ortsbezug im Namen zu geben - „Weißenhofkirche“ wurde von der Gesamtkirchengemeinde Stuttgarts nicht stattgegeben - stattdessen wollte man Johannes Brenz würdigen.
Aus einem 1930 ausgelobten Wettbewerb ging Alfred Daiber als Sieger mit einem Entwurf hervor, der der „Neuen Sachlichkeit“ streng verpflichtet war und damit in direkten Dialog zur Weißenhofsiedlung trat. Nach einigen Revisionen wurde die Kirche nach seinen Plänen gebaut und im April 1933 geweiht. Ungewöhnlich für eine Kirche und von Anfang an auch heftig umstritten war Daibers Entwurf mit einem Kirchsaal im Obergeschoß, einem Flachdach, einer „runden“ Ecke, einem offenen Glockenstuhl und den Treppenaufgang abbildendem Trapezfenster.

RED: Doch aus der einstigen Kirche im Stil der neuen Sachlichkeit am Rande des Killesbergs wurde eine „Guck-weg-Kirche“ wie Sie es nennen. Was war passiert?

AK: OB Strölin gelang es, die Reichsgartenschau 1939 nach Stuttgart zu holen. Die Weißenhofsiedlung stand dem städtebaulichen Ideal der Nationalsozialisten konträr entgegen und sollte abgerissen werden.
Die Brenzkirche wurde als Schandfleck diffamiert, der den Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland der Gartenschau nicht zumutbar sei. Reaktionäre Kräfte aus der Gemeinde, der Architektenschaft (u.a. vor allem Paul Schmitthenner) und der Stadtverwaltung einigten sich rasch im Sommer 1938 über eine „Germanisierung“ mit Pultdach, Glockenturm, normale Fenster, Wegfall der runden Ecke etc. Mit diesen Maßnahmen, in weniger als einem halben Jahr realisiert, verschwand die Brenzkirche aus dem Blick und der Aufmerksamkeit.
Auch sie wurde im 2. Weltkrieg beschädigt und 1946/47 wieder aufgebaut, vom gleichen Architekten, der sie willfährig 1939 „germanisiert“ hatte – Rudolf Lempp – und der, man wundert sich nicht oder ist doch fassungslos über die Haltung der Gremien, die Kirche im Stil 1939 wieder aufbaute.

RED: 1983 wurde die Brenzkirche zum Denkmal der Arisierung erklärt – Lob drückt sich irgendwie anders aus… Was lässt sich über die Nachkriegsjahre sagen?

AK: Schandtaten müssen belegt werden und sichtbar bleiben. Dies mag vielleicht ein Beweggrund gewesen sein, dass die Denkmalbehörde die Kirche 1983 unter Schutz stellte und damit einen Zustand festschrieb - bis heute - der die originale Intention des Architekten und der damaligen Bauherrschaft ausblendet und dazu in Kauf nimmt, dass viele kleinere „Reparaturen“ an und in der Kirche zwischen Kriegsende und den frühen 80er Jahren mit geschützt werden. Ein von der Theorie her gesehener durchaus zu akzeptierender Grundsatz, der – nach unserer Auffassung – nur leider nicht berücksichtigt, dass die Kirche durch die Lemppsche Umgestaltung quasi unsichtbar wurde und bis heute eine große Mehrzahl von Nicht-Killesberg-Bewohnerinnen und -bewohnern an  ihr vorbeigeht und sie nicht bemerkt. Eine Kirche in der Gestalt von 1933 zusammen mit einer aufwändigen Dokumentation über die zahlreichen Metamorphosen würde vielleicht mehr bewirken… Ein erster kleiner Schritt ist die sehr gute Broschüre „Stuttgarter Bauheft 01“

RED: Wie auch andere Stuttgarter Kirchen ist die Brenzkirche in die Jahre gekommen. Woran zeigt sich das?

AK: Viele kleine und größere Bauschäden, die Ausstattung ist auf dem Niveau der 80er Jahre stehen geblieben etc. Eine grundlegende Sanierung – auch energetisch – ist in jedem Falle unabdingbar.

RED: 2019, also wiederum im Jahr des „100 Bauhaus“, wurde Ihr Förderverein gegründet. Welchen Zweck verfolgen die Mitglieder des Vereins?

AK: Ein erstes Ziel ist es, die radikale Modernität des Daiber’schen Entwurfs wieder bewusst zu machen und begangenes Unrecht aufzuzeigen. Die Brenzkirche ist Eigentum der Gesamtkirche Stuttgart. Dort allein fallen die Entscheidungen. Wir möchten bei der Suche nach einer Wiedergutmachung mithelfen. Und dies verbinden mit der Frage, wie Kirche heute und morgen den Menschen begegnet, für sie da ist, ihnen offensteht.

RED: Und abschließend die Frage: Quo vadis Brenzkirche?

AK: Ein hochkarätig ausgeschriebener Wettbewerb könnte aufzeigen, wie sich diese Kirche im 21. Jahrhundert positioniert. Wir freuen uns natürlich sehr, dass Stuttgart die IBA2027 beherbergen wird und hoffen, dass die Brenzkirche architektonisch und städtebaulich (als Mittelpunkt / Zentrum des gesamten Areals um den Killesberg mit Weißenhofsiedlung, Akademie der Künste, Augustinum, Killesberghöhe, Kochenhofsiedlung, Rote Wand) entsprechende Aufmerksamkeit und Förderung erfährt. Um wahrgenommen zu werden, müssen wir viele sein. Deswegen laden wir sehr herzlich und nachdrücklich zur (kostenfreien) Mitgliedschaft ein.

RED: Ganz herzlichen Dank, lieber Herr Keller, für die Führung durch den architektonische Wandel der Brenzkirche. Wer den Förderverein untersützen möchte, also als Mitglied oder mittels Spenden, wendet sich am besten per Mail an diesen und erhält dort alle weiteren Informationen.

Fotos: Ev. Kirchengemeinde Stuttgart Nord