Evangelische Kirche in Stuttgart

Weltflüchtlingstag

Gedenktage gibt es viele, aber manche sind besonders wichtig. So findet der Weltflüchtlingstag in Deutschland seit 2015 zeitgleich mit dem Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung statt - "ein Gedenken der weltweiten Opfer von Flucht und Vertreibung, als auch der deutschen Vertriebenen".

Pfarrer Joachim Schlecht - Asylpfarrer und landeskirchlicher Beauftragter für Asyl und Migration

In Sachen Geflüchtete kennt er sich besonders gut aus: Asylpfarrer Joachim Schlecht. Anlässlich des anstehenden Weltflüchtlingstags am 20. Juni haben wir uns mit ihm getroffen und mal das Thema Flucht und den Aktionstag näher beleuchtet. Wer hier was tut und warum man sich insbesondere auch als Nicht-Flüchtling engagieren sollte, verrät er im Interview.

RED: Blättert man sich durch einen Abreißkalender, so findet man den Weltgebetstag (1. Freitag im März), den Welthospiztag (2. Samstag im Oktober) und am 20. Juni den Weltflüchtlingstag. Was ist das für ein besonderer Tag?

JS: Für mich ist er wichtig, weil wir damit Geflüchteten und uns Engagierten einen Tag des Gedenkens an Verstorbene und die Trauer über den Verlust der Heimat anbieten. Ich meine, das braucht die Seele. Die Vereinten Nationen (UN) haben ihn im Jahr 2000 zum 50jährigen Bestehen des UNHCR ausgerufen. Es gab allerhand lokale Vorläufer. An ihm veröffentlicht die UN medienwirksam den aktuellen Flüchtlingsbericht über das vergangene Jahr. Wie viele Menschen fliehen wohin? Wie viele konnten zurückkehren? Was sind derzeit die brennenden Themen? Das erzeugt jedes Jahr hohe mediale Präsenz des Themas Flucht.

RED: Warum braucht es Jahr für Jahr diesen festen Tag im Kalender?

JS: Flucht ist ein ewiges Menschheitsthema. Allerdings, wer gerade sicher ist, verdrängt es gerne, es macht Angst. Doch die Flüchtlinge brauchen es, gesehen zu werden und die Verursacher sollen nicht so leicht unter der Decke der Angst ihr böses Spiel weitertreiben können. Es ist ein Tag gegen Verdrängung und des Werbens für die Anliegen der Flüchtlinge.

RED: Der Arbeitskreis Asyl Stuttgart und das Asylpfarramt sowie deren UnterstützerINNEN nehmen jedes Jahr am landesweit organisierten Weltflüchtlingstag teil. Was ist für 2021 geplant?

JS: Wir tanzen gleich auf zwei Hochzeiten. Es wird ein Aktionscamp in Stuttgart geben, bei dem für die Seenotrettung und ein Flüchtling-Sonderkontingent in Baden-Württemberg demonstriert wird, damit der neue Koalitionsvertrag diesbezüglich mit Leben gefüllt wird. Da werden wir mitmischen.
Zugleich wollen wir, wie jedes Jahr, mit einer Gruppe zum landesweiten ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken der Opfer von Flucht und Vertreibung mit den Bischöfen fahren, dieses Jahr in Heidelberg. Nach dem Stationen-Gottesdienst bei der Patrick Henry Village werden wir in Heidelberg flanieren und das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma besuchen. Denn ein  Anliegen ist beim Ausflug, mit Geflüchteten über unsere und ihre dunkle Geschichte des Hasses auf Minderheiten ins Gespräch zu kommen.

RED: Und wie beteiligen sich der Arbeitskreis Asyl Stuttgart und das Asylpfarramt an diesem Tag?

JS: Der Ak Asyl Stuttgart vernetzt FlüchtlingsbegleiterINNEN aus den Freundeskreisen und Geflüchtete in Stuttgart. Er organisiert die gemeinsame Fahrt, lädt ein, schaut, dass wir gemeinsam in den Rheinauen picknicken können und hoffentlich alle wieder mit zurückkommen. Bei der Sprachenvielfalt ist nicht immer ganz klar, ob alle verstanden haben, wo der Treffpunkt für die Rückfahrt ist. Darum sind wir auch an weiteren spontanen Begleitenden froh - leider ist dieses Jahr aber die Teilnahme begrenzt. Interessierte können trotzdem beim Asylpfarramt mal nachfragen. Denn das Asylpfarramt samt Sekretariat leitet den Ak Asyl und stellt schlicht professionelle Büroinfrastruktur und Beratung zur Verfügung - im Sinne „Ehrenamt braucht Hauptamt“ als Background.

RED: Welche Strahlkraft in (kirchen-)politischer Hinsicht hat der Weltflüchtlingstag Ihrer Meinung nach?

JS: Seine Bedeutung wächst, seit die Bundesregierung den Tag zum Gedenken der Opfer von Flucht und Vertreibung des II. Weltkriegs mit dem Weltflüchtlingstag zusammengelegt hat. Das ist für beide Seiten noch eine Herausforderung, den je andere mit seinem Leid so nah und gleich betroffen anzuerkennen. Da stoßen auch wir eher als links bezeichneten heutigen FlüchtlingshelferINNEN und die oft eher als rechts bezeichneten Vertriebenenverbände aufeinander und merken, dass die anderen auch nur Menschen sind. Das ist gut so. Menschen beider Gruppen sind oft zugleich kirchlich engagiert. Für die vielen, oft sehr gefährdeten Mitarbeitenden des UNHCR in den Flüchtlingslagern weltweit ist es wichtig, ihr Anliegen des Menschenrechts auf Flüchtlingsschutz an dem Tag in besonderer Weise in die Öffentlichkeit bringen zu können. Vor Ihnen verneige ich mich an diesem Tag besonders.

RED: So, nun konkret – wer Interesse und Lust hat, sich zu beteiligen und zu engagieren, meldet sich wo?

JS: Evangelisches Asylpfarramt Stuttgart, Christophstraße 35 in 70180 Stuttgart. Zu erreichen unter 0711 207096-29 oder per Mail.

RED: Ganz herzlichen Dank, lieber Herr Schlecht, und dann wünschen wir Ihnen viele MitstreiterINNEN, sowohl hier in Stuttgart vor Ort als auch bei der Fahrt nach Heidelberg.